Gefühl gegen Fakten

Zwei Männer und eine Frau sitzen an einem Tisch

Polizei Siegen zur Sicherheitslage

Gefühl gegen Fakten

Von Stephan Müller

In Siegen-Wittgenstein fühlen sich Bürger zunehmend unsicher, sagt die Polizei. Dafür gebe es aber keinen Grund. Sicherheitsgefühl und Sicherheitslage klaffen weit auseinander. Die Polizei registriert mehr Notrufe, mehr Anträge auf Waffenscheine, mehr Gerüchte.

Die Sorgen der Bürger seien oft unbegründet, erklärte die Polizei bei einer Pressekonferenz am Dienstag (19.01.2016). "Gefühle zu beeinflussen, ist fast unmöglich", sagt Polizeidirektor Wilfried Bergmann. "Wir versuchen, die objektive Lage dagegen zu halten. Das möchte nicht jeder gerne hören, aber die ist manchmal anders, als es Menschen empfinden." Dafür hatte Landrat Andreas Müller, der auch Behördenleiter der Kreispolizeibehörde ist, ein paar Beispiele. "Alle Gerüchte, die hier in der Region aufgetaucht sind, haben sich eben nicht bestätigt, zumindest nicht in der Massivität. Es gibt keine sexuellen Übergriffe von Flüchtlingen beispielsweise, um das als Phänomen zu nennen." Auch in der Kriminalitätsstatistik gebe es keine Veränderungen. "Es ist ein verschwindend geringer Teil am Gesamtaufkommen, der zum Beispiel der Zuwandererkriminalität zugeordnet werden kann."

Abseits der Statistiken und Ermittlungslagen registriert die Polizei aber sehr wohl, dass sich die Bürger in Siegen-Wittgenstein unsicherer fühlen als früher. In sozialen Netzwerken tauchte der Aufruf für eine Bürgerwehr auf. Außerdem haben mehr als 200 Personen allein in den ersten beiden Wochen dieses Jahres einen kleinen Waffenschein beantragt. Das ist mehr als im gesamten Vorjahr.

Die 110 wird schneller gewählt

Zudem wird der Notruf deutlich häufiger gewählt. "Es kommen Anrufe an, dass eine einzelne Frau an der Bushaltestelle komisch angeschaut wird von einem anders aussehenden Menschen. Das reicht heute offensichtlich schon, um die 110 zu wählen. Ich will nicht sagen, wählt sie weniger, aber in dieser Massivität erleben wir das zum ersten Mal, vor allen Dingen in diesem Bereich", erzählt Müller. Verharmlosen will er die Sorgen nicht. Die Polizei bekräftigt, jedem Hinweis nachzugehen. Auch jenen, die sich online auftun.

Eine junge Frau hält ein Smartphone mit der eingegebenen Notrufnummer 110 in der Hand.

Die 110 wird heutzutage schneller gewählt

"Wenn was wäre, würden wir es sagen", betont Polizeidirekter Bergmann. Er verweist auf Razzien im Siegener Oranienpark. Dabei habe man die vorwiegend nordafrikanische Tätergruppe auch klar benannt. Eine Gruppe von "Antänzern", die mit dieser Masche 2015 Diebstähle begangen hatten, sei gefasst worden, zählte Bergmann auf. Dennoch: "Die Lage in Siegen-Wittgenstein ist eigentlich recht ruhig."

Vorsicht bei Gerüchten in sozialen Medien

In den sozialen Netzwerken tauchen aber nicht erst seit den Silvester-Vorfällen von Köln immer wieder Gerüchte auf. "Das nimmt mit den sozialen Netzwerken eine völlig neue Dimension und eine Dynamik an, gegen die wir nicht ankommen", berichtet Müller. "Eigentlich kann ich nur aufrufen, selbst noch einmal nachzuschauen, gibt es noch eine zweite Quelle, kann denn das eigentlich so passiert sein, wie es dort beschrieben wurde. Ich glaube, wenn wir wachsam und hell durch die Gegend gehen, werden wir solchen Gerüchten nicht so schnell aufsitzen."

Die Polizei warnt auch davor, wissentlich falsche Geschichten zu verbreiten. "Eine Vergewaltigung, die es gar nicht gegeben hat, oder ein Diebstahl, der nicht stattgefunden hat – das ist Vortäuschen einer Straftat", sagt Claudia Greve, Leiterin der Direktion Kriminalitätsbekämpfung. Dem werde die Polizei ebenfalls nachgehen.

Stand: 19.01.2016, 15:30