Wenn deine Freunde Andreas Gabalier hot finden

Andreas Gabalier auf Parkbank

Wenn deine Freunde Andreas Gabalier hot finden

Von Raffaela Jungbauer

Ich bilde mir etwas darauf ein, einen erlesenen Musikgeschmack zu haben. Klar kann ich damit falsch liegen, aber ich höre äthiopischen Jazz - ein eindeutiges Anzeichen von Überlegenheit. Meine Freunde sind nicht immer so weit vorne.

Einer stimmt gerne am Telefon die Vengaboys an, wenn er gute Laune hat. Ich dulde es, weil ich will, dass er gute Laune hat. Doch was nun geschah, ist inakzeptabel. In einer Email meiner Freundin D. lese ich die schlimmsten Worte dieses noch so jungen Jahres: "Ich finde Andreas Gabalier auf eine verstörende Art und Weise ganz hot", schreibt sie. Sie liebt den Volks-Rock’n’Roller!

Ich bin außer mir und lasse mich auf einen erniedrigenden Emailverkehr mit ihr ein, der darin endet, dass ich ihr verspreche, mir einen Tag lang alles von ihm reinzuziehen.

11 Uhr

Ausgeschlafen und fröhlich starte ich auf Youtube ein Tauschkonzert-Video, in dem Sarah Connor einen von Gabaliers Ergüssen durchintoniert. Connor auf Österreichisch singen zu hören, fühlt sich an, als wäre man in einem dieser Albträume gefangen, in denen dein Chef plötzlich deine Mutter ist und in einer fremden Sprache zu dir spricht, während du zur Schule musst und nichts anhast.

11.15 Uhr – 13.30 Uhr

Diese Pause habe ich mir redlich verdient.

13.30 Uhr

Ich betrete die Internetseite des Volks-Rock’n’Rollers. Er lacht fröhlich aus seiner Lederhose und ist stolz, als erster Österreicher ein MTV Unplugged "eingespuilt" zu haben. Jedes Mal wenn ich über ein MTV Unplugged stolpere, bin ich total irritiert, dass es MTV noch gibt. Noch irritierter bin ich erst, als ich mir ein Video davon reindonnere, wie Gabalier sich hinter einer rot-weiß-karierten Sonnenbrille zusammen mit den 257ern fragt, was ein "Hulapalu" ist. Bei der Zeile "I und du, und nur der Mond schaut zu" beginne ich zu verstehen: Ein "Hulapalu" ist ein scheiß Song.

16 Uhr

Auch diese Pause ist sehr schön gewesen. Über meiner Stadt geht gerade die Sonne unter und ich bin froh, weil der Tag ja auch gleich vorbei ist. Da fällt mir ein, dass mal durch einen seiner Songs bekannt wurde, dass Gabalier eine traurige Familiengeschichte hat. Aus journalistischer Sensationsgier schaue ich mir nun 999 Millionen Reportagen an, in denen er danach gefragt wird. JEDES Interview befasst sich nahezu ausschließlich mit dem Selbstmord seines Vaters und seiner Schwester. Stets wird ihm eine schwere Kindheit attestiert, wobei diese Ereignisse in seinem Erwachsenenleben stattfanden. Den Journalisten ist's egal. So unangenehm das alles ist - ich beginne zu verstehen, warum Gabalier beliebt ist. Seine Art, davon zu erzählen, ist demütig, friedlich und liebenswert.

18.30 Uhr

Als Betthupferl zieh ich mir rein, wie Frank Elstner Herrn Gabalier ein Liederl am Akkordeon anstimmen lässt. Ich spiele auch Akkordeon und kenne diese Situation, in denen man auf einem Hocker sitzt und gegen dieses recht laute Instrument ansingt, nur zu gut. Auch wenn ich mich mit Gabaliers Songwriting zu null Prozent identifizieren kann - er hat ja wirklich Lieder, in denen das Wort "Schweinsbraten" vorkommt - muss ich doch sagen, dass er clever ist. Geschickt platziert er einen Sprechpart, in dem er auf seine Livedaten hinweist, über die einfältigen volksmusikalischen Harmonien. Es ist davon auszugehen, dass die Hallen im März voll sein werden. Schon jetzt ziehen die musikalischen Kriegsbilder davon an mir vorbei wie die Karrieren von The-Voice-Gewinnern.

20 Uhr

Ich gehe freiwillig schlafen. Dieser Tag muss enden, und kurz wähne ich mich in Sicherheit. Doch plötzlich vernehme ich eine schauderliche Musik. Gabalier! Selbst vor Träumen macht er nicht Halt. In einer unerbittlich munteren Abfolge zwischen C- und G-Dur-Akkorden trällert er mir vor, dass er irgendwann Stadien ausverkaufen wird. Auch in meiner Nähe. Die Leute täten ihn brauchen, sagt er. A bisserl Unterhaltung bräuchten sie. Aber nix allzu Gutes bitte. Und bloß nix mit mehr Stil als sie. Sonst tätens ja neidisch werden. "So sans, die Deutschen", flüstert er in mein geschändetes Ohr. "Die brauchens immer nen Volks-Underdog." Ich beginne zu weinen, Andi küsst meine Hand. So schnell wird er nicht verschwinden.

Stand: 10.01.2017, 16:07