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Luchs Juni 2017: Lauren Wolk "Das Jahr in dem ich lügen lernte"

Buch-Cover: Das Jahr, in dem ich lügen lernte

Kinder- und Jugendbuchpreis Luchs

Luchs Juni 2017: Lauren Wolk "Das Jahr in dem ich lügen lernte"

Der Luchs-Buchpreis des Monats Juni geht an Lauren Wolk für ihr Buch "Das Jahr in dem ich lügen lernte". In dem Kinderbuch erkennt das Mädchen Annabelle erst durch die Lüge den Wert der Wahrheit. Unsere Buchexpertin Anja Robert hat das Buch gelesen.

Luchs Juni 2017: Lauren Wolk "Das Jahr in dem ich lügen lernte"

COSMO | 11.06.2017 | 04:18 Min.

Cosmo: Was ist für Dich das Besondere an diesem Buch?

Anja Robert: Das Besondere finde ich, ist die Stimme des Mädchens, das die Geschichte erzählt. Sie heißt Annabelle, ist elf Jahre alt und lebt auf einer Farm in Pennsylvania. Annabelle erzählt im Rückblick die Ereignisse einiger Wochen im Herbst des Jahres 1943. Soweit nichts Ungewöhnliches, aber wie sie das erzählt! Die Story beginnt damit, dass ein neues Mädchen in Annabelles Leben auftaucht, eine neue Mitschülerin – und ohne, dass Annabelle ihr irgendetwas getan hätte, fängt diese Betty an, Annabelle zu quälen. Annabelle will sich das nicht gefallen lassen, aber sie will auch nicht einfach zurückschlagen: Sie will das Richtige tun. Wie sie das erzählt, ganz klar, sehr ernst und eindringlich, das hat mich im Lauf der knapp 300 Seiten fast hypnotisch in das Buch hineingezogen. Annabelles Stimme ist mir noch lange nach dem Ende der Geschichte nicht aus dem Kopf gegangen, ohne, dass ich gleich sagen konnte, warum.

Cosmo: Und, weißt du es jetzt?

Anja Robert: Ja, ich glaube schon. Die amerikanische Autorin Lauren Wolk bekommt das Kunststück fertig, dass Annabelle einerseits wie eine echte, sehr liebenswerte Elfjährige klingt: Sie erzählt warm und lebendig von ihrem Leben auf der Farm, vom Kochen und Backen, dem Füttern der Hunde und der Pferde, von ihrer Großfamilie, den wilden kleinen Brüdern, der liebevollen Mutter und der ziemlich nervigen Tante – das hat fast ein bisschen Bullerbü-Feeling. Gleichzeitig passieren im Lauf der Geschichte aber schreckliche Dinge. Die erzählt Annabelle im Rückblick, mit einer Stimme, die sehr viel älter klingt als ihre elf Jahre: Entschlossen und tapfer, mit einem prüfenden Blick auch auf sich selbst. Wie sich diese beiden Stimmen verflechten, das ergibt einen ganz besonderen Klang, den ich bisher noch in keinem Kinderbuch gehört habe.

Cosmo: Von diesem Klang mal abgesehen: Du sagst, es passiert viel Schreckliches – was denn eigentlich?

Anja Robert: Es fängt noch harmlos an: Betty nimmt Annabelle das Taschengeld ab. Dann lauert sie ihr im Wald mit einem Stock auf, sie droht, ihren kleinen Brüdern wehzutun. Dann verletzt sie Annabelles beste Freundin mit einer Schleuder so schwer, dass diese erblindet. Danach nimmt die Geschichte erst richtig Fahrt auf – aus dem Mobbing-Drama entwickelt sich ein spannender Kriminalfall: Betty verschwindet. Der Verdacht fällt auf einen Sonderling und Einsiedler, eine ganz üble Hetzjagd  beginnt. Annabelle, die diesen Einsiedler besser kennt als die meisten anderen, möchte ihn retten und versteckt ihn. Von da an muss sie mit einem ganzen Arsenal an Ausreden und Halbwahrheiten hantieren, damit die Sache  nicht auffliegt – bis sie schließlich mit einer geschickt inszenierten Lüge zumindest einen Teil der Wahrheit ans Licht bringen kann.

Cosmo: Also gibt es ein Happy End?

Anja Robert: Nein, gar nicht, denn am Ende der Erzählung sind zwei Menschen tot und Annabelle, die ja eigentlich nur Gutes wollte, ist für dieses schlimme Ende mitverantwortlich. Auch das finde ich sehr ungewöhnlich und gelungen an diesem Buch: Dass Annabelle ihre Mitschuld, oder sagen wir Verantwortung, nicht weg redet. Sie hat nicht nur gelernt zu lügen, sondern auch, wie wertvoll die Wahrheit ist. Und dass ein Mensch immer Schuld auf sich lädt: wenn er handelt, und auf andere Weise auch, wenn er nur zuschaut. Aber diese Erkenntnis haut sie nicht um, sie lässt sich nicht klein machen davon. Im Gegenteil: sie wächst sogar daran. Das macht aus diesem sehr ernsten, teilweise fast altmodisch anmutenden Kinderbuch eine ganz kraftvolle, positive Geschichte mit einer starken Heldin, die unseren „Luchs“-Preis verdient hat.

Buch-Info:

  • Titel: Das Jahr, in dem ich lügen lernte
  • Autor: Lauren Wolk
  • Verlag: Hanser Verlag
  • Altersempfehlung: ab 12 Jahren
  • Preis: 16,00 Euro

Stand: 11.06.2017, 10:35