13. Tag: Beschämter Angeklagter zeigt Reue (17)

13. Tag: Beschämter Angeklagter zeigt Reue (17)

Im Detmolder Auschwitz-Prozess hat der frühere SS-Wachmann Reinhold Hanning sein Schweigen gebrochen. "Ich schäme mich dafür, dass ich das Unrecht sehend geschehen lassen und dem nichts entgegengesetzt habe", sagte der 94-Jährige am Freitag (29.04.2016) in einer persönlichen Erklärung.

"Ich habe lange geschwiegen, ich habe mein ganzes Leben lang geschwiegen.", sagte Hanning weiter. "Ich möchte Ihnen sagen, dass ich zutiefst bereue, einer verbrecherischen Organisation angehört zu haben, die für den Tod vieler unschuldiger Menschen, für die Zerstörung unzähliger Familien, für Elend, Qualen und Leid auf Seiten der Opfer und deren Angehörigen verantwortlich ist. Ich schäme mich dafür, dass ich das Unrecht sehend geschehen lassen und dem nichts entgegengesetzt habe. Ich entschuldige mich hiermit in aller Form für mein Verhalten. Es tut mir aufrichtig leid." Der Angeklagte sprach entgegen allen Ankündigungen selbst vor Gericht, seine Verteidigung hatte zuvor lediglich eine Erklärung verlesen wollen.

23 Seiten langer persönlicher Bericht

Und so hörte das Gericht zunächst auch den 23-seitigen persönlichen Bericht über Hannings Jugend und seinen Einsatz in Auschwitz. Darin räumt er ein, von den Massenmorden gewusst zu haben. Der Bericht zeichnete das Bild eines Mannes, der sich gegen seine Einberufung und den späteren Wachdienst nicht habe wehren können. Hanning war als 20-Jähriger nach Ausschwitz gekommen und hatte zum Wachpersonal gehört. Gegen den 94-Jährigen wird wegen Beihilfe zum mindestens 170 000-fachen Mord in dem Vernichtungslager zwischen Januar 1943 und Juni 1944 verhandelt.

Enttäuschung

Die persönlichen Worte des Angeklagten bewerteten die Holocaust-Überlebenden Leon Schwarzbaum und Imre Lebowitz aus Ungarn als enttäuschend. Die beiden waren heute extra zum Prozess angereist. Es sei zwar zu begüßen, dass der Angeklagte persönlich das Wort ergriffen habe, aber für den Tod von sechs Millionen Juden könne es niemals eine Entschuldigung geben.

Auschwitz-Komitee wollte Erklärung

Das Tor des früheren Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau

Tor des früheren Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau

Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, hatte im Vorfeld des heutigen Verhandlungstages im Namen vieler Nebenkläger gefordert, dass Hanning sich erkäre. Er solle den jungen Menschen von heute erklären, wie und mit welchen Motiven er bei der SS gelandet sei und was er empfunden habe, als er verstand, was in Auschwitz vor sich ging. Von seiner Aussage werde es abhängen, sagte Heubner wörtlich, ob das bleischwere und hohnvolle Schweigen, das die SS über Deutschland gelegt habe, durchbrochen werde.

Mediziner sagten aus

Als Zeugen hörte das Gericht zwei medizinische Sachverständig. Sie erlärten zum einen die Wirkung des in den Gaskammern verwendeten Zyklon B. Zum anderen nahmen sie zum Anklagepunkt "Tötung durch die Lebensumstände im KZ" Stellung. Die Tatsache, daß tausende Häftlinge in Auschwitz starben, weil sie zu wenig zu Essen bekamen und unter schlimmsten hygienischen Umständen lebten, war im Detmolder Prozess zum ersten Mal überhaupt vor einem deutschen Gericht angeklagt worden.

Stand: 29.04.2016, 14:29