Chinesischer Tourist im Flüchtlingsheim - Geschichte bleibt mysteriös

Chinesischer Tourist im Flüchtlingsheim - Geschichte bleibt mysteriös

Ein 31-jähriger Chinese auf Europareise gerät in die Mühlen der deutschen Asylbürokratie und landet schließlich in Dülmen in einem Heim für Flüchtlinge. Eine verrückte Geschichte - aber wie konnte das passieren?

Soviel ist bekannt

Ein Smartphone mit einer Sprach-App

Sprach-App half beim Übersetzen

Vor rund drei Wochen kam ein Chinese, der aus einer Provinz in Nordchina stammt, mit Touristenvisum am Flughafen Stuttgart an. Dort wurde ihm kurz nach seiner Ankunft die Geldbörse geklaut. Vermutlich wollte er den Diebstahl bei der Polizei anzeigen. Warum er dann jedoch in der zentralen Aufnahmestelle von Baden-Württemberg landete, im Patrick Henry Village am Südwestrand von Heidelberg, das ist unklar. Dass er dort war, bestätigte die Sprecherin des zuständigen Regierungspräsidiums Karlsruhe. Dort habe er mit einem Dolmetscher den sogenannten Erfassungsbogen ausgefüllt. Daher, so die Sprecherin gegenüber dem WDR: "Es war für ihn völlig klar, dass er in einer Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge ist." Der 31-Jährige sei anschließend freiwillig in den Bus nach Dortmund gestiegen. Soweit, so der Eindruck der Behördenvertreter, alles ganz normal.

HANDOUT - Die Notunterkunft in Dülmen , aufgenommen am 09.08.2016

In der Erstaufnahmeeinrichtung in Dortmund wurde ihm der Reisepass abgenommen und Fingerabdrücke genommen. "Sein Reisepass wurde eingezogen, dafür bekam er Flüchtlingsdokumente." Die Maschinerie der Asyl-Bürokratie nahm ihren Lauf. "Er war auf einmal in unserem System drin und wurde dann behandelt wie jeder andere Asylbewerber auch", sagte ein Sprecher der zuständigen Bezirksregierung Arnsberg. Von Dortmund aus wurde er dann nach Dülmen gebracht. "Da war wohl auch viel Obrigkeitsdenken dabei. Er hat einfach gemacht, was man ihm gesagt hat", so Christoph Schlütermann vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) im Kreis Coesfeld.

Das Flüchtlingsheim in Dülmen

Klaudio Kolakovic und Christoph Schlütermann (rechts) vor einer Weltkarte

Klaudio Kolakovic und Christoph Schlütermann (rechts) halfen dem Chinesen

Mit ihm in Dülmen angekommen sei eine Chinesin, die ebenfalls einen Asylantrag gestellt hatte, so Schlütermann; demnach sei es nicht ungewöhnlich, dass auch Chinesen um Asyl in Deutschland nachsuchen würden. Dass der 31-Jährige dann nach gut einer Woche die Einrichtung wieder verlassen konnte, verdankt er vor allem Schlütermann und dem Leiter des Heims, Klaudio Kolakovic. Irgendwann fiel ihnen der gut gekleidete Mann auf, er passte nicht so recht dorthin. Eine Verständigung mit ihm war aber kaum möglich, auch nicht mit Händen und Füßen. Schlütermann wandte sich zunächst an das örtliche China-Restaurant, das gab ihm den Tipp, es mal mit Mandarin zu versuchen. Schlütermann griff zu seinem Smartphone mit der Sprach-App. Die übersetzte Schlütermanns Fragen, ebenso die Antworten des Chinesen. Eine davon lautete: "Ich möchte im Ausland spazieren gehen." So wurde schnell klar: Der Mann wollte kein Asyl, er wollte nach Italien und Frankreich.

Im Nachhinein wurden weitere Dinge bekannt, die dem Chinesen - vorausgesetzt er wollte gar keinen Asylantrag stellen - zum Verhängnis wurden. So hatte er bei der Einreise zwar ein gültiges Visum vorgelegt, dieses wurde aber offenbar an falscher Stelle abgespeichert und ließ sich anfangs nicht wiederfinden. Das erschwerte den Versuch des DRK-Mitarbeiters Schlütermann, die Identität und den Aufenthaltsstatus seines Gastes aus Fernost zweifelsfrei zu klären.

Ein Abschied voller Harmonie

Irgendwie lichtete sich nach einer Woche voller Recherchen aber der Dschungel der Missverständnisse und der offenen Fragen. Der Asylantrag wurde gestoppt, und der Mann setzte seinen Europa-Trip fort. In Dülmen verabschiedete er sich höflich, ohne Vorwürfe gegen die deutsche Bürokratie zu erheben, er sagte aber auch: Europa habe er sich anders vorgestellt. Am Ende bleibt die Frage, warum hat der Mann all diese Unbill so duldsam ertragen? Er gab ohne Murren seine Fingerabdrücke ab, ließ sich ärztlich untersuchen und nahm in der Unterkunft auch Taschengeld an...

Anmerkung der Redaktion: Den vorliegenden Text haben wir mit neuen Informationen aus Heidelberg ergänzt. Inwieweit dem Chinesen demnach tatsächlich bewusst war, dass er in Deutschland um Asyl nachgesucht hat, lässt sich derzeit nicht klären.

Stand: 10.08.2016, 11:57