Krebszentrum Brüggen: Ermittlungen in 70 Todesfällen

Krebszentrum Brüggen: Ermittlungen in 70 Todesfällen

Von Catrin Risch und Moritz Börner

  • Nach WDR-Recherchen Ermittlungen in 70 Todesfällen
  • NRW-Ministerin fordert strengere Regeln für Heilpraktiker
  • Niederländische Zeitung kündigt Enthüllungen an

Nach Informationen der Lokalzeit aus Düsseldorf ermittelt die Krefelder Staatsanwaltschaft mittlerweile bereits in siebzig Fällen, in denen Patienten des Brüggener Krebszentrums nach der Behandlung verstarben. Dabei muss jetzt geklärt werden, ob die Patienten an den Folgen ihrer Krebserkrankung starben oder an der Verabreichung des umstrittenen Präparats 3-Bromopyruvat. NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) forderte am Freitag (19.08.2016) strengere Regeln für Heilpraktiker. Steffens kritisierte, dass sich jeder ohne jegliche Ausbildung für die Prüfung anmelden könne. Nach Bestehen der Prüfung sei man dann zugelassener Heilpraktiker. Das entsprechende Gesetz von 1939 müsse reformiert werden.

Vor einem Monat wurde bekannt, dass drei Krebspatienten einer Brüggener Praxis für Naturheilverfahren kurz nach der Verabreichung des umstrittenen, aber nicht verbotenen Präparats verstorben sind. Zwei weitere Patienten erkrankten schwer nach der Einnahme.

Leichen müssen wohl exhumiert werden

Die Behörden haben jetzt offenbar die Patientenakten systematisch auf Behandlungen mit dem umstrittenen Wirkstoff geprüft. Noch ist unklar, was ursächlich für den Tod der Patienten war: Die Krebserkrankung oder die Behandlung mit dem umstrittenen Präparat in der Brüggener Praxis. Möglicherweise müssen viele dieser Leichen exhumiert werden, um eine Obduktion zu ermöglichen.

In dem Zentrum wurden zahlreiche Krebspatienten aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden behandelt. Eine Behandlung kostete rund 10.000 Euro. Die Krefelder Staatsanwaltschaft hat vor einer Woche gegen den Leiter des Krebszentrums Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung aufgenommen. Er ist auf freiem Fuß.

Wirkstoff nur an Tieren getestet

BIOLOGISCHES KREBSZENTRUM / STADT BRÜGGEN - BRACHT / NIEDERRHEIN / TODESSERIE IN ALTERNATIVEM KREBSZENTRUM / POLIZEI ERMITTELT / KREBSZENTRUM WURDE GESCHLOSSEN UND VON DER POLIZEI VERSIEGELT /

Das Mittel 3-Bromopyruvat ist zwar nicht verboten, aber doch umstritten. Bisher ist es kaum erforscht, das heißt, es gibt keine Studien, die eindeutig sagen können, ob der Wirkstoff überhaupt wirkt. Bisher wurde er nur an Tieren getestet, sagt die Wissenschaftsjournalistin Claudia Ruby: "Danach kämen, wenn er denn eine Wirkung hat, noch drei klinische Stufen, um diesen Stoff am Menschen zu erproben. Allerdings scheiden die meisten Wirkstoffe auf diesem Weg irgendwann aus, das heißt, es ist sehr fragwürdig, ob aus diesem Stoff irgendwann mal ein Medikament wird. Man weiß nicht, was die Nebenwirkungen sind; man weiß nicht, ob er überhaupt Krebs heilen kann."Mit der Verabreichung dieses Wirkstoffs sind also viele Unwägbarkeiten verbunden. In den Niederlanden darf das Mittel - ein sogenannter Glukoseblocker - zur Therapie nicht benutzt werden. Für die Patienten war es vermutlich oft der letzte Strohhalm, an den sie sich klammern konnten.

Niederländische Medien erheben Vorwürfe

Der Telegraaf, die größte Tageszeitung des Landes, titelte am Freitag (19.08.2016) groß: "Schuld am Tod von 70 Niederländern?" Dazu ein halbseitiges Foto von dem Betreiber des mittlerweile geschlossenen Zentrums, den das Blatt als "Heiler" bezeichnet. Ein Großteil der Patienten des Heilpraktikers waren Niederländer. Für das Wochenende kündigte die Zeitung weitere Enthüllungen an.

Angehörige einer Verstorbenen äußert sich

Eine Belgierin, deren Ehefrau nach einer Behandlung in Bracht gestorben ist, sagte dem WDR am Telefon, dass ihre Partnerin im niederländischen Nijmegen laut Ärzten keines natürlichen Todes gestorben ist: "Für die Ärzte auf der Intensivstation des Krankenhauses war ganz klar, dass es sich nicht um einen natürlichen Tod handelte. Und dann kam auch schon die Polizei mit Pathologen." Nächste Woche sollen die Ergebnisse der Autopsie vorliegen. Die Frau, die namentlich nicht genannt werden will, hat Anzeige gegen den Heilpraktiker erstattet und ist "böse darüber, dass der Mann noch immer frei herum läuft".

Stand: 19.08.2016, 18:16