Wie gefährlich sind die Kraftwerke wirklich?

Kohlekraftwerk in Duisburg

Kritik an Quecksilber-Studie

Wie gefährlich sind die Kraftwerke wirklich?

  • Neue Studie: Deutsche Kohlekraftwerke mit hohem Quecksilberausstoß
  • Kraftwerksbetreiber: Die Berechnungen sind falsch
  • Ökopol weist Kritik zurück

Nur eines der 53 Kohlekraftwerke in Deutschland hält die strengen US-Grenzwerte zum Quecksilberausstoß ein. Das war das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung des Hamburger Ökopol-Instituts, das die Grünen im Bundestag im Sommer 2015 in Auftrag gegeben hatten und dem WDR vorlag. Ihre Schlussfolgerung: Der Ausstoß des giftigen Quecksilbers müsste reduziert - oder die Kraftwerke stillgelegt werden.

Quecksilber

Quecksilber ist aus Fieberthermometern und Knopfbatterien bekannt. Es wird auch als Silberamalgam in Zahnfüllungen, zur Gewinnung von Edelmetallen und bei der Chlorherstellung genutzt. Wegen seiner Farbe und Beweglichkeit wurde das Schwermetall früher auch "lebendiges Silber" genannt - so die Übersetzung des althochdeutschen "quecsilabar". Quecksilber kann zwar in vielen Bereichen eingesetzt werden, ist aber auch sehr giftig. Im Körper reagiert Quecksilber mit lebenswichtigen Enzymen und hemmt deren Wirkung. Es kann zu Erbrechen und Durchfall führen, bei längerer Aufnahme auch zu Seh- und Gedächtnisstörungen sowie zu Halluzinationen. Gelangt die Substanz in die Umwelt, kann sie von Mikroorganismen in besonders gefährliche Quecksilber-organische Verbindungen umgewandelt werden. Diese schädigen das Zentrale Nervensystem und werden vom Organismus nur sehr langsam abgebaut.

Kraftwerks-Experten: Forderung ist fachlich unbegründet

Der Essener Fachverband Powertech, der Kraftwerkbetreiber wie RWE oder Vattenfall in technologischen Fragen berät, hält am Montag (04.01.2016) dagegen: "Die Forderung ist fachlich unbegründet und geht deutlich am Thema vorbei", so Sprecher Christopher Weßelmann. Zwei Punkte macht er dabei geltend: Der Vergleich mit den US-Grenzwerten sei falsch, weil in Deutschland und der EU die Quecksilberkonzentration in den Abgasen gemessen werde, in den USA dagegen der Wärmegehalt des Brennstoffs. Zum zweiten sei der US-Wert sehr niedrig angesetzt, weil die USA einen großen Nachholbedarf und strikte Vorgaben gemacht haben. Diesen offiziellen Standard gebe es übrigens noch gar nicht: Der Supreme Court habe die US-Umweltbehörde gestoppt, weil sie die gesetzlichen Vorgaben nachbessern müsse.

Die USA hinken hinterher

"Natürlich ist Quecksilber ein Problem, das ist unumstritten", sagt Weßelmann, "und die Reduzierung der Emissionen bleibt eine Aufgabe." In Deutschland und der EU hätten die Gesetzgeber die Belastung aber schon um 50 Prozent gesenkt, "seit 1990 geht die Kurve steil nach unten". In den USA dagegen habe man gerade 10 Prozent weniger Ausstoß erreicht. Dort gebe es kaum Einrichtungen zur Rauchgasreinigung - anders als in der EU.

RWE: Weitere Reduzierung schwierig

RWE-Sprecher Lothar Lambertz weist in einer schriftlichen Stellungnahme darauf hin, dass die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte in Deutschland eingehalten werden, die strenger als die der EU seien. Und anders als die Grünen, die eine Reduzierung der Emissionen für technisch möglich halten, gebe es keine marktgängigen Techniken. Bromid zum Beispiel werde in den USA eingesetzt, habe aber durchaus Nachteile für die Umwelt. "Wenn das so einfach wäre, hätte der Gesetzgeber das hier schon längst eingeführt."

Kritik an der Kritik

Ökopol wehrt sich auf Nachfrage des WDR gegen die Kritik, besonders an der Berechnung der Emissionen: "Da wird überall das Gleiche gemessen, nämlich das, was im Schornstein ist" sagt Umweltingenieur Christian Tebert. "Das ist ein einfacher Dreisatz." Was die Techniken zur Reduzierung des Ausstoßes betrifft, so sei Bromid nur eine von vielen Möglichkeiten. Und selbst das sei weniger problematisch als behauptet: "In der Klärschlammverbrennungsanlage in Bottrop wird es eingesetzt, um Quecksilber zu binden. Und da hat niemand Angst um das Wasser."

Stand: 04.01.2016, 17:50