Tote nach Krebstherapie: Minister fordert Konsequenzen, Polizei ermittelt
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Vorsicht vor unerforschten Wirkstoffen | Aktuelle Stunde | 06.08.2016 | 02:55 Min. | Verfügbar bis 06.08.2017 | WDR
Tote nach Krebstherapie: Minister fordert Konsequenzen, Polizei ermittelt
- Drei Tote nach alternativer Krebsbehandlung
- Bundesgesundheitsminister fordert Konsequenzen
- Praxis geschlossen, Polizei ermittelt
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Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hat nach den Todesfällen bei Patienten einer alternativen Krebstherapiepraxis am Niederrhein Konsequenzen gefordert. "Die Verabreichung von Substanzen, die nicht als Arzneimittel zugelassen sind und die sich erst in einer experimentellen Grundlagenforschung befinden, ist nicht vertretbar", sagte Gröhe der "Rheinischen Post" (Samstagausgabe). Dies gelte auch dann, wenn Patienten diese Methode ausdrücklich wünschten, so Gröhe. Die Vorgänge seien erschütternd. "Es ist richtig, dass die zuständigen Strafverfolgungs- und Aufsichtsbehörden diese Fälle zügig aufklären und auch deutliche Warnungen jetzt ausgesprochen haben."
Drei Patienten starben
Am Montag (01.08.2016) hatten die Behörden gemeldet, dass eine 43-jährige Frau aus den Niederlanden im Anschluss an eine Behandlung im "Biologischen Krebszentrum Bracht" in Brüggen-Bracht gestorben sei. Wie sich später herausstellte, starben insgesamt drei Patienten des Zentrums kurz nachdem sie am vergangenen Mittwoch (27.07.2016) von dem Heilpraktiker behandelt worden waren. Am Donnerstag (28.07.2016) starb eine 55-jährige Belgierin, einen Tag später (29.07.2016) ein 55-jähriger Mann aus den Niederlanden und wiederum einen Tag später (30.07.2016) verstarb die Niederländerin.
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Polizei sucht ehemalige Patienten
Ein Großteil der Patienten des Heilpraktikers kommt anscheinend aus den Niederlanden oder Belgien. In den Niederlanden sind zwei weitere Frauen in Krankenhäusern aufgenommen worden, die ebenfalls im Brüggener Krebszentrum behandelt wurden. Ein Zusammenhang zwischen den Todesfällen und der Behandlung ist bislang nicht nachgewiesen, sicherheitshalber haben die deutschen und niederländischen Behörden aber eine Warnung herausgegeben: "Wenngleich eingehendere medizinische Untersuchungen noch zeigen müssen, was sich genau zugetragen hat, besteht derzeit ein konkretes Gesundheitsrisiko für Patienten, die sich in diesem Krebszentrum einer Behandlung unterzogen haben." Auch Patienten, die sich früher dort haben behandeln lassen, wurden gebeten, sich bei der Polizei in Mönchengladbach oder in den Niederlanden zu melden. Laut Angaben der Staatsanwaltschaft haben sich schon mehrere Betroffene sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden gemeldet.
Suche nach den Todesursachen
Niederländische Medien berichten, die Verstorbenen seien mit einem nicht zugelassenen Wirkstoff behandelt worden. Der Ehemann der Belgierin sagte offenbar den Journalisten, sie habe eine Infusion des Präparates 3-Bromopyruvat erhalten. Auf seiner niederländischen Internetseite wirbt der Heilpraktiker auch mit der Therapie. Dass das Mittel tatsächlich zum Einsatz kam, ist aber nicht bestätigt. "Der wesentliche Teil der Ermittlungen bezieht sich darauf, festzustellen, was ist todesursächlich für das Versterben dieser Patienten? Ist es die Krebserkrankung oder ist es die Einnahme dieses Medikaments, möglicherweise Bromopyruvat, was in dieser Klinik verabreicht worden ist?", sagte Wolfgang Röthgens von der Polizei Mönchengladbach im WDR-Interview.
Mittel in den Niederlanden verboten, in Deutschland nicht zugelassen
3-Bromopyruvat ist nach Angaben des Krebsinformationszentrums noch in der Grundlagenforschung. Grundannahme für den Einsatz des Wirkstoffs ist, dass Krebszellen einen veränderten Zuckerstoffwechsel haben. Tests gab es bisher aber nur an Zellkulturen in der Petrischale und in Tierversuchen. Von diesem Stadium bis zur möglichen Zulassung eines Medikaments kann es zehn Jahre dauern. In den Niederlanden ist eine Therapie mit diesem Wirkstoff verboten.
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Behandlung für 10.000 Euro
Der Betreiber des Zentrums, Klaus Ross, hat laut Angaben auf der Internetseite biomedizinische Technik in Gießen studiert, dann 20 Jahre als Produktmanager für kostspielige medizinische Geräte gearbeitet und anschließend eine weitere Ausbildung gemacht. Die Stadt Krefeld erteilte die Zulassung als Heilpraktiker. Das seit August 2014 bestehende Zentrum wirbt unter anderem mit biologischer Krebsbehandlung, Schmerztherapie und Entgiftung. Eine zehnwöchige Behandlung für Krebspatienten kostet demnach knapp 10.000 Euro.
Praxis in Brüggen-Bracht geschlossen
Wegen der Ermittlungen hat der Kreis Viersen dem Betreiber des Biologischen Krebszentrums am Mittwoch offiziell das Praktizieren untersagt, die Praxis in Brüggen bleibt bis auf Weiteres geschlossen. Von dem Gebäude der Einrichtung sind Schilder abmontiert, an Klingel und Briefkasten keine Namen. Die Tür ist mit einem Polizeisiegel versehen. Das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium hat nach eigener Auskunft mittlerweile alle Gesundheitsämter im Land über das Ermittlungsverfahren gegen den Heilpraktiker informiert. Da es Hinweise gebe, dass der Mann auch in anderen Kreisen und Städten tätig sei beziehungsweise war, habe man angeregt, dass die Behörden eigenständig diesen Hinweisen nachgehen und ihm gegebenenfalls auch das Praktizieren untersagen. Außerdem sollen sie prüfen, ob es Informationen gibt, die für die strafrechtlichen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Krefeld relevant sein könnten.
Die Amtsärztin des Kreises Viersen hat Strafanzeige gegen den Heilpraktiker erstattet: Er habe nach aufgetretenen Beschwerden seiner Patienten nicht den Notarzt alarmiert, sondern Vitamine verabreicht. Die Staatsanwaltschaft hat eine Obduktion der Leiche der 43-Jährigen angeordnet, schweigt aber aus ermittlungstaktischen Gründen.
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Stand: 05.08.2016, 19:35