Couplets zur "Musique pour les soupers du Roi Ubu" von Fritz Eckenga

Kabarettist Fritz Eckenga mit Chefdirigent Jukka-Pekka Saraste

Couplets zur "Musique pour les soupers du Roi Ubu" von Fritz Eckenga

Zum Souper! – lädt König Ubu eine Versammlung von Intellektuellen, um sie dann gnadenlos mit sogenannten »Couplets« zu beschimpfen und durch eine Falltür zu »entsorgen«, wie es Zimmermann ausdrückte. Im Jubiläumskonzert zum 70-jährigen Bestehen des WDR Sinfonieorchesters steuerte der Kabarettist Fritz Eckenga seine eigenen Couplets bei.

WSO-Chefdirigent Jukka-Pekka Saraste

I. Entrée de l'Academie - Neulich im Notenfachhandel Zimmermann

Was hätten sie gerne? Was darf es denn sein? Ach, für’s Orchester? XL? Mittel? Klein? Es sollte sich lohnen für hundert Personen? Verstehe, das große, komplette Besteck. Zu welchem Anlass? Zu welchem Zweck? Kapiert: Was für alle Glegenheiten Notiert: Es soll eine Mahlzeit begleiten. Take away? Fast food? Prêt-à-manger? Ein Abendessen, ein Diner, ein Souper. Avec Zipp und Zapp, insgesamt sieben Gänge, sans chant, je comprends, also ohne Gesänge. Gibt es eventuell Allergien? Walkürenritt? Marschmusik? Sinfonien? Besondere Wünsche? Vorlieben? Flausen? Ich frag’ ja nur, manche mögen Stockhausen. Wissen sie was, wir machen es so: Ein bisschen Detail, das meiste en gros. Ich tu ihnen mal von allem was rein, am Ende wird jeder zufrieden sein. Ich könnte natürlich auch selbst komponieren, doch für diesen Zweck reicht es aus, zu zitieren. Sollte sich dennoch jemand beschweren, bitte ich sie, mich so zu erklären: Das ist alles nur geklaut, nur gestohlen, nur gezogen und geraubt, entschuldigung, das hab’ ich mir erlaubt. Bon appetit, Monsieurs et Mesdames, gezeichnet: Bernd Alois Zimmermann.

Bernd Alois Zimmermann

II. Capitaine Bordure et ses partisans“ - Der Orchester-Musiker, Interview mit einem Insider

Ja … Frage: Äh … was macht er denn, der Musiker? Ja, was wird er wohl machen? Morgens proben, mittags üben, abends spielen. Du gute Güte. Das klingt aber anstrengend. Aber so ist es. An jedem Tag. Morgens proben, mittags üben, abends spielen. Sein Leben lang? Selbstverständlich. Was denken sie denn? Na ja, der Musiker muss ja vielleicht auch mal was essen. Und trinken. Orchestermusiker nehmen nichts zu sich, weil sie nach dem morgendlichen Proben, dem mittaglichen Üben und dem abendlichen Spiel auf ihren Stühlen verbleiben. Wie bitte? Der Musiker bleibt einfach auf seinem Orchesterstuhl sitzen? Ja. Das ist aus zweierlei Gründen vorteilhaft. Erstens verringert es den Energieverbrauch des Musikers und zweitens ist er dann morgens pünktlich an seinem Platz. Um … Richtig. Um zu proben. Und anschließend …? … zu üben. Was er dann abends … spielt. So langsam haben sie es kapiert. Hörnsemal. Das ist ja unmenschlich. Das hält doch keiner aus. Ich bitte sie. Schauen sie doch hin. Dieses Orchester klingt nicht nur ganz fabelhaft. Es lässt auch optisch keine Wünsche offen. Die Kunst macht zwar viel Arbeit. Aber sie macht auch schön. Jaja … und das Auge hört ja mit. Vor allem am Radio. Sie sagen es. Und jetzt mal ernsthaft: Sehen diese Musiker etwa so aus, als fehlte es ihnen an etwas? Nein. Auch nicht an Schlaf? Nein. Der Musiker schläft nicht. Niemals. Selbst, wenn es so aussieht wie, tut er es nicht. Er schläft nicht – er antizipiert die Zukunft. Der Musiker repetiert im Geiste das, was er morgens geprobt und mittags geübt hat. Und wann regeniert er? Abends, wenn er spielt. Unglaublich. Das ist ja ein nicht endender kreativer Prozess. Vorsicht! Nicht so laut bitte. Das ist ganz dünnes Eis. Es gibt Orchesterleiter, die verlangen, dass der Orchestermusiker Kreativität nach Kräften unterdrückt. Kreativität gehöre nicht zu seinem Berufsbild. Der Musiker soll spielen, was komponiert worden ist. Und das so … Genau. Haargenau so, wie er es morgens geprobt und mittags geübt hat.

