Das Land braucht mehr Techniker

Das Land braucht mehr Techniker

  • Forscher warnen vor extremen Fachkräftemangel.
  • NRW muss mit anderen Bundesländern konkurrieren.
  • Demografischer Wandel nicht so stark wie anderswo.

Allein bis 2030 könnte sich die Zahl der fehlenden Facharbeiter, Techniker, Forscher und medizinischen Fachkräfte auf bis zu 3,0 Millionen belaufen und bis 2040 gar auf 3,3 Millionen, geht aus einer am Mittwoch (30.08.2017) veröffentlichten Studie des Basler Forschungsinstitut Prognos hervor. Wir haben mit Paula Risius vom Institut der deutschen Wirtschaft gesprochen.

WDR: Frau Risius, wie schwer würde ein leergefegter Arbeitsmarkt die Wirtschaft in NRW treffen?

Paula Risius: Ein solcher Fachkräftemangel würde der gesamtdeutschen Wirtschaft schweren Schaden zufügen. NRW wäre dabei kein Sonderfall. Die Berufe, bei denen es hier Engpässe gibt, sind auch in anderen Bundesländern sehr gefragt.

Paula Risius

Paula Risius ist beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln tätig. Die empirische Sozialforscherin beschäftigt sich im Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) mit der Zukunft der Arbeit.

WDR: Fachkräfte ist ein weiter Begriff: Welche Qualifikationen sind denn heute schon besonders gefragt?

Risius: Das betrifft ganz unterschiedliche Qualifikationsniveaus. Da wären einmal jene, die eine Berufsausbildung durchlaufen haben. In Nordrhein-Westfalen gibt es derzeit vor allem Bedarf bei den technischen Berufen, wie zum Beispiel Bauelektriker, Kältetechniker oder Mechatroniker. Dann gibt es große Lücken bei den Meistern, Technikern und weiteren Personen mit Fortbildungsabschluss. Das betrifft vor allem die medizinischen Berufe: zum Beispiel bei der Geburtshilfe. Bei den Akademikern ist der Bedarf bunt gemischt. Auch hier fehlen vor allem Mediziner und Techniker, aber auch die öffentliche Verwaltung findet oft kein geeignetes Personal.

WDR: Und in der Zukunft?

Risius: Die Digitalisierung wird das Anforderungsprofil noch ändern, soviel ist klar. Bei den Technikern werden insbesondere spezialisierte Wartungstätigkeiten wichtiger. Was man außerdem sicher sagen kann ist, dass angesichts der demografischen Entwicklung der Bedarf bei den sozialen Berufen steigen wird.

WDR: Sie haben die Digitalisierung und Automation der Arbeitswelt angesprochen. Ist das auch ein Mittel gegen den Fachkräftemangel?

Risius: Nur teilweise. In der Alten- und Krankenpflege gibt es nicht viel, das man automatisieren könnte. Bei Tätigkeiten für Geringqualifizierte spielt die Automation eine größere Rolle. Insbesondere routinelastige Tätigkeiten wie zum Beispiel die Arbeit am Fließband sind hier zu nennen.

WDR: Die Forscher begründen ihre Prognose ja hauptsächlich mit einer Überalterung der Gesellschaft. Könnte das Bevölkerungswachstum durch Migration ein Ausweg sein?

Risius: Qualifizierte Migration ist auf jeden Fall eine Stellschraube. Auch deshalb verläuft die demografische Entwicklung in NRW verhältnismäßig gut. Bei uns werden in den kommenden Jahren erheblich weniger Menschen das Rentenalter erreichen als zum Beispiel in Ostdeutschland.

WDR: Kann der mittlerweile seit Jahrzehnten laufende Strukturwandel in NRW die Folgen nicht zusätzlich abmildern?

Risius: Eher nicht, denn auch im Dienstleistungsbereich, der ja in NRW sehr stark ist, braucht man qualifizierte Kräfte - nicht nur in der Produktion.

WDR: Welche Strategien kann die Wirtschaft gegen den drohenden Fachkräftemangel einschlagen?

Die Assistenzärzte Sandy Wijaya (l) und Boshra Khadoura unterhalten sich am 16.07.2013 in Dortmund (Nordrhein-Westfalen) im Klinikum Dortmund.

Ausländische Kräfte werden gebraucht

Risius: Ein Patentrezept gibt es nicht. Aber natürlich müssen alle darauf hinarbeiten, dass sich mehr junge Menschen für die gefragten Berufe qualifizieren. Und dann müssen wir dafür sorgen, dass sie auch hier bleiben. Das gilt insbesondere auch für Gruppen, die derzeit noch nicht vollständig im Arbeitsmarkt angekommen sind, wie Flüchtlinge. Da gibt es noch viel Potenzial. Allerdings wird es ganz ohne Fachkräfte aus dem Ausland nicht funktionieren - bei der Pflege läuft das ja schon an.

WDR: Neben den Risiken dürfte die Entwicklung für Arbeitnehmer auch Chancen beinhalten. Ist zum Beispiel eines Tages Vollbeschäftigung möglich?

Risius: Unmöglich ist das nicht. Aber dafür bräuchte es eine große Qualifizierungsoffensive, die alle mitnimmt.

Das Interview führte Andreas Poulakos

Stand: 30.08.2017, 12:45