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Geschichten aus dem Migrationshintergrund

Fatma Aydemir: "Ellbogen"

Noller liest

Geschichten aus dem Migrationshintergrund

Von Ulrich Noller

Zwei literarische Debüts aus der Einwanderungsgesellschaft: "Ellbogen" von Fatma Aydemir, ein türkisch-deutsches Berliner Jugenddrama - und Tijan Silas deutsch-bosnische Schelmengeschichte "Tierchen unlimited"

Noller liest - Geschichten aus dem Migrationshintergrund

Funkhaus Europa | 15.02.2017 | 07:55 Min.

Großer Hype um "Ellbogen" (Hanser, Euro 20), den Debütroman von Fatma Aydemir, taz-Journalistin, geboren 1986 in Karlsruhe. Ein rauhes Juwel dieser Roman, eine ganz besondere Geschichte. Voller Kraft und Wahrhaftigkeit - so in etwa der Tenor, mit einer Authentizität erzählt, an der es der jüngeren deutschen Literatur (insbesondere auch von Migranten) ansonsten vielfach mangele.

Fatma Aydemir: "Ellbogen"

Okay. In der Geschichte geht's jedenfalls um Hazal. Sie ist 17 und lebt im Wedding in Berlin. Hazal stammt aus einer kleinkariert-konservativen türkischen Familie, versauert in einer berufsbildenden Maßnahme, ist gefangen in Zwängen, sieht kein Licht am Ende des Tunnels. Immerhin, sie wird bald 18. Das muss gefeiert werden, zusammen mit den Freundinnen, heftig, aber heimlich, sonst würden es die Eltern natürlich verhindern. Gut, dass es Mittel und Wege gibt. Klassisch: die Übernachtung bei einer Freundin. Schlecht, dass die Feier eskaliert, und zwar gewaltig: Im Suff zetteln die Mädels eine Schlägerei mit einem "Studenten" (samt Jutebeutel) an, der ihnen in der U-Bahn blöd kommt – und Hazal wirft ihn letztlich auf's Gleis, kurz vor Einfahrt eines Zuges. Danach, klar, ist nichts mehr wie zuvor...

"Dieser Tritt, das bin ich." Der Kernsatz der entscheidenden Szene dieser Geschichte. Hazal tritt den "Studenten" und damit auch sich ins Verderben. Allerdings empfindet sie diesen Tritt auch als Befreiung gegen all die Beschränkungen und Erniedrigungen, die das Leben, das sie zu führen gezwungen ist, ihr zumutet.

Diese Szene ist ein Wendepunkt für die Handlung von "Ellbogen" - aber auch ein Scheidepunkt, was die Qualität des Buches angeht: Fatma Aydemir hat ein tolles Gespür für Dramaturgie. Und sie kann schreiben, in manchen Sequenzen, insbesondere am Anfang, schafft sie es, ganz und gar nahe dran zu sein an ihrer Heldin, die sie aus der Ich-Perspektive begleitet. Da werden Milieu und Aussichtslosigkeit gekonnt ausgeleuchtet.

Leider aber hält Aydemir diesen Ton, diesen Blick, diese Perspektive, diesen stilisierten Jugendslang nicht konsequent durch. Immer wieder verliert sie die Nähe zu ihrer Ich-Erzählerin, da geht dann wohl die Journalistin samt akademischer Bildung, da geht die Berichterstatterin mit der Autorin durch.

Was wegen des Studenten mit dem Jutebeutel nicht bloß problematisch ist, sondern letztlich die ganze Geschichte diskreditiert, eben weil es den alles entscheidenden Twist betrifft: Wäre die Story wirklich konsequent stets nahe dran an Hazal, wäre es schon okay, dass der Tod des Studenten so völlig egal ist, ohne irgendwelche "moralischen" Bedenken oder einfach nur ein schlechtes Gewissen - dann wäre das eben konsequent Hazals Sichtweise. Dadurch, dass "Ellbogen" aber eben nicht ganz und gar bei Hazal ist, sondern sich ebenso auch als ein Statement liest und versteht, bekommt diese "Befreiung" einen miesen Beigeschmack. Kurz gesagt: Für die Heldin ist fehlende Empathie unerlässlich, bei einer Autorin unverzeihlich. Zumal, wenn sie zugleich alles Verständnis der Welt für ihre im doppelten Wortsinn wütende Heldin aufbringt. Und das Opfer dann auch noch derart, also mit einem einfallslos reproduzierten Dumpf-Klischee aus der Gangsterrap-Kultur, eben als typisches "Opfer" abzuwatschen, ist schon krass.

