Tumulte bei RWE-Aktionärsversammlung

Tumulte bei RWE-Aktionärsversammlung

Von Jörg Marksteiner

  • Protestaktion von Kohle-Gegnern stören Hauptversammlung
  • Aktionäre kritisieren die fehlende Dividende, den abgestürzten Kurs und die Aufteilung des Konzerns
  • Vorstand wird mit 97 Prozent Zustimmung entlastet

RWE-Chef Peter Terium hatte am Mittwoch (20.04.2016) gerade zwei Minuten gesprochen, als Umwelschützer die Bühne der Essener Grugahalle stürmten. "Eure Zeit ist abgelaufen", skandierten sie. Es dauerte mehrere Minuten, bis die Sicherheitskräfte die Lage im Griff hatten. Dabei waren die Sicherheitsauflagen bei der RWE-Hauptversammlung ohnehin hoch. Aktionäre mussten auf dem Weg zur Essener Grugahalle an einer Polizeikette vorbei. Vor der Halle wurden laut Polizei vier Demonstranten zur Feststellung der Personalien vorübergehend in Gewahrsam genommen.

Entlastung des Vorstands gilt als sicher

Eine Zeitenwende forderten nicht nur die Umweltschützer, von einer Zeitenwende des Unternehmens sprach auch Firmenchef Peter Terium. "Dramatisch", "Ausnahmezustand", "katastrophales Umfeld", "weiter sinkende Einnahmen" – Der Firmenchef bemühte sich gar nicht erst, ein rosiges Bild seiner Firma zu zeichnen. Eher im Gegenteil: Er forderte nachdrücklich die Hilfe der Politik: die müsse endlich dafür sorgen, dass Kraftwerke allein für ihr Bereithalten bezahlt werden.

Denn in der bisherigen Form, mit den klassischen Großkraftwerken als Haupteinnahmequelle habe der Energieversorger keine Zukunft mehr, sagt er den Aktionären. Der Boom von Wind und Sonnenstrom sorgt dafür, dass viele Kraftwerke tiefrote Zahlen schreiben. "Dieser Ausnahmezustand darf nicht zum Dauerzustand werden", so Terium: "Ich will nicht den Teufel an die Wand malen. Aber wenn sich das niedrige Strompreisniveau nachhaltig etabliert, wird die konventionelle Stromerzeugung wirtschaftlich kollabieren."

Das wäre für den ohnehin angeschlagenen 60.000-Mitarbeiter-Konzern eine dramatische Entwicklung. RWE will sich zwar Ende des Jahres in einen grünen und einen Kraftwerks-Teil aufspalten – doch auch dieser alte RWE-Teil braucht weiter Gewinne, etwa um später die milliardenschweren Kosten für die Folgen der Atomenergie zu bezahlen. "Weitere, massive Verluste unseres Kraftwerksgeschäfts können wir uns auf Dauer nicht mehr leisten", fasste Terium zusammen. Auch nicht mehr leisten könne es sich der Energieversorger, eine Dividende an die Anleger auszuschütten. Die bekamen erstmals seit fast 60 Jahren kein Geld für ihre Aktien. Durch die Streichung der Dividende spart RWE rund 615 Millionen Euro.

Kommunen sind sauer wegen ausbleibender Dividende

Am Ende der langen und turbulenten Hauptversammlung stand die Entlastung des Vorstands. Einige der 130 Städte und Kreise, die insgesamt mit rund 24 Prozent an RWE beteiligt sind, hatten angedeutet, dass sie diesmal mit Nein stimmen könnten. "Wir haben keine einheitliche Position", so der Geschäftsführer des Verbands kommunaler RWE-Aktionäre, Ernst Gerlach. Somit blieb die Revolte gegen den Vorstand aus: Mit etwas mehr als 97 Prozent Zustimmung wurde der Vorstand mit großer Mehrheit entlastet.

Auch wenn sie nicht auf Krawall aus waren: Gerade bei den Kommunen ist die Stimmung schlecht. Viele Städte und Landkreise an Rhein und Ruhr hatten sich über die Art und Weise geärgert, mit der sie vom RWE-Dividendenausfall erfuhren. Der kam für die Kämmerer völlig überraschend. Jetzt müssen sie in ihren Haushalten Millionen-Lücken stopfen, also Abgaben erhöhen oder Leistungen einschränken – politisch keine angenehme Aufgabe in Zeiten leerer Kassen.

Sorge vor Durstrecke ohne Dividende

Städte, Kreise und Kleinanleger befürchten zudem eine länger andauernde dividendenlose Durststrecke. "Es wird noch schlechter werden bei RWE", fürchtet Marc Tüngler von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Der Grund: Die Energieversorger verkaufen ihren Strom immer zwei bis drei Jahre im Voraus. Der aktuell extrem niedrige Großhandelspreis wird bei RWE also erst in den kommenden Jahren voll durchschlagen. Noch profitiert der Versorger von höheren Preisen der letzten Jahre. Aber wegen des Booms von Wind- und Sonnenenergie ist der Großhandelspreis in nur fünf Jahren von 60 auf knapp über 20 Euro pro Megawattstunde gesunken. Ein Preis, bei dem nur noch wenige Kraftwerke profitabel laufen.

"Die Energieversorger haben zu spät auf den durch die Politik angesagten Strukturwandel reagiert. Das fällt ihnen nun vor die Füße", meint Heinz-Josef Bontrup vom Westfälischen Energie-Institut. "RWE und Eon sind in einer tiefen Strukturkrise und müssen sehen, dass sie da wieder heraus kommen." Sprich: In die neue Energiewelt investieren. "Das wird schwer genug, denn viele Märkte sind schon besetzt." RWE erzeugt erst fünf Prozent des Stroms mit erneuerbaren Energien, beim Konkurrenten Eon sind es schon 14 Prozent.

Aufspaltung als Befreiungsschlag?

RWE-Chef Terium warb bei den Aktionären deshalb erfolgreich für seinen Plan, den 1898 gegründeten Traditionskonzern aufzuspalten – ähnlich wie Eon es vorgemacht hat. Die "guten", profitablen Teile wie Stromnetze, Vertrieb und Ökostrom wurden schon in eine neue Zukunftsgesellschaft ausgegliedert. Diese "grüne" Sparte soll ab Ende 2016 scheibchenweise an der Börse verkauft werden und damit neue Investoren anlocken. Bis zu acht Milliarden Euro könnten drin sein, schätzen Fachleute. Mit dem Geld soll die "alte" Kraftwerks-RWE u.a. die Kosten für den Atomrückbau bezahlen.

"Das ist ein Rettungsversuch", beurteilt Wirtschaftswissenschaftler Bontrup das Vorhaben. Crux für die Aktionäre: Sie selbst bleiben an der problematischen Alt-RWE beteilig, während die profitablen Teile ausgegliedert werden. "Sie können an dem Neuen, was da entsteht, eventuell gar nicht richtig teilhaben, weil der Zug ohne sie losfährt", sagt Aktionärsschützer Tüngler.

Aktionärsversammlung: RWE unter Druck

WDR 5 Morgenecho - Beiträge | 20.04.2016 | 03:53 Min.

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Stand: 20.04.2016, 21:20