Philharmonie: Nach der Pöbelei gegen iranischen Musiker

Saal der Kölner Philharmonie

Philharmonie: Nach der Pöbelei gegen iranischen Musiker

Wegen Zwischenrufen hat der iranische Cembalo-Spieler Mahan Esfahani am Wochenende (28.02.2016) sein Konzert in Köln unterbrochen. Unter anderem forderten die Zuhörer, der Musiker solle Deutsch sprechen. Das Konzert soll jetzt nachgeholt werden.

Die Kölner Philharmonie will das am Sonntag (28.02.2016) unterbrochene Konzert des iranischen Cembalo-Spielers Mahan Esfahani im kommenden Jahr wiederholen. Das Konzert mit alter und zeitgenössischer Musik war wegen heftiger Reaktionen aus dem Publikum unterbrochen worden.

Jochen Schäfsmeier, Geschäftsführer des Veranstalters Concerto Köln, saß im Publikum und versuchte noch, in seiner Umgebung Ruhe zu schaffen. Dass ein Stück wegen Pöbeleien unterbrochen werden musste, habe er noch nicht erlebt, sagte er in der Kultursendung "Scala" auf WDR 5: "Wenn man es geschafft hätte zuzuhören, hätte man bemerken können, was das Besondere an Minimal Music ist." Was bei der Aufführung schief gelaufen sei, könne er sich nicht erklären: "Normalerweise haben wir bei dieser Konzertreihe ein Publikum, bei dem wir sehr gerne sind. Darum verstehe ich es umso weniger, warum es nicht gelungen ist, einmal 16 Minuten ruhig zu sein."

Philharmonie will Willkommenskultur

In einem am Dienstag auf Facebook veröffentlichten Statement des Konzerthauses hieß es, die Philharmonie sei ein Forum für kulturelle Vielfalt, das Künstlern aus aller Welt und verschiedenen Stilrichtungen einen Platz biete. Neben Klassikern komme regelmäßig zeitgenössische Musik, Jazz, Pop und Weltmusik auf die Bühne. "Mit unserem Engagement im Bereich der Musikvermittlung nehmen wir gesellschaftliche Verantwortung wahr, und wir unterstützen soziale Projekte und eine gelebte Willkommenskultur", betonte die Philharmonie weiter. Esfahani sei erneut eingeladen worden und werde am 1. März 2017 das unterbrochene Stück von Steve Reich erneut spielen.

Statt beschwingter Klassik gab es "Minimal Music"

Im Rahmen einer sonntäglichen Abo-Reihe hatte das Ensemble Concerto Köln ein Programm zusammengestellt. Verbindendes Element in allen Werken war das Cembalo. Neben Bach gab es auch verschiedene moderene Kompositionen - unter anderem ein Stück aus dem Bereich "Minimal Music", von Steve Reich. Eine abwechslungsreiche Zusammenstellung - für manche Zuhörer zu abwechslungsreich. Obwohl das musikalische Programm lange bekannt gewesen ist, schienen so manche überrumpelt von Reichs "Piano Phase". Das Stück sei normalerweise für zwei Pianos konzipiert, sagt die WDR 3 Moderatorin Anna Austrup, die bei dem Konzert in der Philharmonie dabei war. Esfahani habe eine Stimme aufgenommen und sie über ein I-Pad abgespielt und die andere live auf dem Cembalo gespielt, erzählt Austrup. Vielleicht sei auch nicht Steve Reich sondern die Technik der Auslöser für die Aufregung bei den meist älteren Protestlern im Publikum gewesen, vermutet Austrup.

"Reden Sie doch gefälligst Deutsch"

Schon gleich zu Beginn des Stücks habe es Gemurmel im Publikum gegeben, das sich bis zu einem Tumult gesteigert habe. Außerdem hätten Zuschauer den Saal verlassen. Schließlich sei es so laut gewesen, dass Esfahani das Stück abbrechen musste, berichtet die WDR 3 Moderatorin. Ob bereits bei der englischsprachigen Einführung durch Esfahani "Reden Sie doch gefälligst Deutsch"gerufen wurde, wie einige Medien und Zuschauer berichtet hatten, konnte Anna Austrup nicht sicher bestätigen. Sie erinnert sich, dass erst zu einem späteren Zeitpunkt jemand im Publikum "Speak German" gerufen habe. Mehrfach habe sich Esfahani jedoch mit der Frage "Why are you afraid?" (Warum haben Sie Angst?) an das Publikum gewandt und sei schließlich von der Bühne gegangen. Für das letzte Stück - wieder von Bach - sei zunächst nur das Orchester, schließlich aber auch Esfahani wieder auf die Bühne gekommen. "Er war sehr gefasst und hat das Konzert professionell beendet", sagt Anna Austrup. Am Ende habe sich dann ein Gast bei Eshafhani für den Vorfall entschuldigt - und der Solist sagte, er wünsche sich die Auseinandersetzung mit dem Publikum und wenn jemand seine Musik nicht möge, solle er das auch sagen.

Kölner Kunstbanausen?

WDR 5 Scala - aktuelle Kultur | 02.03.2016 | 07:19 Min.

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Rassismusvorwürfe im Netz

Der Eklat in der Kölner Philharmonie hatte in den sozialen Netzwerken auch Tage später noch für Diskussionen gesorgt. Vor allem ein Zwischenrufer aus dem Publikum, der den Musiker aufforderte, "gefälligst Deutsch" zu reden, ließ viele User vermuten, der Vorfall habe einen rassistischen Hintergrund. Andere Kommentatoren hielten es für wahrscheinlicher, dass das eher ältere Publikum von der Musik des Minimal-Komponisten Steve Reich schlicht überfordert war. Sie erinnerten an ähnliche Vorfälle bei Konzerten von Karlheinz Stockhausen. WDR.de-User äußerten teilweise Verständnis für die lauten Unmutsäußerungen. "Ebenso wie gelungene Darbietungen mit heftigem Applaus gewürdigt werden, so muss es dem Publikum auch erlaubt sein, Kritik zu zeigen", schrieb "Augenzeuge". Die Nationalität des Musikers oder seine Ansprache auf Englisch sei sicher nicht der Grund für die schlechte Stimmung gewesen.

Esfahani reagiert auf Facebook

Nach dem Vorfall äußerte sich der Cembalist auf seiner Facebook-Seite: "Ich bin mir ziemlich sicher, dass es das erste Mal war, dass ein Cembalo-Konzert tumultartige Zustände hervorgerufen hat. Beeindruckend." Und weiter: "Das war eine der spannendsten Erfahrungen in meinem bisherigen Leben." Bei Twitter schreibt er zudem, er spreche durchaus Deutsch. Aber in einer Weltstadt wie Köln sei er davon ausgegangen, dass das Philharmonie-Publikum kein Problem mit Englisch habe.

Stand: 02.03.2016, 18:29