Hilfe für Hartz-IV-Kinder kommt nicht an

Schüler in einem Hochseilgarten

Hilfe für Hartz-IV-Kinder kommt nicht an

Von Andreas Sträter

  • 58 Millionen Euro gehen pro Jahr an Hartz-IV-Familien in NRW vorbei.
  • Chipsysteme in Hamm, Münster und im Kreis Steinfurt erfolgreich.
  • Vorbehalte anderer Städte: hohe Kosten.

Das Bildungs- und Teilhabepaket sollte es richten: Kinder aus armen Familien bekommen aus diesem Topf Geld für Ausflüge, Ferienfreizeiten, Sport- und Musikvereine oder für Nachhilfestunden. Soweit die Theorie. In der Praxis kommt das Geld offenbar nur selten an. Nach neuesten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit sind zuletzt in NRW pro Jahr 58 Millionen Euro nicht abgerufen worden. Das berichtet Andreas van Hooven, wissenschaftlicher Referent beim Rat für Kulturelle Bildung in Essen.

Schuld daran sei vor allem der hohe Bürokratie-Aufwand. Für einen Antrag über monatlich zehn Euro müssten bis zu 40 Angaben auf fünf Seiten gemacht werden.

Diskreter Umgang mit armen Kindern

Dabei ginge das auch anders: Unbürokratischer läuft es in Hamm, Münster und dem Kreis Steinfurt, wo Chipkarten die Papiergutscheine ersetzen. Die Karten funktionieren wie Geldkarten, auf die bestimmte Leistungen gebucht werden können.

Ein weiterer Vorteil der Karten: Die Kinder werden weniger stigmatisiert. Wer nämlich Papiergutscheine von der Behörde einlöst, ist gleich als Kinder schlecht verdienender Eltern erkennbar. So sieht es auch das Bundessozialministerium.

Fast 200 Millionen Euro Bürokratiekosten

Auch die Abrufquoten sprechen für das Chip-System. In den Chipkarten-Kommunen nutzen bis zu 60 Prozent der Berechtigten die Zuschüsse vom Bund, während in vielen Regionen in NRW Abrufquoten von lediglich vier bis fünf Prozent üblich seien, so van Hooven. Dem gegenüber stehen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Bürokratiekosten in ganz Deutschland von 194,8 Millionen Euro pro Jahr.

Die Installation von Chipkartensystem verursacht zu Beginn neue Kosten, weil Kartenlesegeräte angeschafft werden müssen. Auf der anderen Seite müssen die Kommunen keine Gutscheine mehr versenden.

Stadt Hamm: "Ein Effizienzgewinn"

Für die Stadt Hamm, die das Modell als erste Kommune in NRW eingeführt hat, habe sich die Einrichtung des Systems gelohnt, erläutert Stadtsprecher Lukas Huster: "Weil wir so Bürokratie- und Personalkosten einsparen können – ein Effizienzgewinn." Auch die diskretere Behandlung der Kinder habe in Hamm für das Kartenmodell gesprochen.

Dass die Zuschüsse vom Bund auf diese Weise tatsächlich genutzt werden, bedeute für die Städte einen zweifachen Gewinn, so van Hooven: Die Kaufkraft steige ebenso wie die gesellschaftliche Teilhabe.

Hamm macht's einfach: Nutzerfreundliches Teilhabepaket für Einkommensschwache

WDR 5 Profit - aktuell | 04.05.2017 | 03:42 Min.

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Über das Kartensystem wollen sich jetzt auch Städte wie Oberhausen oder Bielefeld informieren. In Bielefeld sprachen bisher finanzielle Gründe gegen die Chipkarten. Außerdem habe es Probleme bei der Kompatibilität zwischen den Programmen gegeben, erläutert Bielefelds Sozialdezernent Ingo Nürnberger.

Die Stadt Düsseldorf hingegen sei nach "ausgiebiger Prüfung" nicht am Modell interessiert – zu hohe Kosten.

Ohne Werbung geht es nicht

In Oberhausen sollen die Finanzierungsmöglichkeiten aus dem Bildungs- und Teilhabepaket künftig stärker in Jobcentern beworben werden, erklärt Sozialamtsleiter Andreas Beulshausen. Das jedoch gilt auch für Städte mit Kartenmodell.

Stand: 31.05.2017, 06:00