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Atome, Patronen, Islamisten

Krimitipps - Februar 2017

Atome, Patronen, Islamisten

Von Ulrich Noller

Aktuelle Kriminalliteratur aus Deutschland: "Brand" von Ulrich Effenhauser, "Der anatolische Panther" von André Pilz und Gregor Webers "Asphaltseele".

Buchcover von Ulrich Effenhauser: "Brand"

"Brand" ist ein sehr besonderer und ebenso lesenswerter - allerdings schon auch etwas spezieller "Kriminalroman". Nicht ganz leicht zu sagen, was genau für eine Story Ulrich Effenhauser in seinem Roman eigentlich erzählt: Einerseits ist "Brand" ein Bericht, der in einer Behörde über eine Ermittlung angefertigt wird. Andererseits - und das ist ein roter Faden - geht’s um einen BKA-Agenten, der von 1985 bis in die Gegenwart eher "nebenbei" einen merkwürdigen Fall, tja, nicht ermittelt, eher rekonstruiert. Bei diesem Fall handelt es sich - und das ist die dritte Dimension - um einen sowjetischen Atomwissenschaftler, zur Zeit seines Ablebens Sicherheitschef in Tschernobyl, der in Mexiko-Stadt erschossen wurde, kurz vor der Havarie des Kernkraftwerks. Und damit schwingt zum Vierten "die" große Geschichte der Nutzung der Atomkraft im 20. Jahrhundert mit, zivil und militärisch, vom Zweiten Weltkrieg bis heute.

Jede Menge Stoff, hört sich nach einem dicken Schinken an, allerdings schafft Ulrich Effenhauser es, all das in ein schmales Buch von 137 Seiten zu packen - das durch die Zeit und um die halbe Welt führt. Effenhauser, geboren 1975, Historiker, lebt und arbeitet als Lehrer in Bayern an der Grenze zu Tschechien. Sein Roman ist eine als Krimi verpackte alternative Geschichtsschreibung, aber keine "realistische", sondern eine, in der Möglichkeitsräume ausgelotet werden. Ein Roman, der - wenn man so will - perfekt ins postfaktische Zeitalter passt. "Brand" ist knapp und karg, Literatur für mitdenkende Leser, mit großen Assoziationsräumen. Wer so etwas mag, hat mit der Geschichte garantiert sein Vergnügen.

Buchcover von André Pilz: "Der anatolische Panther"

Tarik, Mitte 20, türkischstämmiger Münchener, ist der Held des Romans "Der anatolische Panther" von André Pilz. Mit seinem gebrechlichen Großvater, der ihn einst aus der Türkei nach Deutschland holte, lebt Tarik in einem Plattenbau, meist hängt er mit seinen Kumpels ab. Tarik war mal auf dem Sprung zum Fußballprofi, bei 1860 und bei St. Pauli, daher auch "der anatolische Panther", so nannten sie das Talent mit der Eisengrätsche. Aber das ist Vergangenheit.

Jetzt, in der Gegenwart, hat Tarik zwei große Probleme: "Nteba", seine große Liebe, eine Kubanerin, musste zurück in die Heimat. Oder nicht? Jedenfalls ist sie weg, und er leidet. RICHTIG. Und dann ist da noch Beer, der Bulle. Er hat Tarik in der Hand. Beer hat einen Spezialauftrag, er lässt dem Panther keine Wahl: Der Panther soll sich in die Entourage eines islamistischen Predigers einschleichen, der in der Nähe eine Moscheegemeinde hochgezogen hat, der Mann scheint etwas Größeres zu planen. Und weil Tarik nicht nur liebeskrank, sondern sowieso schon ziemlich impulsiv ist, wird’s bald reichlich brenzlig...

Genau so, also impulsiv und unbefangen, erzählt André Pilz Tariks Geschichte, hoch engagiert, voller Kraft und Leidenschaft. Erzählen aus vollem Herzen, sozusagen. Das hat Ecken und Kanten und funktioniert nicht immer hundertprozentig astrein, grenzt sich aber angenehm ab von der wohltemperierten Bürgerliteratur, die man hierzulande in der Regel als "zeitgenössisch" präsentiert bekommt. Insofern: Gewagt und auch gewonnen.

Buchcover von Gregor Weber: "Asphaltseele"

Von München zum Schluss noch schnell nach Frankfurt, ins dortige Bahnhofsviertel, wo Gregor Weber in seinem Roman "Asphaltseele" (Heyne, Euro 14,99) von einem derangierten Bullen namens Ruben Rubeck erzählt. Rubeck wohnt und arbeitet schon Jahr und Tag dort, er kennt jede Eckkneipe und jeden Puff. Eines schönen Abends ist er auf dem Weg zum üblichen Besäufnis, als er in eine Schießerei verwickelt wird. Rubeck mischt mit, er tötet den Leibwächter eines Kosovoalbaners, der eigentlich eine Kiezgröße in Hamburg ist - und wird damit in einen Fall verwickelt, der viel mehr mit seiner eigenen Vergangenheit als Elitesoldat der Bundeswehr im Auslandseinsatz zu tun hat, als er zunächst ahnen kann...

"Asphaltseele" macht richtig Spaß, Genre reinsten Wassers, ein kleiner, rauer, patziger, dabei trotzdem eleganter und smart geschriebener Noir, der mit einer sehr gut austarierten Mischung aus düsterer Härte und dreckigem Witz zu glänzen weiß. Hardboiled made in Germany - Gregor Weber ist einer, der das kann, und zwar richtig gut.

Noller liest: Atome, Patronen, Islamisten

Funkhaus Europa | 01.02.2017 | 04:52 Min.

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Stand: 01.02.2017, 10:00