Im Ruhrgebiet ist jeder Siebte überschuldet

Im Ruhrgebiet ist jeder Siebte überschuldet

Von Peter Schneider

Von 100 Menschen in NRW können fast zwölf ihre Rechnungen nicht bezahlen. Das ist das Ergebnis des am Donnerstag (10.11.2016) vorgestellten Schuldneratlas. Wie verteilen sich die Zahlen in NRW? Und wie passen sie zur Arbeitslosenstatistik und der Anzahl von Alleinerziehenden?

Zur Karte: Informationen über Schuldnerquote, Arbeitslosenquote, verfügbares Einkommen und Anteil Alleinerziehender in den Kreisen und kreisfreien Städten in NRW erhalten Sie durch Anklicken der entsprechenden Fläche in der Karte. Die Bedeutung der Farben sind der "Legende" am unteren Rand der Karte erklärt.

Schuldneratlas NRW 2016

...
...

Legende: Schuldneratlas NRW 2016

Schuldnerquote 2016
  • bis 9 Prozent
  • 9 bis 11 Prozent
  • 11 bis 15 Prozent
  • über 15 Prozent

Die Daten, die auf der Karte abgebildet sind, stammen von Creditreform (Schuldnerquote 2016), der Agentur für Arbeit (Arbeitsmarktzahlen Oktober 2016) und stützen sich auf die Datenbank des Zensus 2011.

Deutschlandweit ist die Überschuldung nach Angaben von Creditreform zum dritten Mal in Folge angestiegen. Im Bundesschnitt war zum Stichtag am 1. Oktober 2016 jeder Zehnte Bundesbürger über 18 Jahre überschuldet. Ein ganz ähnliches Bild zeigt sich für Nordrhein-Westfalen: Hier sind 11,7 Prozent nicht in der Lage, ihre Rechnungen zu zahlen.

Was Überschuldung bedeutet

Überschuldung liegt nach der Definition von Creditreform dann vor, wenn der Schuldner die Summe seiner fälligen Zahlungsverpflichtungen mit hoher Wahrscheinlichkeit über einen längeren Zeitraum nicht begleichen kann und ihm zur Deckung seines Lebensunterhaltes weder Vermögen noch Kreditmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Wuppertal hat bundesweit eine der höchsten Schuldnerquoten

NRW liegt im Bundesschnitt auf Rang 13, nur in Bremen, Berlin und Sachsen-Anhalt liegt die Schuldnerquote über der von NRW. Unter den zehn Kreisen und kreisfreien Städten mit der bundesweit höchsten Schuldnerquote befinden sich drei NRW-Kreise: Wuppertal, Gelsenkirchen und Herne. Auf Platz elf folgt bereits Duisburg, Platz 14 belegt Hagen.

Herne weist den höchsten Anstieg auf

Insgesamt befinden sich nur 15 der 53 NRW-Kreise und -Städte über dem bundesweiten Schnitt. Den höchsten Anstieg der Schuldnerquote weist Herne mit 3,4 Prozentpunkten auf. In Wuppertal stagniert die Zahl auf hohem Niveau – seit fünf Jahren hat sich der Wert dort kaum verändert. Die einzige Stadt, die einen minimalen Rückgang der Schuldnerquote aufweist, ist Münster mit minus 0,23 Prozentpunkte im Vergleich zu 2011.

Hohe Schuldnerquoten im Ruhrgebiet

Besonders hohe Werte errechneten die Statistiker von Creditreform erneut für das Ruhrgebiet. Blickt man auf die Städte zwischen Duisburg und Dortmund ergibt sich eine durchschnittliche Schuldnerquote von 14,65 Prozent.

Arbeitslosigkeit führt oft zur Überschuldung

Das bestätigt die Einschätzung von Creditreform, dass vor allem Arbeitslosigkeit in die Überschuldung führen könne. Denn vergleicht man die aktuellen Arbeitsmarktzahlen für NRW mit der Schuldnerquote, dann sind beide Listen in weiten Teilen tatsächlich deckungsgleich. Von den zehn Kreisen mit der höchsten Schuldnerquote befinden sich sechs auch bei der Arbeitslosenquote unter den ersten zehn. Die vier dort nicht vertretenen Kreise und Städte befinden sich auf den Plätzen 11 bis 14. Analog verhält es sich mit dem verfügbaren Einkommen je Einwohner - je niedriger das verfügbare Einkommen, desto eher laufen die Menschen Gefahr, Schulden zu machen.

Alleinerziehende sind besonders gefährdet

Arbeitslosigkeit ist aber nicht der einzige Faktor, der zur Überschuldung führen kann. Wie Creditreform mitteilt, sind auch alleinerziehende Mütter und Väter gefährdet, in die Schuldenspirale zu rutschen. Auch das lässt sich anhand der Zahlen des Statistischen Landesamts belegen. Die Schuldnerquote ist dort besonders hoch, wo viele Alleinerziehende lebe. Der Blick auf die obersten zehn ergibt immerhin fünf Übereinstimmungen, alle zehn liegen über dem NRW-Schnitt.

"Die meisten Faktoren für die Verschuldung liegen außerhalb der Kontrolle der Verbraucher", so Christoph Zerhusen von der Verbaucherzentrale NRW: "Das Konsumverhalten ist immer seltener schuld an der Zahlungsunfähigkeit". Die Rückmeldungen der Schuldenberater aus den Verbraucherzentralen in NRW zeige zudem, dass das "Selbsthilfepotenzial der Schuldner" immer mehr abzunehmen scheine. "Unsere Erfahrung zeigt, dass die Fälle der Schuldner immer komplexer werden", fasst Zerhusen zusammen.

Starker Anstieg bei den Älteren

Wie Creditreform feststellt, ist auch das Thema "Altersüberschuldung“ weiterhin aktuell. 2016 müssen demnach bundesweit etwa 174.000 Menschen in Deutschland ab 70 Jahren als überschuldet eingestuft werden - das ist eine Zunahme um 16 Prozent. Die entsprechende Überschuldungsquote von 1,34 Prozent ist zwar niedrig, der Vergleich mit den Zahlen von 2013 zeigt aber einen Anstieg von 58 Prozent.

Trübe Aussichten

Für die nahe Zukunft rechnen die Creditreform-Experten nicht mit einer nachhaltigen Entspannung der privaten Überschuldungslage in Deutschland. Es sei vielmehr davon auszugehen, dass die Überschuldungszahlen weiter ansteigen werden. Das ist auch die Einschätzung von Christoph Zerhusen, dem vor allem die steigende Altersarmut und das Abschneiden vieler Bevölkerungsteile von gesellschaftlicher Teilhabe Sorge machen. "Was wir brauchen, sind speziell zugeschnittene Beratungen", so der Verbraucherschützer. Auch eine kürzere Laufzeit der Privatinsolvenz würde viele Überschuldete Verbraucher in die Lage versetzen, beispielsweise wieder ins Berufsleben zurückzukehren.

(Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Darstellung der Karte waren den Kreisen und kreisfreien Städten die falschen Arbeitslosenquoten zugeordnet worden. Darauf hat uns ein aufmerksamer User hingewiesen. Wir bitten um Entschuldigung für unseren redaktionellen Fehler, den wir inzwischen korrigiert haben.)

Stand: 10.11.2016, 12:30