Rosemarie Koczÿ täuschte Holocaust-Biografie vor

Rosemarie Koczÿ täuschte Holocaust-Biografie vor

Von Regina Völz

  • Künstlerin Rosemarie Koczÿ war keine Jüdin
  • Stadt Recklinghausen entdeckt Lügengebäude
  • Koczÿ hatte ihre Kunst auf den Holocaust bezogen
  • Erstmals öffentliche Diskussion über Fake-Biografie

Die Künstlerin Rosemarie Koczÿ ist kein Holocaust-Opfer. Das haben Stadt und Kunsthalle Recklinghausen im Rahmen einer zur Zeit laufenden Ausstellung herausgefunden. Koczÿ hatte sich stets als Opfer des Holocaust ausgegeben und darauf auch ihre Kunst bezogen.

Ihre Werke finden sich unter anderem im Guggenheim-Museum in New York und in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Sie wurde 1939 in Recklinghausen geboren. Seit Mitte der 80er-Jahre lebte sie in den USA, wo sie 2007 starb.

Belege für christliche Abstammung

Die Nachforschungen der Stadt in Standesamts- und Melderegistern belegen, dass Rosemarie Koczÿ keine Jüdin war, sondern ebenso wie ihre Eltern und Großeltern römisch-katholisch.

Die Eltern mussten anlässlich ihrer Hochzeit 1938 einen sogenannten Arier-Nachweis vorlegen, um heiraten zu dürfen. Auch den hat der Recklinghäuser Stadtarchivar Matthias Kordes gefunden. Auch Koczÿs Angaben, wonach sie als Kind im Konzentrationslager Traunstein - einem Außenlager des KZ Dachau - gewesen sein soll, sind nicht zu belegen: "Das war ein reines Männerlager. Da gab es keine Kinder", so Matthias Kordes.

Rosemarie Koczÿ - die Künstlerin, die keine Jüdin war

Der Schrecken des Holocaust beschäftigte auch Rosemarie Koczÿ in ihrer künstlerischen Arbeit. Doch nun wurde bekannt, dass die Holocaust-Biografie der Künstlerin nicht stimmt.

Rosemarie Koczÿ, 29.5.1986, Acryl auf Leinwand, 211 x 152 cm

Ihre Karriere begann die 1939 in Recklinghausen geborene Künstlerin mit gewobenen Arbeiten. Sie schuf aber auch monumentale Holzskulpturen und Reliefs sowie Pastell- und Tuschezeichnungen.

Ihre Karriere begann die 1939 in Recklinghausen geborene Künstlerin mit gewobenen Arbeiten. Sie schuf aber auch monumentale Holzskulpturen und Reliefs sowie Pastell- und Tuschezeichnungen.

Ihre Werke wurden in zahlreichen Ausstellungen in Deutschland, der Schweiz, den USA, Japan und Israel gezeigt. Sie finden sich unter anderem auch in den Gedenkstätten Buchenwald und Yad Vashem in Jerusalem.

Rosemarie Koczÿ ging 1959 zum Kunststudium in die Schweiz. Später zog sie in die USA und lernte Peggy Guggenheim und ihren späteren Mentor Thomas Messer, den ehemaligen Direktor des Solomon R. Guggnheim Museums in New York, kennen.

Vor allem ihre Tuschezeichnungen widmete sie den Millionen von Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs dem Holocaust zum Opfer fielen. Sie sind auf der Rückseite mit dem Satz: "Ich webe Euch ein Leichentuch" versehen.

Rosemarie Koczÿ war es ein Anliegen, den Juden die Würde wiederzugeben. Sie hatte sich stets als Opfer des Holocaust ausgegeben und darauf auch ihre Kunst bezogen. Doch offenbar täuschte sie ihre Biografie nur vor.

Die Künstlerin Rosemarie Koczÿ sei kein Holocaust-Opfer, das haben Stadt und Kunsthalle Recklinghausen im Rahmen der zurzeit laufenden Ausstellung herausgefunden. Auch sei sie keine Jüdin gewesen.

Bis zu ihrem Tod 2007 entstanden über 12.000 Tuschzeichnungen. Ein Teil ihres umfassenden Œuvre ist bis zum 19. November 2017 in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen. Sämtliche ausgestellten Arbeiten stammen aus einer Schenkung an ihre Geburtsstadt.

Kein Eintrag im Opferbuch der Stadt

Rosemarie Koczy

Koczÿ-Ausstellung in Recklinghausen

Die Lebenslüge der Rosemarie Koczÿ fiel anlässlich der Ausstellung von mehr als 100 Arbeiten, die die Künstlerin nach ihrem Tod 2007 ihrer Geburtsstadt Recklinghausen vermacht hatte, auf. Denn ihr Name war nicht im Opferbuch der Stadt verzeichnet.

Georg Möllers, Historiker und Dezernent der Stadt Recklinghausen hat das Online-Gedenkbuch initiiert. Seit Jahrzehnten arbeitet er daran, den Opfern des Nationalsozialismus ein Gesicht zu geben. Seine Recherchen ergaben, dass Rosemarie Koczÿ ein tragisches Kinderschicksal hatte, in einer zerrütteten Familie aufgewachsen ist und zeitweilig im Kinderheim im Münsterland untergebracht war.

Werk bezieht sich auf verstörende Erinnerungen

Kunsthalle Recklinghausen

Kunsthalle Recklinghausen zeigt Koczÿs Werke

Ihre Zeichnungen, Skulpturen und Ölbilder beziehen sich auf verstörende Kindheitserinnerungen: Gewundene Körper in drangvoller Enge, große leere Augen, kahle Schädel. "Ich webe euch ein Leichentuch" hat sie ihre unermüdliche, fast besessene Arbeit genannt. Die Striche um die Körper herum sollen die Fäden des Leichentuchs symbolisieren. Mit dem Bezug auf das jüdische Bestattungsritual wollte sie den Holocaust-Opfern ihre Würde wiedergeben.

Erstmals wird der gefälschten Lebenslauf der Künstlerin Rosemarie Koczÿ öffentlich auf einem Symposium am Mittwoch (8.11.2017) thematisiert. Ihre Werke sind noch bis zum 19. November in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem will ihre Werke auch weiterhin ausstellen. Ihre Kunst bleibe eine Antwort auf den Holocaust und damit für die Sammlung relevant, sagte ein Sprecher am Mittwoch.

Stand: 08.11.2017, 07:00