Große Qualitätsunterschiede beim Offenen Ganztag

Archiv: Betreuerin, Junge bei Hausaufgaben helfend, im Hintergrund Tafel

Große Qualitätsunterschiede beim Offenen Ganztag

  • WDR-Umfrage: Wie klappt es mit der Offenen Ganztagsschule?
  • Es fehlt an qualifiziertem Personal, Räumen und Geld
  • Fazit: Gute OGS ist Glückssache

Die freiwillige Nachmittagsbetreuung soll laut Erlass ein hochwertiges und umfassendes Bildungs- und Erziehungsangebot liefern, für individuelle Förderung und Chancengleichheit sorgen. Eingelöst hat die Politik dieses Versprechen bisher nicht. Jedenfalls nicht überall in NRW.

Die Offene Ganztagsschule (OGS)

Offene Ganztagsschulen bieten nach der halbtägigen Unterrichtseinheit ein zusätzliches, freiwilliges Nachmittags-Programm. Jeweils zu Beginn des Schuljahres entscheiden die Eltern, ob ihre Kinder das Ganztagsangebot wahrnehmen. Die offene Ganztagsschule findet zwar in der Grundschule statt, aber anders als bei der Grundschule liegt die Verantwortung nicht in staatlicher Hand. Caritas, Diakonie, Arbeiterwohlfahrt, Sportvereine, Elternvereine, Verbände der freien Wohlfahrtspflege – sie alle können Träger einer OGS sein. Eine Koordinierung oder zentrale Steuerung dieser insgesamt 1.268 Träger findet nicht statt. (Stand: September 2016)

Die Umfrage

Wie sieht der Alltag in der OGS heute aus und was ist aus den politischen Zielen geworden? Um das herauszufinden, hat der WDR einen digitalen Fragebogen an alle Grundschulen in NRW geschickt und um eine Bewertung der OGS gebeten. Von insgesamt 2.812 Schulen haben sich 754 Grundschulleiter an der Umfrage beteiligt. Außerdem hat das Recherche-Team die Träger der Offenen Ganztagsschulen befragt.

Das Ergebnis

Archiv: Rückenansicht Schüler, auf Tisch sitzend, auf Zahlentafen, Lerntafel blickend

Nachmittagsbetreuung - oft ohne qualifiziertes Personal

An vielen Schulen gibt es gravierende Probleme mit der Nachmittagsbetreuung, es gibt zu wenig qualifiziertes Personal, Eltern können sich nicht auf die Hausaufgabenbetreuung verlassen und oft fehlt es an geeigneten Räumen. Die Qualität der OGS schwankt sehr stark von Kommune zu Kommune. Anspruch und Realität klaffen bei der Chancengleichheit besonders weit auseinander, auch bei der individuellen Betreuung. Und: An vielen Orten arbeiten Grundschulen und OGS kaum zusammen. Aber es gibt auch viele Beispiele für gelungene Offene Ganztagsschulen – meist dort, wo Lehrer, OGS-Betreuer und Eltern sich persönlich weit über ihre eigentlichen Aufgaben hinaus engagieren.

Der größte Knackpunkt: Die qualifizierte Betreuung

Ein großer Knackpunkt beim Offenen Ganztag ist das Personal: Nicht nur, dass es nach Angaben vieler Schulleiter zu wenig Betreuungspersonal gibt, es hapert auch mit der Eignung. Von den Schulleitern, die sich an der Befragung beteiligt haben, fordern über 50 Prozent, dass die pädagogische Qualifikation des Personals besser sein müsste. Auch monieren viele, dass die Betreuer für die Hausaufgabenhilfe nicht das nötige Wissen mitbringen. Mehr als zwei Drittel der antwortenden Schulleiter gesteht ein, dass die Kontrolle der Hausaufgaben am Ende immer Sache der Eltern sei. Weiterer Kritikpunkt: Auch Kinder mit besonderem Förderbedarf wie Lernstörungen können gar nicht oder kaum individuell gefördert werden. Auch Kinder mit wenigen oder keinen Deutschkenntnissen werden nach Ansicht vieler Schulleiter in der OGS gar nicht oder kaum gefördert.

