"Als hätte mir jemand die Beine weggeschossen"

Kölner NSU-Opfer sagen aus

"Als hätte mir jemand die Beine weggeschossen"

Im Münchner NSU-Prozess haben am Dienstag (20.01.2015) die ersten Opfer des Kölner Nagelbombenanschlags ausgesagt - und in eindringlichen Worten von ihren körperlichen und seelischen Leiden berichtet. Zugleich erhoben sie Vorwürfe gegen die Kölner Polizei.

Sandro D. befand sich am Tattag, dem 9. Juni 2004, mit seinem Freund Melih K. in unmittelbarer Nähe der Nagelbombe, als diese explodierte. Das sei so gewesen, als habe ihm jemand die Beine weggeschossen, sagte der heute 34-Jährige am Dienstag im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München. Der Mann kam damals mit schwersten Verletzungen in ein Krankenhaus. In einer Notoperation mussten ihm mehrere Nägel entfernt werden, einer aus dem rechten Oberschenkelknochen. Auch Melih K. kam mit schwersten Verletzungen ins Krankenhaus, bei ihm mussten ebenfalls Nägel entfernt werden. Unter den Folgen der Verletzungen leiden beide bis heute - körperlich und psychisch. Beide befinden sich nach wie vor in Psychotherapie.

Auch Sükrü A. ist noch in Therapie. Er saß damals in dem Friseursalon, als die Bombe explodierte. Er lag mehrere Tage im künstlichen Koma. Kemal G., ebenfalls Gast in dem Friseursalon, berichtete von seiner Todesangst in jenen Minuten: "Ich dachte, ich warte auf den Tod."

"Wir wurden als Verdächtige behandelt"

Vor Gericht erhoben die beiden Freunde Sandro D. und Melih K. auch Vorwürfe gegen die Kölner Polizei - weil sie damals trotz ihrer schweren Verletzungen zunächst als Verdächtige betrachtet worden seien. Melih K. bestätigte zudem, dass er schon damals bei einer Befragung den Verdacht geäußert habe, dass die Tat einen rassistischen Hintergrund gehabt haben und ein "Ausländerhasser" am Werk gewesen sein könnte. "Da braucht man kein Ermittler sein."

Am Dienstag haben im NSU-Prozess erstmals Opfer des Nagelbombenanschlags ausgesagt. Insgesamt sind für die Befragung der Kölner Opfer ein halbes Dutzend Verhandlungstage angesetzt.

"Zahlreiche Metallnägel drangen in die Körper ein"

Bereits in der vorigen Woche hatten LKA-Beamte aus NRW beim NSU-Prozess in München die verheerende Wirkung der Explosion geschildert. Einer von ihnen sprach von einem "Bild der Verwüstung", das am 9. Juni 2004 in der Keupstraße geherrscht habe. An diesem Tag wurde um 15.56 Uhr eine Nagelbombe ferngezündet, die vor einem Friseursalon deponiert war.

Nägel der Bombe liegen auf der Straße

Insgesamt wurden 702 Nägel gefunden

In der von türkischen Migranten geprägten Straße wurden 22 Menschen verletzt, vier davon schwer. "Bei den Personen, die sich unmittelbar am Explosionsort aufhielten, drangen zahlreiche Metallnägel in die Körper ein", hieß es in einem ersten Polizeibericht. Die Wucht der Detonation habe die Nägel in einem Umkreis von bis zu 100 Metern verteilt. Mehr als 30 Fensterscheiben zersplitterten, 15 Autos wurden zum Teil erheblich beschädigt. Insgesamt fand die Polizei 702 Zimmermannsnägel, wie einer der LKA-Beamten am Montag (12.01.2015) vor dem Oberlandesgericht München sagte.

Erst Bekenner-DVD bringt Polizei auf die Spur

Den Ermittlern war es damals allerdings nicht gelungen, die Täter ausfindig zu machen. Erst durch die Selbstenttarnung des NSU im November 2011 wurde klar, wem der Anschlag in der Keupstraße wohl zuzurechnen ist. Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess, Beate Zschäpe, hatte vor ihrer Festnahme eine Bekenner-DVD verschickt: In dem 15-minütigen Streifen trägt die Comicfigur Paulchen Panther auf dem Rücken eine Rakete mit der Aufschrift "Bombenstimmung für die Keupstraße". Dazu wird der offenbar dort verwendete Sprengsatz in der Vorbereitungsphase gezeigt.

Tatmotiv "Rechtsextremismus" vernachlässigt

Den Behörden wurde daraufhin Versagen vorgeworfen. Bei den Ermittlungen der Kölner Polizei hatte das mögliche Tatmotiv "Rechtsextremismus" offenbar bald keine Rolle mehr gespielt. Zwar wurden einzelne Hinweise auf Neonazis abgearbeitet, aber sie sind offenbar kein Denkanstoß für umfassende Recherchen - auch nicht die mehrfachen Hinweise der Anwohner der Keupstraße, die Täter könnten ein fremdenfeindliches Motiv gehabt haben.

Die Kölner Polizei suchte die Täter stattdessen im Umfeld der Opfer und platzierte rund zwei Jahre lang verdeckte Ermittler in der Keupstraße. Vorwiegend wurden die möglichen Tatmotive "Organisierte Kriminalität im Umfeld der Opfer" und "Ausländerextremismus" untersucht.

Kundgebung vor dem Gericht

Mehr als 100 Menschen bekundeten vor dem Gerichtsgebäude am Dienstag ihre Solidarität mit den Kölner Opfern. Mitglieder der Anwohnerinitiative "Keupstraße ist überall" und andere Aktivisten hatten sich dort schon am frühen Morgen aufgebaut, um gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu demonstrieren und auf eine lückenlose Aufklärung der Morde und Anschläge des NSU zu dringen.

Auf Spruchbändern stand zum Beispiel: "Wir gedenken der vom NSU Ermordeten - Das Problem heißt Rassismus". Eine Demonstrantin posierte mit einer Maske, die die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe zeigte. Auch ein Transparent mit den Namen der Nagelbomben-Opfer wurde aufgehängt. Am Dienstagabend führte zudem ein Demonstrationszug durch die Münchner Innenstadt.

Stand: 20.01.2015, 18:46

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