Fritz Eckenga

III. Mère Ubu es ses gardes“ - Tradition oder Von 1947 bis 2017 in vier Versen

1947: Knurrende Mägen und Gotteslohn. Da spielen sie mal ‘nen sauberen Ton. Na, schönen Gruß und herzlichen Dank. Wir war’n sowas von blank. Wir hatten ja nix, nichtmal Tradition. Wir hatten nicht den leisesten Schimmer. Wir hatten nur Trümmer. Da sitzen sie nicht unterm dichten Dach. Von oben tropft’s rein und sie spielen Bach. Mit Fingern so klamm wie das Notenblatt. So fand das statt. Die feuchte Kälte hielt alle Mann wach. Mit eisernem Willen den Auftrag erfüllen: Programmbedarf stillen! Da greifen sie notfalls zu jedem Trick. Es regnet zu laut? Na dann: Wassermusik. Alles klar Leute? Achtung, Händel: Barock. Der Chef hebt den Stock. Im Geiste das Publikum stets im Genick. Zum Glück nicht im Saal – der platzte aus Nähten – an den Endgeräten.

2017: So war das, früher, so fing das mal an. Heut’ sind wir vergleichsweise günstiger dran. Sehr großer Sendesaal, passt viel Publikum rein. Trotzdem (manchmal) zu klein. Festanstellung, solides Gehalt, gewaltige Mengen Programminhalt. Stück für Stück zum Gebirge geschichtet, massiv und solide, auf Noten errichtet. Fuge für Fuge, Satz für Satz, bauen wir weiter, denn oben ist Platz. Vermachen der nächsten Generation, nach 70 Jahren Musikproduktion, tatsächlich sowas wie … Tradition.

IV. Pile, cotise et l’ours - Gedankenprotokoll des anonymen Chefdirigenten. Live-Mitschnitt der Welturaufführung vom 02. September 2017 im großen Sendesaal des Westdeutschen Rundfunks Köln anlässlich der Gala zum 70. Geburtstag des WDR Sinfonieorchesters

Eckenga: So – was haben wir jetzt? Genau: 3. Satz. So – Leute – Konzentration. Eckenga dreht sich mit dem Rücken zum Publikum, legt seinen Text wie eine Partitur auf einen Notenständer, greift zum Stab, hebt die Hände. Leichtes Hüsteln Oh nein, das ist wieder dieser Mensch in der dritten Reihe. Hüsteln Komm’ – konzentrier’ dich. Hüsteln Den ganzen Abend geht das schon so. Kann der nicht mal … Hüsteln Eckenga dreht sich um und fixiert “den Zuschauer”. Dreht sich wieder zurück. Hebt die Hände. Hüsteln Der macht mich wahnsinnig. Ich bring’ ihn um. Hüsteln, dann lautes, helleres Husten Jetzt hat er auch noch die Frau angesteckt. Das wird ‘n Doppelmord. Sehr lautes Husten, Hüsteln, Räuspern Eckenga dreht sich wütend um. Kann jemand BITTE den Herrschaften ein Bonbon reichen? Jedem! Also zwei! Sehr freundlich. Danke sehr. Eckenga dreht sich zurück Endlich. Also nochmal. Konzentration. Eckenga packt sehr laut ein Bonbon aus dem Papier aus, steckt es sich in den Mund und schmatzt. Er lässt die Schultern hängen. Was soll’s. Komm’ fang’ an. Eckenga hebt die Hände. Yksi, kaksi, kolme.

Das WDR Sinfonieorchester Köln unter der Leitung des finnischen Dirigenten Jukka-Pekka Saraste feiert mit einem WDR 3-Radiokonzert sein Jubiläum.

V. Le cheval à Phynaces et les larbins de Phynances - Was muss das Rundfunksinfonie-Orchester? Ein Originalton-Alphabet von A-Z

