Start up Africa in Bonn: Krisen- oder Chancenkontinent?

Hunderte Teilnehmer hören Herrn NRW-Minister Stamp bei einer Rede zu.

Start up Africa in Bonn: Krisen- oder Chancenkontinent?

Von Jörg Sauerwein

Auch angesichts vieler Flüchtlinge, die übers Mittelmeer nach Europa kommen, ist Afrika für viele Menschen vor allem ein Problemkontinent. Bei der Konferenz "Start up Africa" im Bonner World Conference Center aber waren sich viele Fachleute einig: Afrika kann auch als Chancenkontinent verstanden werden.

"Verabschiedet Euch von der Realpolitik"

Damit Afrika nicht mehr als Krisen-, sondern als Chancenkontinent wahrgenommen wird, müssen die richtigen Weichen gestellt werden. Für den äthiopisch-deutschen Unternehmensberater Asfa-Wossen Asserate heißt das zum Beispiel, europäische Regierungen müssten sich endlich von der so genannten Realpolitik verabschieden: "Denn was bedeutet Realpolitik für uns Afrikaner? Es bedeutet nur, Du kannst der größte Gauner auf Gottes Erden sein, solange Du an der Macht bist, kommen wir europäische Demokraten auf Füßen und beten Dich an – wehe Dir, wenn Du nicht mehr an der Macht bist." Er fürchtet, wenn das auch in Zukunft die Basis der europäischen Afrikapolitik sei, dann kämen bald nicht zehntausende, sondern Millionen Flüchtlinge nach Europa.

Good Governance spielte bisher zu selten eine Rolle

In vielen Jahrzehnten deutscher und europäischer Entwicklungspolitik sei unter anderem die Frage einer guten Regierungsführung bei afrikanischen Ländern oft einfach ausgeklammert worden, kritisierten verschiedene Fachleute auf der Konferenz in Bonn. Das kann so nicht weitergehen, meint auch Joachim Stamp. Der nordrhein-westfälische Minister für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration glaubt zwar, dass die Entwicklungsarbeit und -hilfe für Afrika noch gesteigert werden müsse – aber nicht bedingungslos. Künftig müsse Entwicklungshilfe und -unterstützung unter anderem an gute Regierungsführung und an Rechtsstaatlichkeit gekoppelt sein.

Mehr wirtschaftliches Engagement in und für Afrika

Herr Dr. Asserate hält eine Rede an einem Pult.

Dr. Asfa-Wossen Asserate, äthiopisch-deutscher Unternehmensberater

Die afrikanischen Länder müssten ihre Probleme einerseits selbst stärker in die Hand nehmen, erklärten gleich mehrere Konferenzteilnehmer, unter ihnen zum Beispiel auch Wolfgang Gerhardt, der Vorstandsvorsitzende der Friedrich-Naumann-Stiftung. Andererseits müssten europäische Regierungen und die Wirtschaft dafür sorgen, dass in Afrika mehr investiert wird, sagte der Vizepräsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Ulrich Grillo. Zum einen können entsprechende Bürgschaften ein stärkerer Anreiz sein, aber die Unternehmen müssten auch mit etwas weniger Angst an die Sache gehen, forderte Grillo. Denn das dann mögliche Wachstum sei positiv für die Wirtschaft sowohl in Afrika als auch bei uns und zugleich eine Perspektive für viele Menschen dort.

Mehr Tempo ist nötig

Das bisherige Tempo reiche auf jeden Fall nicht aus, sagt Günter Nooke, der Afrikabeauftragte der Bundeskanzlerin. Wenn nicht schneller gehandelt werde, kämen irgendwann noch viel mehr Flüchtlinge und dann fliege Europa auseinander. Deshalb fordert Asfa-Wossen Asserate eine gemeinsame europäische Afrikapolitik. Nur so könne man afrikanischen Gewaltherrschern vielleicht tatsächlich ihre Grenzen aufzeigen. Nach der Flüchtlingskrise 2015 seien die Probleme auf jeden Fall noch nicht ansatzweise gelöst worden, ergänzt der politische Analyst. Zumindest aber habe man vielleicht seitdem inzwischen eines geschafft: endlich zu realisieren, was für eine große Herausforderung Afrika ist.

Stand: 12.09.2017, 17:20