Das Personal der OGS

Es gibt keine Vorgaben für das Personal und eine Weiterbildung der Betreuer. OGS-Betreuer arbeiten meist nur von circa 12 bis 16 Uhr, teilweise zusätzlich von 7 bis 8 Uhr. Das "Zwangs-Teilzeitkonzept" und nur wenige Tarif-Beschäftigte führen dazu, dass prekäre Arbeitsverhältnisse geschaffen werden. Bei Ausschreibungen bekommt oft der günstigste Anbieter den Zuschlag - und der hat in der Regel mit weniger Fachpersonal kalkuliert. Für pädagogische Fachkräfte ist der Job nicht attraktiv, sie gehen nach den Erfahrungen der Träger lieber in eine Kita. Auch gibt es eine hohe Fluktuation bei der Betreuung. Ein Umstand, der eine langfristige Bindung zu den Kindern erschwert. Selbst Leitungskräfte in einer großen OGS mit 200 oder mehr Kindern sind zum Teil nicht in Vollzeit tätig. Falls doch, müssen sie sich um mehrere Schulen kümmern. 70 Prozent der Träger geben an, dass sie Probleme haben, Fachkräfte zu finden.

Fazit: Gute OGS ist Glückssache

Archiv: Schulkinder mit Betreuern um einen Tisch

OGS: Keine Standards zu Räumen und Kosten

Konzipiert war die Offene Ganztagsschule eigentlich als Übergangslösung zum gebundenen Ganztag (Schulpflicht am Nachmittag), aber 13 Jahre danach gilt die Übergangslösung immer noch. Es gibt keine landesweiten Regeln oder Standards zu Kosten, Betreuungsstandards und Qualifikation des Betreuungspersonals. Alles hängt von der Kommune und deren finanziellem Zuschuss oder dem jeweiligen Träger der OGS ab. Die Stadt schließt mit den freien Trägern Leistungsvereinbarungen, die in der Regel nur den Umfang der Betreuung festschreibt, den Trägern aber das programmatische und personale Planen komplett überlässt.

Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) betonte, dass man mit den Trägern des Ganztags - die Träger der Wohlfahrtspflege, aber auch die Kultur- und Sportverbände - Rahmenvereinbarungen abgeschlossen habe. Wenn ein Drittel der Schulleitungen unzufrieden sei, "sollten die auf unsere Beratungseinrichtungen auch zurückgreifen und mit den Trägern sprechen, um es gemeinsam zu optimieren".

Löhrmann lobt Trägerkonzept als "bundesweit vorbildlich"

Löhrmann bescheinigt NRW eine "bunte Mischung an guten ganzheitlichen Angeboten für die Kinder". Das Trägerkonzept sei "bundesweit vorbildlich", so die Ministerin im WDR-Gespräch. Zudem haben man die finanzielle Unterstützung für das Ganztagsangebot von 550 Millionen Euro (2010) auf 770 Millionen (2016) aufgestockt. Das Land zahle mehr als zwei Drittel des Angebots.

Kritik an Dumpinglöhnen für das Personal im Ganztag

Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung NRW, sieht dagegen deutliche Mängel in der Betreuung: „Die WDR-Umfrage bestätigt unsere eigenen Umfrageergebnisse von Mai 2016, dass die reale Situation an den Grundschulen deutlich schlechter ist, als die Landesregierung es uns durch ihre Schönfärberei glauben machen will.

Dumpinglöhne im offenen Ganztag führen dazu, dass das Fachpersonal wegläuft und Kinder statt gefördert nur noch beaufsichtigt werden“, sagt Beckmann.

Offene Ganztagsschulen: Ein Flickenteppich

WDR 2 | 27.09.2016 | 02:58 Min.

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Politische Reaktionen auf WDR-Studie zur OGS

WDR 5 Morgenecho - Interview | 28.09.2016 | 05:20 Min.

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Mehr als die Hälfte der Schulleiter, die sich an der WDR-Umfrage beteiligten, will eine grundlegende Reform des Nachmittags in der Grundschule: Sie fordern den Gebundenen Ganztag, also verpflichtende Schule auch am Nachmittag.

Die Finanzierung der OGS

Bislang teilen sich Land, Kommunen und Eltern die Finanzierung. Der kommunale Anteil zur Finanzierung der Offenen Ganztagsschule im Primarbereich beträgt ab dem 1. August 2016 insgesamt 435 Euro pro Kind und Jahr. Diesen Anteil können die Kommunen über die Elternbeiträge refinanzieren. Zusätzlich leisten viele Kommunen einen freiwilligen Zuschuss pro Kind pro Jahr. Dieser variiert sehr stark von Kommune zu Kommune. In Monheim liegt er zum Beispiel bei fast 2.000 Euro pro Jahr pro Kind, im benachbarten Dormagen bei 0 Euro. Auch die Elternbeiträge zur offenen Ganztagsschule sind in der Regel in den Kommunen unterschiedlich je nach Bedürftigkeit gestaffelt, dürfen aber ab dem 1. August 2016 eine Höchstgrenze von 180 Euro nicht überschreiten.

Stand: 27.09.2016, 15:14