Das Orchester muss „Takt für Takt arbeiten“ und „lernen, mit der Angst umzugehen“. Es muss ein Bewusstsein dafür entwickeln, „jeden Tag besser werden“ zu wollen. Es muss charakterlich so gefestigt sein, dass es jeden Tag besser, ja sogar „Weltklasse“ wird, obwohl „Celibidache nicht mit ihm spricht“. Das Orchester muss duldsam sein, wenn der Dirigent zur Begrüßung nicht „Guten Tag“ sagt, sondern einfach nur „Dvorzak“. Es muss aus „erwachsenen Menschen“ bestehen, die nicht eingeschnappt sind, wenn sie „jeden Tag hören, sie spielten zu laut“, beziehungsweise „zu leise“. Es muss „flexibel“ sein, denn „die ständigen Wechsel am Pult tun ihm gut“. Es muss wissen, dass es nicht nur gut, sondern „großartig ist, wenn es riskant spielt“. Das Orchester muss öfter zu Hause sein, denn auf Tournee ist es schwer, in Hochform zu bleiben“. Es muss einen Inspizienten haben, der die „Sitzordnung voll im Griff“ hat und einen Intendanten, der weiß, das das Orchester unverzichtbarer „Teil der Identität des WDR“ ist. Ja sicher. Es muss „Kompositionen realisieren, die ganz neue Aufgaben stellen.“ Das „Leistungsniveau des Orchesters“ muss „außerordentlich“ sein, denn „das rechtfertigt seine Existenz“. Manchmal muss das Orchester milde daran erinnert werden, dass „Probenzeit Luxus“ ist. Es muss „200 Jahre alte Noten“ so spielen, als seien sie erst gestern geschrieben worden. Es muss „offen sein“ für Noten, die erst gestern geschrieben wurden. Es muss wissen, dass es sehr viel Publikum hat, das ihm nicht im Saal zuhört, sondern dem … Qualitätsprogramm … im Radio lauscht. Zum Beispiel … spät in der Nacht am … Taxihalteplatz. Das Orchester muss sich darüber im klaren sein, dass es ein Markenzeichen des Unternehmens ist, das es oft nur als unübersichtlichen … Verwaltungsbetrieb wahrnimmt, das aber in Wirklichkeit … Westdeutscher Rundfunk heißt und dessen wechselndes Leitungspersonal im Laufe der vergangenen 70 Jahre … Xmal betont hat, dass das Haus und sein Orchester zusammengehören wie ansonsten vielleicht nur noch … Ying und Yang. Zusammengefasst muss das Orchester also davon ausgehen: Es hat Zukunft.

VI: Pavane de pissemblock et pissedoux - Sonett vom Moment

Historische Aufnahme des WDR Sinfonieorchesters

Der Moment will dürfen und nicht müssen, auf Bestellung stellt er sich nicht ein. Auch, wenn sie ihn lange Zeit vermissen,sollten sie nicht ungeduldig sein. Wie soll ich ihnen den Moment beschreiben? Mein Fach ist die Musik und nicht das Wort. Er kommt vorbei und neigt nicht zum Verbleiben. Mit etwas Glück sind sie am selben Ort. Der Moment lässt sich nicht dirigieren, weil er sich nur freiwillig begibt. Ich traf ihn selten an beim Musizieren, doch wenn, dann hab‘ ich mich in ihn verliebt. Er hat es wohl gespürt und blieb ‘ne Weile. Momente haben manchmal keine Eile.

VII: Bercuse des petits financiers qui ne peuvent pas s’endormir - Pausengespräch zwischen zwei Experten

A: Auch ‘n Kölsch? B: Nö, ich bleib‘ beim Pils. A: Ist ganz gut heute, oder? B: Jou. A: Wenn man sich überlegt, unter wem die schon alle gespielt haben. Dass die da nicht manchmal durcheinanderkommen. B: Wie jetzt? A: Naja, die hatten in 70 Jahren fast soviel Dirigenten wie der FC Trainer. B: Echt? Nee. Wen denn alles? A: Der berühmteste ist Weisweiler. B: Jaja. Und wie hieß nochmal dieser eine, mit diesem komischen Namen. Irgendwas mit Tsch … A: Tschik Tschaikowski. B: Nee, aber so ähnlich. Tsch … Tschelibidakke. A: Ging aber nicht lange gut. B: Nee, die haben sich ja beim Auswärtsspiel in Mailand total verkracht. A: War aber ‘n guter. B: Tja, das war der Dings auch, der … mit den Augen … sachmalschnell, Christoph … D D D  … A: Ach, du meinst den Dohnány. Na ja – da gehen die Meinungen aber auseinander. B: Fachlich war der 1a. Genau wie der Holländer. A: Hans Vonk. B: Der war ja lange da. Sieben Jahre. Im Gegensatz zu dem anderen. Der war doch schon nach einem Jahr wieder weg. A: Huub Stevens? B: Ja sicher. Du kannst doch keinen aus Schalke holen. Du brauchst doch einen, der die Sprache der Kölner spricht. A: Zum Beispiel Wakasugi. Der hat gesagt, er käm‘ gut klar. Der Rheinländer wär‘ nicht so kompliziert. B: Wer? A: Hiroshi Wakasugi. 1977-83. B: Kann nicht sein. Das war die Zeit, wo Rinus Michels Chef war. Und dann kam Hannes Löhr. Zeitgleich mit Gary Bertini. A: Ich glaub‘, du schmeißt da was durcheinander. B: Tu ich nicht! Ich weiß Bescheid. Der FC hatte in 70 Jahren 52 Trainer. Das Orchester mal gerade 20 – inklusive Gäste. A: Trotzdem. Ist schon erstaunlich, dass die da nicht manchmal durcheinanderkommen. B: Mit dem Österreicher haben sie ja bis 2020 verlängert. A: Das sollten sie mit dem Finnen auch mal machen. B: Noch’n Kölsch? A: Nee, lass‘ mal wieder reingehen. Geht weiter.