By the Way: "Nur eine tote Kartoffel ist eine gute Kartoffel?" - so ist bei Amazon eine Rezension des Romans betitelt, deren Verfasser sich Gedanken über die Rollen "der Deutschen" in der Geschichte macht. Und ja, auch darüber könnte man diskutieren. Umgekehrter Rassismus? Würden wir ja ebenso verurteilen wie den ganz simplen Rassismus. Oder? Der Verfasser der Rezension bringt folgendermaßen zum Ausdruck, was die Lektüre von "Ellbogen" bei ihm bewirkt hat: "Mich jedenfalls hat der Roman an einen Punkt gebracht, an dem ich kurzzeitig darüber nachdachte, ob manche idiotische AfD-Position vielleicht doch nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Falls das die Absicht der Autorin war: Gratulation."

Alles in Allem hat man jedenfalls stark den Eindruck, dass dieser Roman streckenweise unausgegoren bleibt (das betrifft übrigens auch den komplett misslungenen dritten Teil in Istanbul) und sowieso im Ganzen nicht zu Ende gedacht wurde. Bedauerlicherweise, denn sein Potential ist unbestreitbar.

Tijan Sila: Tierchen unlimited

Apropos Gewalterfahrung, davon hat auch "Tierchen unlimited" (Kiepenheuer & Witsch, Euro 18) was zu erzählen, Und zwar gleich zu Beginn: "Ich floh nackt und blutend auf einem Rennrad. Das Blut floss auf Platzwunden, die ich auf den Lippen und Augenbrauen hatte, und aus meiner Nase, es sammelte sich in dunklen Zeilen auf meiner Brust. Fuhr ich über ein Schlagloch, stoben rote Tröpfchen in alle Richtungen davon, als schüttele sich ein Tier trocken, und meine Füße glitten aus den Pedalhaken. Sie kreisten beim Versuch des Wiedereinsteigens hilflos durch die Luft. Außerdem jaulte ich jede Mal, da der Sattel den Aufprall der Laufräder wie ein Schlagkolben in den verletzten Schwellbereich meines Geschlechts leitete. Mein Penis, meine Hoden, sie hatten ihre ursprüngliche Form aufgegeben und waren zu einem dunklen Ödem verwachsen."

Ja, okay, typisch Mann dieser Romananfang. Ein Typ in tiefer Sorge um's Zentrum der Welt. Alles klar. Aber kein so schlechter Einstieg, oder? Zumal das Zentrum der Welt in der Szene ja nun keine allzu gute Figur macht... Jedenfalls: Grün und blau geschlagen, flieht ein junger Mann auf dem Rennrad vor wem auch immer durch die pflälzische Provinz - bis er von ein paar Rentnern im Auto aufgelesen, mit einer Fleecejacke versehen und ins nächste Krankenhaus gebracht wird. Was auch keine so angenehme Situation ist, mal vom Schmerz abgesehen, wenn man bloß eine Fleecejacke trägt und der Notarzt einen ohne Ersatzklamotten wieder wegschicken will.

Der junge Mann, so Mitte 20, ist der Erzähler von Tijan Sila. Sein Name wird nicht genannt, man darf aber davon ausgehen, dass es sich um ein Alter Ego handelt. In verschiedenen Schleifen geht's dann um die Erinnerung und Gegenwart dieses Erzählers, um seine Abenteuer, um seine Niederlagen, um seine Geschichte, und die ähnelt der des Autors: Als Teenager kam er mit den Eltern aus Sarajewo nach Deutschland. Jetzt ist er Student in Heidelberg, nachdem er sich von der Hauptschule aus "hochgearbeitet" hat. "Tierchen unlimited" fußt auf zwei zeitliche Ebenen: Hier die Kindheit im belagerten Sarajewo, da das Erwachsenwerden im merkwürdigen Deutschland, samt diverser Mädchen, die auffällig oft Skinhead- bzw. Nazibrüder haben. Und klar, natürlich geht es auch, eine Zeit lang zumindest, um den hübschen Spannungsbogen mit dem Flüchtenden auf dem Fahrrad: Wie kam's dazu, dass er nackt und mit blauen Flecken auf dem Rennrad durch die Gegend fährt? Wie wird das Ganze ausgehen? Und wie weiter?

Tijan Sila lebt in Kaiserslautern, er arbeitet als Lehrer an einer berufsfördernden Schule, hat Germanistik und Anglistik in Heidelberg studiert. Geboren wurde er 1981 in Sarajewo, 1994 floh er mit der Familie vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland. Ganz offensichtlich also, dass sein Debütroman, wie exakt auch immer, autobiographisch inspiriert ist. Hier und da folgen kleine Schwächephasen, aber insgesamt hält dieser ganz zeitgenössische Schelmenroman das Niveau seines tollen Einstiegs. Tijan Sila ist ein starker Erzähler, konzentriert und kreativ und komisch. Er zieht alles und jeden durch den Kakao, vor allem aber sich selbst. Auch deshalb: Eine echte Entdeckung, tolle Unterhaltung, großes Vergnügen.

Stand: 14.02.2017, 10:00