Live hören
Jetzt läuft: New Rules von Dua Lipa

Neues von Stephenie Meyer und Jonathan Safran Foer

Stephenie Meyer: The Chemist/Die Spezialistin

Bestsellercheck - November 2016

Neues von Stephenie Meyer und Jonathan Safran Foer

Von Ulrich Noller

Zwei brandneue Top-Kandidaten als lukrative Vor-Weihnachtsbestseller: "The Chemist/Die Spezialistin", Stephenie Meyer, die Erfinderin der "Biss"-Vampirromane versucht etwas ganz anderes. Und "Hier bin ich" von Jonathan Safran Foer, eine jüdisch-amerikanische Familiengeschichte mit Wucht.

Stephenie Meyer, die Auslöserin des Vampir-Hypes auf dem literarischen Markt vor ein paar Jahren, ist die Erfinderin der "Bis(s)"-Romane: "Bis(s) zum Morgengrauen", "Bis(s) zur Mittagsstunde" etcpp., 150 Millionen verkaufte Bücher, erfolgreiche Blockbuster-Verfilmungen, ein Megaerfolg. Was tun, wenn es sich ausgebissen hat? Meyer entschied sich für denselben Weg, den schon Harry Potter-Schöpferin Joanne K. Rowling einschlug, als ihr Zauberer-Hype ausgenudelt schien - den in die Spannungsliteratur. Klar, was sonst, Krimi geht immer, das All-Erfolgsrezept auf dem Büchermarkt.

Stephenie Meyer: The Chemist/Die Spezialistin

The Chemist/Die Spezialistin - Diesmal keine Vampire, sondern "Fachpersonal"

Stephenie Meyer also erzählt in ihrem Roman "The Chemist/Die Spezialistin", der gestern mit viel Tamtam erschien, die Geschichte einer Frau namens Julia Fortis, die im Untergrund lebt, weil man sie ermorden will, ein paar Versuche sind schon gescheitert. Früher war Julia Verhörspezialistin bei einer supergeheimen Behörde, sie weiß zu viel, deshalb soll sie sterben. Dann, und damit fängt es an, braucht die Regierung aber ihre Hilfe, weil ein Terrorist ein tödliches Virus unters US-Volk bringen will. Sie soll ihn fangen, verhören und "knacken", den Anschlag verhindern, dafür wird man ihr nicht mehr nach dem Leben trachten, versprochen. Aber natürlich kommt alles ganz anders, schließlich sind bei den Behörden (fast) alle ganz korrupt. Und so muss sich Julia zusammen mit dem vermeintlichen Terroristen samt Zwillingsbruder durchschlagen, heißt: all die korrupten Funktionäre und ihre Häscher killen.

So in etwa geht die Geschichte, angereichert mit etwas Romance, der "Terrorist" ist nämlich ein sexy Lehrer mit sportlicher Figur. Was die Story angeht, so hat Stephenie Meyer sich viele gängige Motive aus dem aktuellen US-Spionagethriller zusammengeklaut, und immerhin - das funktioniert, die 600 Seiten sind zumindest leidlich spannend. Leider kann Meyer, insofern hat sich seit ihren Vampirstoffen nichts geändert, überhaupt nicht schreiben, sie reiht bloß erzählerische Versatzstücke aneinander und beschränkt sich dabei vorwiegend auf Klischees und Plattitüden.