VIII. Marche du décervellage - Grußbotschaften

Historische Aufnahme des WDR Sinfonieorchesters

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: Es wäre mir ein großes Bedürfnis gewesen, Ihrer Veranstaltung persönlich beizuwohnen. Umso mehr bedaure ich, dass ich aufgrund anderweitiger Verpflichtungen heute nicht bei Ihnen, sondern woanders sein muss. Nichtsdestoweniger möchte ich Sie meiner ungeteilten Wertschätzung versichern und Ihnen, liebe/sehr geehrte /hochverehrte/ NAMEN EINSETZEN/UNZUTREFFENDES STREICHEN zum ZAHL EINSETZEN Geburtstag/Jubiläum/Todestag/Anderer Anlass UNZUTREFFENDES STREICHEN BZW. ERGÄNZEN zu gratulieren/kondolieren UNZUTREFFENDES STREICHEN. Ich wünsche Ihnen und Ihren Angehörigen einen dem feierlichen Anlass angemessenen würdigen Verlauf Ihrer Veranstaltung und gebe der Hoffnung Ausdruck, dass sie den Mangel einer von mir nicht persönlich vorgetragenen Festrede durch anderweitige Darbietungen wenn schon nicht beheben, so doch wenigstens mildern können. Ich bedanke mich für meine Aufmerksamkeit und grüße Sie auf das Herzlichste – auch von meiner Frau. Ihr Frank-Walter Steinmeier. 

Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel: Liebes Orchester, ich hätte viel darum gegeben, den heutigen Abend mit Ihnen zu teilen, zumal das leider ebenfalls am heutigen Abend stattfindende Sommerfest des Bundespräsidenten nicht annähernd so viel Spaß verspricht wie Ihre Party. Er wird nämlich eine Rede halten. Ich hoffe, dass es Ihnen ein kleiner Trost ist, wenn ich Ihnen sage, dass ich wegen dieses öden Stehempfangs im Palais Schaumburg sogar meine Eintrittskarte für das ebenfalls heute stattfindende André-Rieu-Konzert im Friedrichstadtpalast einem wohltätigen Zweck zur Verfügung gestellt habe. Herr Laschet hat sich sehr gefreut. Herzlichst, Ihre Angela Merkel.

Bundestrainer Joachim Jogi Löw: Liebe Sportfreunde vom Kölner Sinfonieorchester, ich wünsche Ihnen einen intensiven Abend. Bleiben Sie bitte auch in den nächsten 70 Jahren fokussiert. Nutzen Sie das Momentum. Stehen Sie tief und spielen Sie vertikal in die Schnittstellen, wenn horizontal die Laufwege zugestellt sind. Unterschätzen Sie das Publikum nicht. Heutzutage gibt es keine kleinen Säle mehr. Köln ist nicht nur mental, sondern auch geistig eine Herausforderung. Technisch sollte das alles für Sie kein Problem sein. Ich werde mir die Aufzeichnung Ihres Abends zusammen mit unserem Videoanalytiker in der Superzeitlupe anschauen. Ich freu‘ mich drauf. Ihr Jogi Löw.

Donald Trump, Präsident: What the fuck is this Double-U-DR-Symphonic Orchestra? I tell you what it is. It‘s great. It‘s bigger than live. Phantastic, amazing, awesome. Wonderful sound. I love that music. Never trust the fake-news. He’s not dead! Elvis is still alive. Play him loud!

Jonas Kaufmann, Tenor: Liebes, hochverehrtes Sinfonieorchester, meinen allerherzlichsten Glückwunsch zum 70. Geburtstag. Gerne wäre ich vorbeigekommen, um mit Ihnen zu feiern. Ich hätte sogar Zeit gehabt. Dankeschön deshalb für die persönliche Einladung, der ich das vorgesehene Musikprogramm entnehmen konnte. Wissen Sie, Arthur Schnitzler hat mal gesagt, „das Orchester versetzt die Damen in Trance, aber schreiben tun sie dann dem Tenor.“ Wenn’s also mal was zu singen gibt, sagen Sie doch bitte Bescheid. Auf die nächsten 70. Trinken Sie einen für mich mit. Ihr Jonas Kaufmann.

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