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Menschen in Städten

Literaturtipp

Menschen in Städten

Von Ulrich Noller

Lesenswerte Geschichten aus Guatemala, Mexiko und Singapur: “Signor Hoffmann” von Eduardo Halfon, “Ich verkauf dir einen Hund” von Juan Pablo Villalobos und “Ministerium für öffentliche Erregung” von Amanda Lee Koe.

Zum Beispiel Israel. Jerusalem, genauer gesagt. Eduardo Halfon reist mit seinem Bruder an, über den Flughafen in Tel Aviv, klar. Am Gepäckband beobachtet er ein paar Stewardessen von der Lufthansa – und erkennt plötzlich unter ihnen eine Frau wieder, Tamara, mit der er einst eine Affäre hatte. Eine unvollendete Affäre, auf eine Weise. Die beiden werden sich treffen, in Jerusalem, ein paar Tage später. Und sie werden dann, so kann man annehmen, etwas fortsetzen, vielleicht sogar vollenden. Ein Glück, ein Lichtblick für Eduardo, der nur deshalb in die Stadt gekommen ist, unwillig, weil die jüngere Schwester heiratet. Standesgemäß, sie hat sich der Religion und einem überzeugten Orthodoxen zugewandt, die mehrtägigen Feierlichkeiten sind für Freigeister und Halbgläubige nicht eben ein Vergnügen...

Eduardo Halfon: “Signor Hoffmann”

Eduardo Halfon: “Signor Hoffmann”

So ungefähr geht, kurz zusammengefasst, eine der acht Storys, die Eduardo Halfon in "Signor Hoffmann" (Hanser Verlag, Euro 20) erzählt. Allesamt autobiographische Geschichten, die sich mit der Frage der Identität befassen. Halfon, geboren 1971, Literaturprofessor, lebt im Moment in den Vereinigten Staaten; er stammt aus Guatemala, seine Vorfahren waren Juden aus Syrien, dem Libanon, Ägypten und Polen, sie alle mussten irgendwann irgendwie irgendwo flüchten, die Familie lebt über die halbe Welt verstreut. Die Frage der Identität hat dieser Autor also in vielfacher Weise vermutlich schon mit der Muttermilch aufgesogen; seine Antwort-Versuche in Form von Geschichten sind elegant und auf eine sehr spezielle Weise komisch. Macht Spaß zu lesen, denn Halfon ist ein Könner, der Bescheid weiß, wie das Erzählen funktionieren kann, und der das auch noch umzusetzen vermag - erstklassig.

Juan Pablo Villalobos, geboren 1973, stammt aus Mexiko, er arbeitet und lebt derzeit in Barcelona. In "Ich verkauf dir einen Hund", (Berenberg Verlag, 24 Euro) seinem dritten Roman, der auf Deutsch erschienen ist, erzählt er von einem älteren, aber absolut virilen Herrn, der in ein Haus einzieht, in dem offensichtlich bloß Rentner leben. Kein Altersheim, aber durchaus eine Art Plattenbau-Hausgemeinschaft für die etwas betagtere Generation. Der Neuankömmling hat ein Leben als Taco-Verkäufer auf der Straße hinter sich, merkwürdigerweise halten ihn aber alle für einen Romanautor. Insbesondere Francesca, eine Art Chefin des Hauses, die den Literaturkreis leitet. Und die der Erzähler, Viagra sei Dank, gerne – unbedingt sogar! – rumkriegen würde. Weshalb er, auch wenn sich innerlich alles dagegen sträubt, möglicherweise doch Romanautor werden müsste, das, nur das, würde ihm wohl Chancen einräumen, oder nicht?

Juan Pablo Villalobo: “Ich verkauf dir einen Hund”

Juan Pablo Villalobo: “Ich verkauf dir einen Hund”

In seinem Buch erzählt Villalobos drei Geschichten: Die des Mannes mit dem Roman, der möglicherweise der hier vorliegende ist. Die der Menschen aus dem Haus und aus den Straßen und Läden und Cafés drum herum. Und last not least die Lebensgeschichte des spätberufenen Schriftstellers, er wollte nicht immer Taco-Verkäufer werden und sein, er hatte andere Pläne. Alles in allem ergibt das ein paar Stunden lustiger, absurder, angenehm anarchischer Unterhaltung. Und der Nylonstrumpf im Hundemagen ist auf jeden Fall ein Trennungsgrund für die Ewigkeit, darauf muss man erstmal kommen.

Eine Entdeckung: Amanda Lee Koe, um die Dreißig, Autorin und Kolumnistin – aus Singapur. Na ja, genauer gesagt: aus New York und Singapur, sie lebt in beiden Städten. Die sechzehn Geschichten ihres Debüts "Ministerium für öffentliche Erregung" (Culture Books Verlag, 22 Euro) sind allerdings in Singapur angesiedelt, zusammen ergeben sie ein Bild der Stadt, der Menschen, die sich in der Metropole durchzuschlagen haben. Ein Bild, das man sich wie ein Musikvideo oder einen etwas experimentelleren Dokumentarfilm vorstellen kann – knallbunte Strahler lassen ihre Lichtkegel mal hier-, mal dorthin wandern, und da, wo dann etwas zu sehen ist, ist Amanda Lee Koe nicht nur direkt mit dabei, sie schaut und hört direkt mal etwas genauer nach...

, Amanda Lee Koe: “Ministerium für öffentliche Erregung”

, Amanda Lee Koe: “Ministerium für öffentliche Erregung”

Und direkt meint: DIREKT: Die Storys sind schnell, plakativ, flüchtig, sie zielen auf den Augenblick, auf das Leben im Moment. Ein buntes und vielfältiges Leben, Singapur ist ein asiatischer Schmelztiegel, und die Geschichten, zusammenmontiert aus kleinen Allagssplittern, flüchtigen Begegnungen und kurzen Augenblicken, lesen sich sehr modern und zeitgenössisch. Könnte (fast) jede größere Metropole sein, ist aber Singapur. Amanda Lee Koe erzählt mal klassisch, mal arrangiert sie aber auch ganz unerwartet und überraschend, das macht Spaß und überrascht immer wieder und nimmt die Leser mit. Eine Entdeckung, wie gesagt, von dieser Autorin wird man sicher noch einiges hören - und lesen sowieso...

Stand: 20.12.2016, 16:00