Warum Farin Urlaub sich als Musiker überbewertet findet

Farin Urlaub

1LIVE Plan B Interview

Warum Farin Urlaub sich als Musiker überbewertet findet

Von Jochen Schliemann

Farin Urlaub veröffentlicht am 13. Oktober "Berliner Schule" - eine Doppel-CD mit abgelehnten Demos von Die Ärzte und seinem Racing Team. Warum macht man so etwas? Ein exklusives Interview.

Farin, du bezeichnest deine neue Doppel-CD als eine Sammlung von schlechten Songs, die ziemlich lausig klingen. Warum tust du dir und uns das an?

Ich habe lange überlegt. Es gibt letztlich mehrere Gründe. Der eine ist natürlich Eitelkeit. Also, das Zeug hat sich über die Jahre angesammelt, und ich töne ja immer groß rum: "Ach, ich hab so viel Output!" Irgendwann hab ich mal den Fehler gemacht, das in einem Interview zu sagen. Dass ich noch so viele unveröffentlichte aber fertige Lieder rumliegen habe. Dann gab es ein paar Freaks, die meinten: "Jetzt zeig doch mal!" Das ist jetzt quasi nach vielen Jahren des Zierens das Zeigen. Das ist vor allem für Leute interessant, die sich wirklich sehr für Die Ärzte interessieren. Deshalb stehen in den Texten zum Album auch immer Jahreszahlen bei - damit man sieht, zu welchem Album das eigentlich mal gedacht war.

Das komplette Interview mit Farin Urlaub, sowie ab 13.10. auch das Feature zu "Berliner Schule", gibt's hier.

Spätestens mit dieser Veröffentlichung wird deutlich: Sehr früh haben die Mitglieder von Die Ärzte angefangen, alleine an Songs zu arbeiten anstatt Songs im Proberaum im Kollektiv zu schaffen...

Eine Idee können selten zwei Leute gemeinsam haben. Und das Vorspielen dieser Ideen untereinander hat sich echt hochgeschaukelt über die Jahre. Das fand ja immer im größeren Rahmen statt. Da war dann meistens schon immer der jeweilige Produzent dabei, also nicht nur die Band. Und man hat da halt echt total einen auf Pokerface gemacht bei den Stücken der anderen. So von wegen: Wenn ich jetzt zeige, dass ich den Song geil finde, dann kommt der auf jeden Fall auf das Album, und dann würde vielleicht ein Lied von mir nicht auf das Album kommen. Das hat der Felsenheimer mal zugegeben. Und ich meinte nur: "Du Hund! Du auch?"

Warst du enttäuscht, wenn deine Demos von Bela B. und Rod abgelehnt wurden?

Ja, ist man immer. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass das kein Problem ist. Aber diese Ablehnungen haben ja verschiedene gute Gründe. Einer ist halt, dass es nun mal nur begrenzten Platz auf Tonträgern gibt. Und ich kann ja nicht sagen: "Guck mal, ich hab ja so viele tolle Songs, jetzt lass mir doch bitte auch die mittelmäßigen durchgehen, selbst wenn dann eins von dir nicht draufkommt." Das geht halt nicht. Das ist wirklich knallharter Ellbogenkampf. Es geht mal harmonischer zu und mal unharmonischer. Wie in einer Beziehung. Und bei manchen Alben war ich echt... sauer kann ich nicht sagen, aber enttäuscht. Weil ich dachte: "Ey, das ist doch aber gut!" Als ich all diese Demos jetzt aber nochmal gehört habe, musste ich zugeben: Vielleicht war es ganz gut, dass damals jemand "nein" gesagt hat.

Gibt es auch Songs, bei denen du überraschst warst, dass sie überhaupt genommen worden sind?

Ja. Ich nenne jetzt keine Beispiele, wobei: eines vielleicht. Es gibt tatsächlich ein Lied, das ich komplett unterschätzt hatte. Kurz vorab: Ich hatte lange meine Demos immer aufgeteilt in potenzielle Hits, Songs mit Fragezeichen und dann noch die Songs, die ich einfach auch noch mit abgegeben habe, falls wir noch eine B-Seite brauchen oder so etwas. Da war damals der "Schunder-Song" dabei. Und das war echt so ein Song, den ich überhaupt nicht auf dem Zettel hatte. Das Arrangement war total schlecht und der Text war halt okay. Und dann haben die anderen zwei gesagt: "Da steckt was drin in dem Lied, lass uns mal an dem arbeiten." Dann haben wir das Arrangement zu dritt geändert, und das Lied wurde von Tag zu Tag besser. Schließlich ist es sogar die erste Single geworden. Also, sowas gibt es dann auch. Das ist selten, aber das gibt‘s.

Du zerstörst mit "Berliner Schule" natürlich das Bild von dir als perfektem Hit-Lieferanten.

Das ist auch Absicht. Der Princeton-Professor Johannes Haushofer hat letztes Jahr unter ziemlichem Beifall einen "ehrlichen Lebenslauf" veröffentlicht. In dem halt nicht nur drinstand, was alles geklappt hat. Sondern alles, was abgelehnt wurde, alles, was schiefgegangen ist. Er wollte das Bild mal gerade rücken, was Leute von ihm hatten, das des Super-Alphatiers, in dem er sagte: "Nee, überhaupt nicht. Da stecken ganz viele frustrierende Tage drin, an denen nichts geklappt hat und Leute meine tollen Ideen superlächerlich fanden und mich abgelehnt haben." Als ich das gelesen hab, war ich total begeistert.

Fühlst du dich als Musiker unter- oder überbewertet?

Massiv überbewertet. Allein dass du mich "Musiker" nennst, ist eine Übertreibung.

Stand: 09.10.2017, 14:49