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Ein schlechter Bestseller und zwei gute Geschichten

Cover: Philip Kerr  - "Die Hand Gottes"

Bestsellercheck - Mai 2016

Ein schlechter Bestseller und zwei gute Geschichten

Von Ulrich Noller

Neues aus den Büchercharts: "Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind" von Jonas Jonasson, "Ich schweige für dich" von Harlan Coben und "Die Hand Gottes" von Philip Kerr.

Es gibt ja so Worte, die einem grundsätzlich in bestimmten Situationen in den Sinn geraten, ganz willkürlich. "Minderbemittelt" ist so ein Wort. Es schießt mir persönlich zur Zeit immer dann in den Kopf, wenn mir der neue Roman von Jonas Jonasson ins Auge fällt, "Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind" (Carl's Books, Euro 19,99). Jonas Jonasson, das ist der Schwede mit dem Megaseller "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand", und wie zu erwarten war, dominiert auch sein neuester Roman die Büchercharts.

Cover: Jonas Jonasson  "Mörder Anders und seine Freund nebst dem einen oder anderen Feind"

Cover: Jonas Jonasson "Mörder Anders und seine Freund nebst dem einen oder anderen Feind"


Jonasson erzählt diesmal von einem grenzdebilen Dreifachmörder. Eine vom Glauben abgefallene Pfarrerin und ein frustrierter Hotelrezeptionist machen mit ihm, eben dem Mörder-Anders aus dem langen Titel der Geschichte, diverse Erfahrungen und Geschäfte, bis sich am Ende, war klar, alles zum Guten wendet. So weit, so banal, Geschichte und Charaktere könnten noch irgendwie als verschroben-skurril durchgehen, wäre da nicht die dumpfe Umsetzung: Flau-altherrenhafte Pseudopointen, eine Handlungsführung, die auch ein Gabelstapler so hinbekommen hätte und, das Schlimmste, eine sprachliche Gestaltung, die "Erwachsenen-Literatur" auf Grundschulniveau unterjubelt. Eben minderbemittelt, man kann es leider nicht anders sagen, ein Megaseller übelster Machart.

Bestsellercheck - Mai 2016

03:33 Min.

Denn natürlich ist es die Frage, ob Herrn Jonasson wirklich die Mittel fehlen, solch eine Geschichte mit einigermaßen Qualität zu erzählen - oder ob er sie strategisch genau so gestaltet hat, wie es der Fall ist. Darauf hindeuten würde auch die Tatsache, dass das Ganze einen Krimitouch hat, Krimi läuft halt einfach prima, nach wie vor. Genau genommen, muss man in den Bestsellerlisten schon lange suchen, um einen Roman zu finden, der nicht irgendwie auch irgendwas von Krimi hat. Dann doch lieber einen "richtigen" Kriminalroman, auch wenn der, kleine Pointe, eigentlich gar keiner ist.

Thriller und Familienroman

Cover: Harlan Coben "Ich schweige für dich"

Cover: Harlan Coben "Ich schweige für dich"


"Ich schweige für dich", der neue Harlan Coben, ist ein typischer Harlan Coben – bloß vermeintlich ein Thriller, tatsächlich aber ein Familienroman. So wie fast alle Geschichten von diesem US-Bestsellerdauerlieferanten, der sich immer und immer wieder daran abarbeitet, dass eine US-Norm-Vorzeigefamilie daran scheitert (oder auch nicht), dass einer der beiden Ehepartner von einem dunklen Geheimnis aus der Vergangenheit eingeholt wird. Diesmal ist´s die Mutti, die die letzte Schwangerschaft nur vorgetäuscht hat, mit einem Silikonbäuchlein, das zumindest behauptet ein Unbekannter, der ihren Mann bei einem Sportfest der Kinder anspricht, und das wiederum hat fatale Konsequenzen. Harlan Coben, was soll man sagen? Der Mann hat die Mittel, so zu schreiben, dass es auch dann, wenn er mal nicht so gut drauf ist, keine Sekunde langweilig wird, er hält immer sein Niveau. Und das kann man weiß Gott nicht von jedem Chartsautor sagen.

Desillusionierend

Apropos Krimi, der keiner ist: Das trifft zweifelsohne auch für den Roman "Die Hand Gottes" von Philip Kerr zu. Philip Kerr, geboren 1956, in London lebender Schotte, war mal ein Megaseller, in den 1990er-Jahren lieferte er einen Hit nach dem anderen ab, und zwar interessanterweise mit einer Krimireihe, die im historischen Deutschland angesiedelt ist, lange, bevor das zum Trend wurde. Heute lässt es der Brite etwas ruhiger angehen, seinen Platz im Bestsellerolymp hat er ja sicher, seine Geschichten haben aber immer wieder dickes Potential. So auch "Die Hand Gottes" (Tropen, Euro 14,95), der zweite Roman mit seinem Ermittler Scott Manson, der im Hauptberuf Trainer eines Londoner Premier-League-Vereins ist. Bekim Develi, einer seiner Spieler, fällt bei einem Quali-Spiel in Piräus tot um, später wird noch eine hochklassige Prostituierte, mit der Spieler und Trainer zu tun hatten, tot aufgefunden, darum geht’s in den Ermittlungen. Die aber eigentlich bloß Nebensache sind, en passent eingebaut, und das erst nach weit über 100 Seiten.

Cover: Philip Kerr  - "Die Hand Gottes"

Cover: Philip Kerr - "Die Hand Gottes"


Tatsächlich geht’s in diesem Roman um Fußball, Fußball und nochmal Fußball, auf, neben und jenseits des Rasens, mit allem Pipapo, und das überaus witzig, böse und kenntnisreich. Die perfekte Lektüre zum Saisonhöhepunkt und zur anstehenden Europameisterschaft - oder für danach, wenn man diese merkwürdige Leere der spielfreien Zeit bis zum Beginn der kommenden Saison überstehen muss. Prädikat: Empfehlenswert für alle, die damit leben können, in punkto Sportlichkeit des Fußballs ihre Illusionen zu verlieren.

Stand: 11.05.2016, 00:00