Das Hauptproblem ist aber die "Heldin", die Meyer sich und uns geschaffen hat: "Verhörspezialistin", das heißt nichts anderes, als dass Julia Fortis eine Expertin fürs Foltern ist. Mit wissenschaftlichen Mitteln fügt "The Chemist" Menschen größtmögliche Schmerzen zu - und lässt sie bei Bedarf dank eines eigens entwickelten Wirkstoffs auch mit einem "Herzinfakt" verrecken. So jemanden - ohne irgendwelche Ironie oder Brechnung, wie man es aus der Auftragskiller-Literatur kennt - als "positive" Identifikationsfigur zu platzieren, das ist schon ziemlich verkommen. Hinzu kommt, dass dieser Roman durch und durch rassistisch und/oder populistisch unterfüttert ist - wer nicht weiß ist oder wer "dem korrupten System" zuarbeitet, der hat beste Chancen, mal eben nebenbei mit einem Kopfschuss hingerichtet zu werden - auch das keineswegs irgendwie ironisch gebrochen. Sagen wir so: Exzellente Unterhaltungslitertur - dann zumindest, wenn man weißer US-Amerikaner und Trump-Anhänger ist.

Jonathan Safran Foer: Hier bin ich

Hier bin ich - Eine jüdisch-amerikanische Familiengeschichte mit Wucht

Noch ein dicker Schinken aus den Staaten, ebenfalls gerade erschienen, noch eine Story, die in Washington D.C. angesiedelt ist - allerdings eine ganz und gar andere: "Hier bin ich", der neue Roman von Jonathan Safran Foer, sein erster seit zehn Jahren. Hier geht's um die Blochs, eine ganz normale jüdische Familie - zwei Eltern, drei Kinder, Hund, Großvater - mit ganz normalen Problemen: Stress in der Schule, Beziehungsprobleme, Alltagswahnsinn. Jonathan Safran Foer führt tief und sehr, sehr detailliert hinein in den Lebenskosmos der Blochs, den er bis in die feinsten Ecken durchmisst und miterleben lässt, das alles sehr lebendig und witzig und anrührend erzählt. Man wird ins Leben der Blochs regelrecht verwickelt.

Auch, wenn man kein Freund ausufernder Geschichten ist, folgt man Jonathan Safran Foer auf diesem Weg gerne, er kann das, er ist ein Erzähler des Details, der selbst dem Blick auf ein leeres Sofa eine Pointe entlocken kann. Aber es gibt ja auch noch eine andere Dimension, einen ungeheuren Spannungsbogen: "Zu Beginn der Zerstörung Israels...", so fängt der Roman an. Und dieser Halbsatz bleibt natürlich hängen. Zerstörung Israels? Wieso? Wie? Wann? Erst in der Mitte des Buches gönnt der Autor seinen Lesern so etwas wie eine Auflösung, eine kurze Passage nur, die aber eine Art Epizentrum der Geschichte bildet, im wahrsten Sinne des Wortes: Im Nahen Osten ereignet sich ein massives Erdbeben, viele Länder sind schlimm betroffen, so auch Israel. Dort zeichnet sich neben der humanitären Katastrophe allerdings noch eine ganz andere ab: Das so massiv militarisierte Land ist plötzlich ungeschützt, angreifbar, verletzlich - und natürlich nach wie vor umgeben von Feinden, die es samt seiner Bewohner vernichten wollen. Diese Verletzlichkeit, die mögliche Komplettzerstörung Israels ändert alles, nicht nur für die Israelis, Jacobs Cousin zum Beispiel, der zufällig zu Besuch ist - sondern für alle Juden in aller Welt. Und natürlich auch für die Blochs in Washington, deren Leben der Autor sich anschließend wieder im Detail widmet, allerdings natürlich unter ganz anderen Bedingungen.

Sein Roman sei ein Buch über Heimat, sagt Jonathan Safran Foer, über die Frage, wo und wie man sich zu Hause fühlt. In jedem Fall entfaltet "Hier bin ich" eine ungewöhnliche, packende und sehr besondere Geschichte, die man nicht mehr so schnell vergisst. Und wie Jonathan Safran Froer scheinbar Nebensächliches - wie etwa das Schicksal des Familienhundes - über 600 Seiten inszeniert, das ist schon meisterhaft erzählt.

Bestsellercheck - November 2016

Funkhaus Europa | 09.11.2016 | 05:31 Min.

Stand: 09.11.2016, 10:36