Flirt-Kurs für Flüchtlinge

Flirt-Kurs für Flüchtlinge

Von Stephanie Grimme

Das hört sich schräg an: Ein Flirt-Coaching speziell für Flüchtlinge. Angeboten in Essen. Knapp 50 jungen Männern wurde dabei erklärt, wie sie in Deutschland Mädchen oder Frauen kennenlernen können. Denn Kontakte zu Deutschen aufzubauen sei schwer, sagen sie.

"Wissen Sie. Ich bin ganz alleine. Ich habe keine Geschwister oder Eltern hier", erzählt der 17-jährige Erfan aus Afghanistan. "Ich sehne mich sehr nach einer Freundin. Mit ihr könnte ich reden, wenn ich traurig bin. Eine Freundin würde mir sehr helfen." So wie Erfan denken viele Flüchtlinge. Das hat das Lore-Agnes-Haus von der AWO in Essen immer wieder erfahren. In der Sexualberatungsstelle sind im vergangenen Jahr 500 junge Migranten über sexuelle Belange aufgeklärt worden - ber Verhütungsmethoden oder wie man die Pille bekommt.

Sehnsucht nach Liebe

Meral Renz, AWO-Sexualpädagogin

AWO-Sexualpädagogin Meral Renz berät viele Migranten

Dabei ist der Sexualpädagogin Meral Renz klar geworden, dass die Sehnsucht nach Liebe und Partnerschaft unter den Flüchtlingen extrem groß ist, aber auch die Ratlosigkeit. "Viele junge Geflüchtete wollten gerne erfahren, wie man in Deutschland Mädchen oder auch Jungen anspricht. Deshalb haben wir den Flirt-Workshop nun angeboten." Anders als es in der Öffentlichkeit oft dargestellt werde, seien viele der jungen Männer aus Afghanistan, Irak, Iran oder Syrien extrem schüchtern. In ihren Heimatländern wüssten sie, wer "frei" sei, wenn man ansprechen dürfe. In Deutschland sei das nicht erkennbar, zumindest nicht, bis ein Ehering getragen werde.

Falsch verstandene Freundlichkeit

Mitunter werde auch Freundlichkeit falsch gedeutet. Ein offener Blick in die Augen, ein lächeln dabei. Manch ein junger Geflüchteter deute das als Liebe, mache sich Hoffnungen und werde enttäuscht. Deshalb rät Flirt-Coach Horst Wenzel auch erst einmal die Ziele niedriger zu stecken. "Mein Tipp an Flüchtlinge: Baut euch erst einmal einen deutschen Freundeskreis auf. Und sucht nicht gleich nur nach einem Partner."

"Wir sind nicht alle schlecht"

Aber das ist leichter gesagt als getan. Viele der knapp 50 anwesenden Flüchtlinge sind ratlos. Es sei extrem schwer, Kontakte zu Deutschen aufzubauen. Und zu Frauen erst Recht, sagt zum Beispiel der 17-jährige Erfan aus Afghanistan. "Manche Mädchen haben Angst vor mir. Ich frage mich immer wieder, warum?" Der 21-jährige Salah erlebt das auch immer wieder. "Die Deutschen glauben, dass arabische Leute schlecht sind. Aber wir sind nicht alle so. Es gibt schlechte Leute, aber auch viele gute." Der 26-jährige Nadeen – er sieht sehr europäisch aus - hat das mal ganz krass erfahren. Eine junge Frau habe ihn angesprochen. Sie hätten lange miteinander geredet - auf Englisch. Dann kam die Frage nach der Herkunft. Syrien, seine Antwort. Daraufhin habe sie sofort das Gespräch beendet. Solche Erfahrungen machen traurig und entmutigen.

Lächeln und Apps nutzen

Gerade nach den Vorfällen in der Kölner Silvesternacht und den Berichten über sexuelle Übergriffe in Schwimmbädern fühlen sich die Flüchtlinge völlig verunsichert. Sie vermeiden es Frauen anzusprechen, sagen mehrere. Aus Angst, dass das als Anmache aufgefasst werde. Trotzdem rät der Flirt-Coach möglichst offen auf Menschen zuzugehen. "Reden, auch wenn die Sprache noch nicht so klappt mit Händen und Füßen. Und viel lächeln." Dieses Rezept sei eigentlich universell. Und Horst Wenzel gibt Tipps für Kennenlern-Apps. "Viele Deutsche nutzen solche Apps, warum sollen nicht auch Flüchtlinge das tun?" Fast vier Stunden lang wird intensiv über die Partnersuche gesprochen. Für viele der geflüchteten jungen Männer ist es möglicherweise das erste Mal, glauben die Veranstalter. Die Bezeichnung "Flirt-Workshop" sei vielleicht irreführend. Aber das Thema Partnersuche ist aus ihrer Sicht wichtig und sehr ernst zu nehmen.

Stand: 07.09.2016, 12:00