Gewalt gegen Kinder: Hilfe "nur minimal finanziert"

Kindesmissbrauch

Gewalt gegen Kinder: Hilfe "nur minimal finanziert"

  • Zahl der Missbrauchsfälle gegen Kinder unverändert hoch.
  • Kölner Verein "Zartbitter" fordert Taten statt Worte.
  • Interview mit Erziehungswissenschaftlerin Ursula Enders.

Die Erziehungswissenschaftlerin Ursula Enders, Autorin und Leiterin des von ihr mitbegründeten Vereins "Zartbitter", verlangt mehr Schutz für Kinder und Jugendliche vor sexuellen Übergriffen. Im Interview mit dem WDR fordert sie, Hilfsangebote und Beratungsstellen finanziell besser auszustatten.

WDR: Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, kritisiert, dass in Deutschland die sexuelle Gewalt gegen Kinder seit Jahren unverändert hoch ist. Wie sind Ihre Erfahrungen für das Land NRW?

Ursula Enders: Den Kölner Verein Zartbitter gibt es seit 30 Jahren. In diesem Zeitraum sind die Zahlen durchweg gleichgeblieben. Wir haben im Jahr durchschnittlich über 600 Beratungsanfragen in aktuellen Fällen. Die Zahl wäre noch deutlich höher, wenn wir auswärtige Hilfesuchende nicht abweisen müssten.

Verändert hat sich jedoch das Täterprofil. Heute wird rund die Hälfte der uns genannten Fälle sexueller Gewalt durch gleichaltrige Kinder und Jugendliche verübt. Die Zahl der beschuldigten Erwachsenen ist hingegen etwas rückläufig. Aber das Ausmaß der Gewalt insgesamt ist keinesfalls zurückgegangen.

WDR: Wie sieht die Gewalt aus?

Enders: Das Ausmaß der sexuellen Gewalt an Kindern macht eine Studie des Hessischen Kultusministeriums aus diesem Jahr deutlich. Danach haben 55 Prozent der Mädchen und 40 Prozent der Jungen, die einen neunten oder zehnten Jahrgang in der Schule besuchen, Erfahrungen mit verbaler und sexueller Gewalt sowie mit sexueller Belästigung im Internet.

Symbolbild Kindesmisshandlung: Ein Mädchen sitzt traurig in der Ecke; Rechte: pa/ dpa

31 Prozent der Mädchen und fünf Prozent der Jungen haben sexuelle Gewalt mit Körperkontakt erlebt. Daran wird deutlich, dass die Zahlen des BKA, die darauf schließen lassen, dass in jeder Klasse etwa jedes zweite Kind sexuellen Missbrauch erlebt haben, die Problematik insgesamt keinesfalls erfassen. Denn sexuelle Gewalt durch Gleichaltrige wird kaum angezeigt.

WDR: 2010 wurden zahlreiche Fälle sexueller Gewalt in Elite-Internaten und Schulen bekannt. Hat sich in NRW seither etwas verändert?

Enders: Die Öffentlichkeit hört zwar plötzlich zu und auch das Thema Missbrauch an Jungen wurde wahrgenommen. Das führte aber nicht dazu, dass die vorhandenen Projekte besser finanziert wurden: NRW ist eines der Bundesländer, das nach 2010 keinerlei Konsequenzen aus der öffentlichen Debatte gezogen hat. Andere Länder haben seinerzeit immerhin ihre Präventionsangebote finanziell besser abgesichert, vor allem die Hilfe für betroffene Jungen.

Ärgerlich ist zudem, dass Zartbitter Köln bereits Anfang der 1990er Jahre das Thema sexueller Missbrauch an Jungen aufgedeckt hat und entsprechende Hilfs- und Präventionsangebote gemacht hat. Diese werden aber vom Land bisher nicht ausreichend gefördert.

WDR: Wie sieht es mit Prävention und Hilfsangeboten in NRW aus?

Enders: Das Land NRW ist ein klassisches Beispiel dafür, dass in der Politik viel über Schutzmaßnahmen gegen sexuelle Gewalt geredet und wenig getan wird. Zartbitter in Köln ist eine der ganz wenigen Beratungsstellen für Mädchen und Jungen, die vom Land finanziert werden. Wir haben hier nur insgesamt vier Stellen für die Beratungsarbeit und die Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch. Die vielen Betroffenen von außerhalb von Köln müssen wir abweisen.

Gleichwohl hat uns das Land NRW immer nur minimal finanziert. Im Jahr 2000 wurde die Förderung deutlich gekürzt und bis heute nicht angehoben, sodass wir heute den gleichen Betrag vom Land bekommen wie im Jahr 2000, ohne dass steigende Personal- und Sachkosten berücksichtigt werden.

WDR: Was fordern sie von der Landesregierung?

Enders: Wir fordern eine Absicherung der Vernetzungsstruktur der Fachberatungsstellen. Wir fordern die finanzielle Absicherung der zum Teil seit 20 Jahren mit minimalen Budget arbeitenden Fachberatungsstellen. Einige bekommen bis heute keinen Cent von der Landesregierung. Wir fordern eine systematische Aufnahme der Problematik in die Ausbildungsgänge zukünftiger Pädagogen.

Wir fordern, dass sich das Land einer Initiative anschließt, dass noch im Jahr 2018 ein "Kindesmissbrauchsbekämpfungsgesetz" verabschiedet wird – sowie es auch der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, fordert.

Ursula Enders, Mitbegründerin und Leiterin vom Kölner Verein "Zartbitter"

Ursula Enders ist Erziehungswissenschaftlerin, Autorin und Leiterin des von ihr mitbegründeten Vereins "Zartbitter", eine Kölner Kontaktstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen. Sie hat u.a. im Auftrag des Landes die Expertise "Sexueller Kindesmissbrauch und Jugendhilfe" erstellt.

Stand: 06.10.2017, 12:02