Warum geht es nach dem Brand nicht voran?

Stellwerk in Mülheim

Warum geht es nach dem Brand nicht voran?

Von Fabian Wahl

  • Bahnverkehr im Ruhrgebiet weiter massiv gestört
  • Reparatur kann Monate dauern
  • Fahrgastverband kritisiert Investitionsstau
Ein Notfallmanager der Deutschen Bahn telefoniert in der Nähe des durch ein Feuer zerstörten Stellwerks

Der Brand verursacht Zugausfälle und Verspätungen im Ruhrgebiet

Bei Bahnpendlern im Ruhrgebiet wächst der Unmut über die anhaltenden Verkehrsprobleme im Ruhrgebiet. Bis heute ist unklar, wann die Bahn nach dem Stellwerksbrand in Mülheim-Styrum wieder zum Regelverkehr zurückkehren kann. Der Fahrgastverband Pro Bahn wirft dem Konzern vor, notwendige Modernisierungen in Stellwerken mit der sogenannten Relaistechnik verschleppt zu haben. Auch das Stellwerk in Mülheim-Styrum arbeitete mit der Relaistechnik. "Viele Stellwerke in NRW sind alt und am Ende ihrer Nutzungsdauer", sagte der Sprecher des NRW-Landesverbands von Pro Bahn, Lothar Ebbers, am Dienstag (06.10.2015) dem WDR. Die versäumten Investitionen jetzt aufzuholen, sei zeitnah kaum zu schaffen.

Pro Bahn: Nachrüstung ist schwierig

Nach Ansicht von Pro Bahn haben sich die Probleme lange abgezeichnet. "In der Ära Mehdorn hat man gerne auf Investitionen verzichtet, weil sich sonst die Bilanz verschlechtert hätte", sagte Ebbers. Es gebe immer wieder Ausfälle, weil die Stellwerke am Ende ihrer Lebensdauer seien. Alte Stellwerke könnten nicht mehr ohne Weiteres aufgerüstet werden, etwa wenn weitere Gleise verlegt werden. Eine Optimierung des Betriebes sei nicht möglich, monierte der Fahrgast-Vertreter. Das Stellwerk in Mülheim-Styrum ist rund 50 Jahre alt. Auch die Stellwerke in Düsseldorf, Essen, Dortmund, Hamm und Köln seien bislang nicht auf eine elektrische Bedienung umgestellt worden, krisiert Ebbers. "An den Hauptachsen sind die Modernisierungen noch nicht mal zur Hälfte durch." In Düsseldorf und Dortmund wolle man erst abwarten, bis der neue Regionalzug RE-X in Betrieb gehe.

Ein Regionalzug der Deutschen Bahn fährt  an dem durch ein Feuer zerstörten Stellwerk in Mülheim an der Ruhr

Das Stellwerk in Mülheim-Styrum ist rund 50 Jahre alt

Die Bahn wies die Vorwürfe von Pro Bahn zurück. "Die Relaistechnik ist nach wie vor zuverlässig", sagte Bahn-Sprecher Dirk Pohlmann dem WDR. Ausfälle seien eher selten. Einen Zusammenhang zwischen dem Brand in dem Stellwerk und dem Alter des Baus herzustellen, lehne er entschieden ab. Bis 2019 investiere das Unternehmen 616 Millionen Euro in moderne, elektrische Stellwerke, sagte Pohlmann. Man können nicht alle Stellwerke auf einmal erneuern. "Das ganze hat auch Auswirkungen auf die Kunden", sagte Pohlmann. Der Bahnverkehr müsse mit jeder Baustelle angepasst, Kabel verlegt und neue Signale aufgestellt werden. In Wuppertal, wo derzeit ein Stellwerk umgestellt wird, fielen Ende September wegen Bauarbeiten am Wochenende zahlreiche Nahverkehrszüge aus oder wurden umgeleitet.

Fahrbare Ersatzstellwerke ausgegliedert

Der Verkehrswissenschaftler Felix Berschin sieht bei der Bahn zwar keinen "technologischen Rückstand", kritisiert aber, dass das Unternehmen gerade für solche Ausfälle wie im Ruhrgebiet nicht ausreichend vorgesorgt habe. "Fahrbare Ersatzstellwerke wurden zurückgenommen", sagte Berschin. Früher habe man diese an den Schaltkreis anschließen und so ein defektes Stellwerk steuern können. Wegen der Instandhaltungs- und Personalkosten habe man die Zahl der Ersatzstellwerke aber reduziert - auch weil Brände in Stellwerken eher selten seien. Berschin erinnert sich an einen Vorfall in St. Goarshausen. Dort habe man eine Woche für eine provisorische Lösung gebraucht. Der Neubau habe dann vier Jahre gedauert.

Die Bahn wehrt sich gegen die Kritik. "Ein Brand in einem Stellwerk kommt nicht alle Tage vor", sagte Bahnsprecher Dirk Pohlmann dem WDR. Jedes Stellwerk sei individuell in punkto Bauart, Technik, Signalsteuerung und Alter und könne nicht ohne Weiteres ersetzt werden. "Ein Stellwerk ist keine einfache Straßenampel. Es gibt keine 0815-Lösung."

Drei Notlösungen vorstellbar

Wie lange die akute Störung im Ruhrgebiet noch dauert, ist vollkommen offen. Es können Woche oder Monate werden. Die Deutsche Bahn kann sich voraussichtlich erst Ende der Woche ein genaues Bild von dem Schaden machen. Am Dienstag seien zunächst Statiker der Kriminalpolizei und der Feuerwehr vor Ort gewesen, sagte Bahnsprecher Pohlmann. Das Gebäude sei wieder versiegelt worden, ein Brandsachverständiger werde sich wohl erst am Donnerstag einen Überblick verschaffen können.

Das durch ein Feuer zerstörte Stellwerk in Mülheim an der Ruhr

Noch steht nicht fest, wie groß der Schaden ist

Erst dann könne die Bahn einschätzen, wie groß der Schaden sei und wie man weiter vorgehe, sagte Pohlmann. Pro Bahn-Sprecher Ebbers verwies darauf, dass das Stellwerk ohnehin 2020 ersetzt werden sollte. "Die Frage ist nun, ob die Planung schon fertig ist." Dies sei eher unwahrscheinlich. Ein Neubau könnte ohnehin erst im Dezember nächsten Jahres beginnen, weil der Fahrplan daran angepasst werden müsste. Dieser habe immer einen Vorlauf von einem Jahr. Ein Bau dauert nach Einschätzung von Ebbers etwa zwei Jahre.

Zwischenzeitlich könnte die Bahn versuchen, das Stellwerk wieder provisorisch zu reparieren. Die Ersatzteilbeschaffung werde wegen des Alters der Stellwerke aber immer schwieriger, räumte Bahn-Sprecher Pohlmann ein. Auch eine Steuerung der Weichen über ein benachbartes Stellwerk, etwa aus Essen, scheint möglich zu sein, wenn entsprechend Kabel verlegt werden.

Stand: 06.10.2015, 12:11