Land will Radikalisierung im Knast verhindern

Wenn der Mithäftling ein Salafist ist

Land will Radikalisierung im Knast verhindern

  • Justizminister Kutschaty präsentiert Drei-Säulen-Konzept
  • Pilotprojekt in Remscheid, Kompetenzzentrum in Essen
  • Niemand soll im Gefängnis Islamist werden
Zwei Männer stehen in der JVA

Pionierarbeit in JVA Remscheid: Mustafa Doymus und Luay Radhan

In der Justizvollzugsanstalt Remscheid leisten Mustafa Doymus und Luay Radhan seit einem Jahr Pionierarbeit. Die beiden sind Islamwissenschaftler und wollen verhindern, dass Gefangene zu militanten Islamisten werden. Der eine spricht türkisch und kurdisch, der andere arabisch. Die Aufgabe, die sie vom Justizministerium gestellt bekamen, lautet: Herausfinden, welche Radikalisierungsgefahren es im NRW Justizvollzug gibt. Und natürlich Wege aufzeigen, wie man damit umgeht.

Kutschaty: NRW in Vorreiterrolle

Bei seinem Besuch am Dienstag (21.02.2017) im Remscheider Gefängnis betonte Justizminister Thomas Kutschaty, dass es diese Arbeit in diesem Umfang in keinem anderen Bundesland gebe. Und, dass sie noch ausgebaut werde. So sollen in den nächsten Wochen zwei weitere Islamwissenschaftler das Remscheider Team verstärken. Von dort aus kümmern sich die Spezialisten um alle 36 Gefängnisse in NRW. Jeder Bedienstete im Justizvollzug soll durch Schulungen sicherer werden im Umgang mit radikalen Muslimen; knapp 1.000 Mitarbeiter hätten diese Schulung bereits absolviert.

Drei Kompetenzzentren gegen radikalen Islamismus

Außerdem erklärte SPD-Politiker Kutschaty, dass im März 2017 in Essen ein wissenschaftliches Kompetenzzentrum entstehen werde. Zwölf Mitarbeiter, darunter Juristen, Soziologen und Islamwissenschaftler sollen dann in allen nordrhein-westfälischen Gefängnissen die Mitarbeiter schulen und die Ursachen von politisch und religiös motivierter Kriminaliät erforschen.

Bei der Staatsanwaltschaft Köln gibt es bereits eine landesweite Zentralstelle zur Bekämpfung von Radikalisierung und Kriminalität im Internet; in Hamm soll ebenfalls im März eine Zentralstelle zum Thema Geldwäsche hinzukommen, die "illegale Finanzsümpfe von Extremisten" trocken legen soll. Mit diesem Drei-Säulen-Konzept will Kutschaty erreichen, "dass radikales Gedankengut, gleich welcher Religion und Couleur in unserer Gesellschaft und erst recht in unseren Haftanstalten keine Chance haben darf".

Symptome erkennen und richtig deuten

Bei der Arbeit in den Gefängnissen kommt es nach Ansicht der beiden Remscheider Experten zunächst mal auf Beobachtungen an: Bart, Kleidung, freiwilliger Verzicht auf TV und Musik - das können Anzeichen dafür sein, dass ein Gefangener zum Islamist wird, müssen es aber nicht. Entscheidend seien das persönliche Verhalten, seine Aussagen und Kontakte. All das im im Blick zu halten - darin werden die JVA-Beamten nun geschult.

Werte von Demokratie und Rechtsstaat vermitteln

Mauern eines Gefängnis

JVA Remscheid - Werteunterricht im Gefängnis

Bildung und Aufklärung sind weitere Instrumente in der Gefängnisarbeit. Muslimischen Gefangenen soll vermittelt werden, "dass der Islam eine friedliche Religion ist und jede Form von Gewalt einen Irrweg darstellt". Außerdem sollen sie die Vorteile von Demokratie und Rechtsstaat kennen lernen und in Gruppenarbeit üben, Meinungen auszutauschen und auch andere Ansichten zu tolerieren. Klare Regeln und respektvoller Umgang - das sollen die JVA-Beamten im Alltag auch vorleben. Weitere Bausteine des Konzepts sind Kontakte zu ehrenamtlichen Muslimen und Moscheevereinen, die Beispiele für gelungene Integration abgeben können. Ziel aller Bemühungen: Niemand soll als Islamist aus dem Gefängnis kommen, der es nicht vorher schon war.

Stand: 21.02.2017, 19:19