Welche Perspektive haben Förderschulen?

Welche Perspektive haben Förderschulen?

Von Jürgen Kleinschnitger

  • Förderschulen schließen wegen der Inklusion in den Regelschulen
  • Eltern wollen für ihre Kinder die Wahl haben
  • Schulpolitikerinnen sprechen sich alle für Erhalt der Förderschule aus

Eltern von Kindern mit Beeinträchtigungen wollen selbst entscheiden, ob sie ihr Kind auf eine Förderschule oder in den inklusiven Unterricht einer Regelschule schicken. Das wurde bei einer Diskussion mit Politikern in der Dortmunder Georgschule am 21.02.2017 deutlich. Doch viele Eltern fürchten, dass die Förderschulen keine Zukunft mehr haben. Eben weil Inklusion gefördert wird. Will die Politik in Zukunft alle Kinder mit und ohne Beeinträchtigung in der Regelschule unterbringen?

Fritzi Böhmer: "Ich war total überfordert."

Fritzi Böhmer in ihrer Klasse der Georschule in Dortmund

Fritzi Böhmer im Unterricht der Dortmunder Georgschule

Fritzi Böhmer hat beide Systeme erlebt: Die 15-Jährige war zunächst auf einer inklusiven Grundschule, eines von fast 30 Kindern in einer Klasse. Da hat sie jede Unterrichtsstunde viel Kraft gekostet, erzählt sie uns: "Da war ich einfach total überfordert mit der großen Klasse. Und habe gedacht: Da muss ich gucken, dass ich da schnell rauskomme." Fritzi kann Gestik oder Mimik ihrer Mitmenschen kaum deuten und sie auch selbst schwer einsetzen. Das ist eine Form von Autimus. Je mehr Menschen um sie rum sind, desto schwieriger ist das Lernen für sie.

Inzwischen geht Fritzi auf die Georgschule in Dortmund. Hier sind in ihrer Klasse 14 Kinder, dazu helfen zwei Integrationskräfte dem Lehrer. Hyperaktive Kinder und Kinder wie Fritzi lernen gemeinsam. Hier hat Fritzi ihren "Schonraum", wie sie das selbst nennt. Also gewohnte Personen und kleine Gruppen. "In den kleinen Lerngruppen können die Schüler einzeln und in Ruhe arbeiten", erklärt Lehrer Günter Fuchs. So könnten Lehrer und Integrationskräfte individuell auf die Probleme der einzelnen Schüler eingehen.

Eltern fürchten um den Bestand der Förderschulen

Fritzis Mutter, Franziska Böhmer fürchtet, dass Förderschulen bald politisch nicht mehr gewollt sein könnten, wenn die Regelschulen mehr und mehr inklusiven Unterricht anbieten: "Noch ist die Befürchtung nicht konkret, aber man kann auch nicht von der Hand weisen, dass man vielleicht irgendwann nicht mehr die Wahl hat." Elternvertreter Lothar Duda wies bei der Diskussion mit den Politikern darauf hin, dass ja Inklusion auch nicht überall problemlos ablaufe, Kritik und Widerstand mehrten sich. Deswegen wollen er und andere Eltern wissen, welchen Stellenwert die Förderschulen in Zukunft haben werden. Dazu äußerten sich fünf Landespolitikerinnen von SPD, CDU, Grünen, FDP und Piraten - eingeladen von den Eltern.

Diskussion über Förderschulen

Die fünf Schulpolitikerinnen aus dem NRW-Landtag auf dem Podium. Eingeladen von Eltern.

Marlies Stotz, für die SPD im Schulausschuss des NRW-Landtags, sagt, es gebe ein Menschenrecht auf Teilhabe. Auch in der Schule. Das Land müsse daher sicher stellen, dass Kinder mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam lernen können. Das ist die Aufgabe von Inklusion. Aber sie schränkt ein: wenn die Eltern das wünschten. "Eltern entscheiden den Schulort ihrer Kinder. Und danach ergibt sich dann zwangsläufig, dass es auch weiterhin wohl Förderschulen geben wird. Wir haben nirgendwo gesagt, dass wir Förderschulen abschaffen werden.

Vertreterinnen aller eingeladenen Partein wollen weiter Förderschulen

Doch eine Wahl zwischen Regelschule und Förderschule hätten Eltern immer weniger, meint die FDP-Schulpolitikerin Yvonne Gebauer. Immer mehr Förderschulen müssten schließen - wegen der Inklusion in NRW: "Wir fordern ein flächendeckendes Förderschulsystem mit den unterschiedlichen Förderschwerpunkten. Das auch für jedes Kind letztendlich erreichbar ist. Denn wir brauchen auch diese Art von Schulen für bestimmte Kinder."

Für Franziska Böhmer war es am Ende ein gelungener Abend. Denn alle vertretenen Parteien haben sich für Förderschulen ausgesprochen. In welcher Zahl, das blieb aber offen.

Stand: 23.02.2017, 16:54