Wie wir dem ewigen Stau entkommen

Stau auf der A1 in Köln

Wie wir dem ewigen Stau entkommen

Staus mit einer Gesamtlänge von mehr als 400 Kilometern – das ist inzwischen in NRW nicht mehr selten. Wir haben drei Verkehrsforscher nach den Hintergründen und wegweisenden Ideen aus dem Dauerstau gefragt.

Thorsten Koska, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie

Thorsten Koska

Thorsten Koska

Die Diagnose: Der immer dichtere Verkehr in NRW hat vor allem damit zu tun, dass der Gütertransport von Jahr zu Jahr zunimmt – und damit der Lkw-Verkehr. Die Entwicklung hat deutlich gezeigt, dass die Straße dabei die Schiene abgehängt hat. Um die Lkw von der Straße zu bekommen, müsste der Schienenverkehr eindeutig ausgebaut werden. Leider geschieht das viel zu langsam. Bei dem in diesem Jahr verabschiedeten Bundesverkehrswegeplan nimmt der Straßenverkehr weiterhin eine sehr dominante Position ein. Ein weiteres Problem dabei ist, dass die Straßen durch den massiven Lkw-Verkehr zunehmend belastet werden. So ist vor allem die Instandhaltung von Straßen und Brücken zu einer der größten verkehrspolitischen Aufgaben geworden.

Wie es besser laufen könnte: Man sollte darüber nachdenken, Unternehmen verkehrspolitisch mehr in die Pflicht zu nehmen. Denn jeder dritte gefahrene Kilometer wird auf dem Weg zur Arbeit zurückgelegt. Beispielsweise könnten Firmen Jobtickets in höherem Maße bezuschussen oder unter anderem Dienst-Pedelecs zur Verfügung stellen. In anderen Ländern wird bereits vorgemacht, was noch möglich wäre: In Frankreich müssen Unternehmer, die größeren Verkehr generieren, eine Abgabe zahlen – um den öffentlichen Verkehr mitzufinanzieren. Und in den Niederlanden ist vorgeschrieben, dass Firmen die Mobilität ihrer Mitarbeiter analysieren. Häufig erstellen sie dazu einen Plan, der Maßnahmen für nachhaltigere Mobilität enthält.

Michael Schreckenberg, Universität Duisburg-Essen

Michael Schreckenberg

Michael Schreckenberg

Die Diagnose: Die Staudichte ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass wir viele Menschen in Arbeit haben. Das ist natürlich generell gut, aber diese Menschen erzeugen auch viel Verkehr. Wenn nur 5.000 Autos in einer Region hinzukommen, die verkehrstechnisch ohnehin schon an der Grenze ist, hat man eben den einen oder anderen Stau mehr. Außerdem haben wir ein hochgradig sanierungsbedürftiges Verkehrsnetz. Dadurch haben wir zum Teil massive Eingriffe in den Verkehr – zum Beispiel durch die Brückensanierungen. Darüber hinaus haben wir immer noch extrem niedrige Benzin- und Dieselpreise. Das führt natürlich dazu, dass die Leute gerne das Auto nutzen.

Wie es besser laufen könnte: Der Bund will jetzt die Autobahnen unter seine Fittiche nehmen. Bisher haben die Länder Geld bekommen und dann eigenständig ihre Autobahnnetze ausgebaut. Das will der Bund jetzt selbst machen. Das ist meiner Meinung nach richtig. Denn die Länder haben jeweils eigene Vorstellungen von Verkehrspolitik – und dadurch wurde bei Autobahnprojekten die Effizienz geschwächt. Wir werden Staus nicht verhindern können. Man muss sich mit ihnen arrangieren – und sie berechenbar machen. Dadurch weiß man, wieviel Zeit man im Verkehr verliert und kann besser planen. Durch effizienteres Baustellenmanagement könnte man natürlich auch einiges verbessern. Aber da immer der billigste Anbieter genommen wird, besteht die Gefahr, dass die Bauträger mitten im Bauprozess in die Insolvenz gehen. Die Konsequenz: Bei der Fertigstellung von Autobahnbaustellen wird die angepeilte Zeit teilweise um mehrere Jahre überschritten.  

Heiner Monheim, Verkehrsforscher

Heiner Monheim in seinem Arbeitszimmer

Heiner Monheim

Die Diagnose: Als Erstes muss man sagen: "Der Stau sind wir". Millionen Autofahrer fahren tagtäglich in die Staus hinein – wohlwissend, dass sie sehr wahrscheinlich davon betroffen sein werden. Solange wir uns also nicht ändern, wird sich auch an den Staus nichts ändern. In NRW kommt ein besonderes Ärgernis hinzu. Hier ist ungeheuer viel Kurzstreckenverkehr im Stau involviert. Da könnte man sich als Verkehrsteilnehmer aber auch mal dafür entscheiden, für eine fünf Kilometer lange Strecke das Fahrrad zu nehmen und sich nicht in den Stau einzureihen. Was den öffentlichen Verkehr angeht: Es gibt viele Vorurteile gegen den öffentlichen Verkehr. Der wird immer für viel teurer gehalten, als er wirklich ist – und er wird immer als langsamer eingeschätzt. Auch die Politik ist vor solchen Fehleinschätzungen nicht gefeit. Es wird auch immer davon ausgegangen, dass der öffentliche Verkehr unwirtschaftlich ist. Das Gegenteil ist aber der Fall: Autoverkehr ist unwirtschaftlich. NRW hat darüber hinaus einen großen Rückstand gegenüber anderen klassischen S-Bahn-Regionen im Bundesgebiet. Es gibt Gegenden, in denen die S-Bahnen im Fünfminutentakt fahren und die Abstände zwischen den Haltestellen höchstens zwischen ein und zwei Kilometern liegen. In Nordrhein-Westfalen sind wir von solchen Verhältnissen sehr weit entfernt.  

Wie es besser laufen könnte: Es gibt ein Mittel, das meiner Ansicht nach den Stau sofort beseitigen würde – das wäre ein intelligentes Mautsystem. In Singapur beispielsweise regelt die Maut räumlich und zeitlich differenziert die Preise für eine Strecke. Stau ist dort teuer. Wer partout in den Stau hinein will, muss viel dafür zahlen. Die Politik fängt aber auch hier damit an, einiges zu ändern. Beispielsweise werden mehr Radschnellwege geplant. So entsteht eine attraktive Radinfrastruktur. Es gibt ja schon Regionen, in denen der Radverkehr 30 Prozent und mehr am Verkehr ausmacht. Und seit es Pedelecs gibt, wird das Rad insgesamt politisch wieder wichtiger. Die Autoindustrie wird dagegen die Rolle, die sie in den letzten 40 Jahren gespielt hat, in Zukunft nicht mehr spielen können. Wir brauchen einen Strukturwandel. Denn das Auto ist extrem ineffizient. Ein Beispiel: Täglich werden 160 Millionen leere Autositze durch diese Republik kutschiert – das ist Verschwendung.

Protokolliert von Nina Giaramita. 

Stand: 21.11.2016, 06:00