"Sie machten die Hölle von Auschwitz erst möglich!"

Eingang mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" zu dem ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau

"Sie machten die Hölle von Auschwitz erst möglich!"

Vor dem Detmolder Landgericht wurde am Freitag (26.02.2016) der Auschwitz-Prozess fortgesetzt. Vor allem Überlebende des Holocaust kamen zu Wort. Dem 94-jährigen ehemaligen SS-Wachmann Reinhold Hanning aus dem lippischen Lage wird Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen vorgeworfen.

Angela Orosz Richt-Bein hat das KZ als Baby überlebt. Ihre Geschichte ist fast unglaublich: ihre Mutter war im dritten Monat schwanger, als sie aus Ungarn nach Auschwitz deportiert wurde. Der berüchtigte Lagerarzt Josef Mengele machte Sterilisierungs-Experimente mit ihr, spritzte ihr ätzende Substanzen direkt in die Gebärmutter. Trotz alledem wurde die heute 71-jährige kurz vor Weihnachten 1944 auf einer Pritsche in der Lagerbaracke geboren. Heute vormittag sprach die Zeugin den Angeklagten direkt an: „Menschen wie Sie, Herr Hanning, machten die Hölle von Auschwitz erst möglich! Menschen, die zuschauten und halfen, ohne Fragen zu stellen“.

Der Angeklagte zeigte keine Reaktion

Angela Orosz Richt Bein zeigt ein Bild ihrer Familie

Angela Orosz mit einem Foto ihrer Großfamilie. Nur drei überlebten den Holocaust.

Der 94-jährige Angeklagte Reinhold Hanning zeigte auch heute, am fünften Verhandlungstag, keine sichtbare Reaktion in seinem Rollstuhl. Den Blick beständig nach unten gesenkt, erwiderte der ehemalige SS Wachmann im Todeslager auch nicht den suchenden Blick der 71-jährigen Zeugin. Die Auschwitz-Überlebende und Nebenklägerin erzählt im Zeugenstand, wie ihre Mutter sie fünf Wochen vor der Befreiung des Lagers auf einer Pritsche heimlich geboren hat: trotz Unterernährung, trotz der makabren Sterilisationsexperimente des Lagerarztes Mengele, trotz der ständigen Angst entdeckt und damit getötet zu werden. Sie sagt in Richtung des Angeklagten: „Sie wissen, was mit den Menschen passiert ist, sie haben ihre Ermordung ermöglicht.“ Und dann sagt sie immer wieder: "Tell us! Sagen Sie es uns!!" Doch der Angeklagte schweigt weiter, eine Erklärung seiner Anwälte zur Sache wird es nicht vor Ostern geben.

Der Prozess wird am 11. März fortgesetzt

Reinhold Hanning soll in Auschwitz an der Selektion der Häftlinge über Leben und Tod beteiligt gewesen sein. Doch es geht in dem Prozess auch um die unerträglichen Verhältnisse in dem Todeslager der Nazis. Der Prozess vor dem Detmolder Landgericht wird am 11. März fortgesetzt. Dann sollen weitere Zeugen gehört werden.

Ex-Auschwitz-Wachmann Reinhold Hanning kommt in Detmold in den Verhandlungssaal

Reinhold Hanning kommt in den Verhandlungssaal

Stand: 26.02.2016, 14:10