Landesweite Polizei-Aktion gegen Handy-Sünder

Landesweite Polizei-Aktion gegen Handy-Sünder

Von Martin Teigeler

  • Polizei-Kontrollen gegen Raser, Drängler und Handy-Sünder
  • Innenminister Jäger will härtere Strafen wegen Smartphone-Verstößen
  • Experten über geeignete Maßnahmen, Verbote und Gebote

Mit einer großen Kontrollaktion will Innenminister Ralf Jäger (SPD) gegen die Smartphone-"Seuche" vorgehen. Die Polizei will am Dienstag (21.03.2017) landesweit Verkehrsverstöße etwa auf den Autobahnen ins Visier nehmen.

Besonders im Blick haben die Beamten dabei die Ablenkung durch Smartphones. "Während der Fahrt mal eben online, bedeutet vielleicht für immer offline", erklärte Innenminister Jäger am Montag (20.03.2017). Diese Botschaft vermittelt auch ein Videoclip, den die Polizei gemeinsam mit der Hochschule Ostwestfalen-Lippe produziert hat:

Worum geht es bei der Aktion?

164.000 Smartphone-Verstöße sind der NRW-Polizei 2016 aufgefallen - elf Prozent mehr als im Jahr davor. Fahrradfahrer haben das Handy auch immer öfter verbotenerweise am Ohr oder tippen Text-Nachrichten: Voriges Jahr gab es fast 22.000 solcher Verstöße, über 40 Prozent mehr als zuvor. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher - auch die Zahl der durch Unfälle, die durch Smartphones mitverursacht wurden, lässt sich oft nur schwer ermitteln.

Was ist genau geplant?

NRW-Innenminister Ralf Jäger

NRW-Innenminister Ralf Jäger

Die Polizei wird am Dienstag landesweit besonders Verkehrsverstöße auf den Autobahnen ins Visier nehmen. 400 Autobahnpolizisten sollen dafür im Einsatz sein. "Wer auf der Autobahn mit dem Smartphone hantiert, gefährdet sich selbst und andere", sagt Innenminister Jäger (SPD). Gezielte Anhalte-, Abstands- und Geschwindigkeitskontrollen sind angekündigt.

Was bringt eine eintägige Aktion?

Die Opposition ist skeptisch. "Grundsätzlich ist es wichtig, auch bei polizeilichen Kontrollen ein besonderes Auge auf die Smartphone-Nutzung am Steuer zu haben", sagt der CDU-Innenexperte Theo Kruse. Minister Jäger sei aber ein "Inszenierungskünstler", der aus einer Anweisung an die Polizei eine PR-Aktion und eine Showveranstaltung mache. Mark Vollrath, Professor für Ingenieur- und Verkehrspsychologie an der TU Braunschweig, hält solche eintägigen Schwerpunkt-Kontrollen dagegen für ein "sehr gutes Zeichen", um auf das Problem aufmerksam zu machen. Allerdings müsse es für Autofahrer zum alltäglichen Risiko werden, mit dem Telefon am Steuer erwischt zu werden.

Verkehrspsychologe warnt vor Ablenkung von Autofahrern durchs Smartphone

WDR 2 | 11.04.2016 | 03:10 Min.

Wie groß ist das Problem wirklich?

Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), spricht bei der Handy-Nutzung am Steuer von einem "riesigen Problem mit gigantischer Dunkelziffer". Und fügt hinzu: "Die Delikte, die uns fast mehr Sorgen machen als das Telefonieren, betreffen das Schreiben von Textnachrichten." Das Handy liege dabei auf dem Schoss und der Verstoß sei kaum zu ahnden, da er von außen nicht zu sehen sei. Brockmann spricht von einem "Suchtverhalten", wenn es um die Handy-Nutzung gehe. Besonders besorgt ihn ein Umstand: "Die Digital Natives kommen erst jetzt in das Alter, in dem sie einen Führerschein machen können."

Welche Tipps geben Experten?

Handy am Steuer: Frau steht wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht

Handy am Steuer hat manchmal fatale Folgen

Der Wissenschaftler Vollrath hat kein Patentrezept gegen das Problem: "Der Reiz des Smartphones ist immens und hat ja alle Lebensbereiche eingenommen." Es müsse ein gesellschaftliches Klima geschaffen werden, dass Smartphones am Steuer so ächtet wie Alkohol am Steuer. Aufklärung sei wichtig. Man müsse darauf hoffen, so Vollrath, "dass die Autos irgendwann von selbst fahren und den Menschen nicht mehr brauchen –-aber das kann noch dauern". Die Düsseldorfer Verkehrstherapeutin und Psychologin Carina Holthoff rät allen Autofahrern: "Handy im Kofferraum lassen, gar nicht erst die Aufmerksamkeit auf das Handy richten."

Kommen bald härtere Strafen?

Politiker in Bund und Ländern debattieren derzeit, die Straßenverkehrsordnung zu verschärfen. Bislang gibt es bei Verstößen ein Bußgeld von 60 Euro (Radfahrer: 25 Euro) und einen Punkt in der Flensburger Sünderkartei. Das bestehende Verbot, Handys im Auto in der Hand zu halten soll laut Bundesverkehrsministerium auf Tablets und E-Book-Reader ausgedehnt werden. Videobrillen werden ganz verboten. Das Bußgeld soll auf mindestens 100 Euro (Radfahrer: 55 Euro) erhöht werden. Zudem soll es ein einmonatiges Fahrverbote bei Verkehrsgefährdungen geben. Feste Displays im Fahrzeug sollen nur für verkehrs- und fahrzeugrelevante Infos erlaubt sein. Innenminister Jäger fordert, dass das Einkommen bei der Geldstrafe stärker eine Rolle spielen muss. Es könne nicht sein, dass Wohlhabende ihre Smartphone-Verstöße "aus der Portokasse bezahlen".

Was sagt die Autofahrer-Lobby?

Der Automobilclub von Deutschland (AvD) empfiehlt seinen Mitgliedern dringend, nur "sprachgesteuerte Kommunikationsgeräte im Straßenverkehr" zu nutzen. Der Einsatz von Smartphones und anderen Kommunikationsmitteln im Auto sollte vom Grundsatz: "Motor an, Handy aus" geleitet sein. Der ADAC warnt seine Mitglieder: "Bei einem Unfall, der wegen Ablenkung entstanden ist, kann die Kaskoversicherung die Schadensregulierung des Versicherten ablehnen. Entscheidend ist, ob der Fahrer grob fahrlässig gehandelt hat - dazu müsste er seine Sorgfaltspflicht in hohem Maße verletzt haben."

Wie gehen andere Länder mit dem Problem um?

Urlauber sollten gewarnt sein. In vielen europäischen Ländern sind die Geldstrafen teils deutlich höher als in Deutschland - wie eine Übersicht des AvD zeigt:

In Großbritannien droht Fahranfängern bei einem Handy-Verstoß neuerdings sogar der Führerschein-Entzug. Die Düsseldorfer Verkehrspsychologin Holthoff findet die britische Regelung "prinzipiell gar nicht verkehrt, da die Fahranfänger von Anfang die Konsequenzen ihres Fehlverhaltens spüren". Eventuell wäre aber auch nach dem ersten Verstoß eine Verwarnung sinnvoll, nach dem zweiten ein Seminar, nach dem dritten Entziehung der Fahrerlaubnis.

Stand: 20.03.2017, 20:05