Lale Akgün: Erdoğan-Konflikt verstärkt auch in NRW

Lale Akgün

Lale Akgün: Erdoğan-Konflikt verstärkt auch in NRW

Die ehemalige SPD-Politikerin Lale Akgün aus Köln befürchtet, dass der Konflikt zwischen Anhängern und Gegnern des türkischen Präsidenten Erdoğan auch in NRW ausgetragen wird. Deutsche Politiker forderte sie dazu auf, sich klar gegen Gewalt und Übergriffe auszusprechen.

WDR: Frau Akgün, Sie kritisieren die Politik des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan schon seit vielen Jahren. Man hat den Eindruck, dass die Unterstützung in Deutschland für Erdoğan unter den Türken besonders groß ist? Wie erklären Sie sich das?

Akgün: Das ist schnell erklärt. Die meisten Türken in Deutschland sind vor 50 Jahren aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland gekommen - oft aus Anatolien oder anderen ländlichen Gegenden. Und viele von ihnen haben nie die mentale Integration nach Deutschland geschafft. Sie haben sich an der Türkei orientiert und die Werte der Türkei hochgehalten. Und genauso wie ihre Verwandten in der Türkei Erdoğan wählen, wählen sie hier auch Erdoğan und halten zu ihm.

Türken in NRW

In Nordrhein-Westfalen leben nach Angaben des Statistischen Landesamtes fast 950.000 Menschen mit türkischen Wurzeln. Von ihnen hat gut eine halbe Million einen türkischen Pass, die anderen haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Damit bilden die Türken die mit großem Abstand größte Nationalitätengruppe in NRW.

Türkischer Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan während einer Wahlkampagne

Erdogan mit Anhängern

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan genießt bei den Türken in NRW außergewöhnlich starke Rückendeckung. Bei der Präsidentschaftswahl 2014 stimmten drei Viertel der in NRW lebenden Wähler für ihn. Zum Vergleich: Insgesamt kam Erdogan auf 51,8 Prozent der Stimmen. Deutschlandweit waren es 68,6 Prozent.

WDR: Die Gülen-Bewegung gibt es ja auch in Deutschland - und wird von vielen kritisch gesehen. Welches Bild haben Sie von der Gülen-Bewegung in Deutschland?

 Fethullah Gülen

Fethullah Gülen

Akgün: Ich bin gegenüber Fetullah Gülen sehr kritisch eingestellt. Für mich ist das auch eine islamistische Bewegung. Wenn man Gülens Schriften liest, sieht man, dass er die Welt nach Gottes Vorstellungen ordnen will. Da ist man schnell bei der Scharia. Das kann ich als säkularer Mensch nicht gutheißen.

WDR: Halten Sie die Gülen-Anhänger denn für gefährlich?

Akgün: Das kann ich insofern beurteilen, weil ich selbst schon von Gülen-Anhängern verbal angegriffen wurde - wegen der Positionen, die ich vertrete. Aber ich wurde nie beleidigt oder bedroht. In ihrer Zeitung "Zaman" wurde dann unter anderem geschrieben, dass ich im Ramadan Wasser trinke und damit die Gefühle der Muslime verletze. Über solche Methoden kann man streiten. Aber die Gülen-Anhänger sind mir gegenüber nie aggressiv oder gewalttätig geworden.

WDR: Bei einigen Erdoğan-Anhängern scheint das anders zu sein. Am Wochenende wurde in Gelsenkirchen ein Café, das ein Treffpunkt für Gülen-Anhänger sein soll, angegriffen - und auch in Köln gab es Auseinandersetzungen. Befürchten Sie, dass die Konflikte, die in der Türkei entstehen, jetzt verstärkt in Deutschland ausgetragen werden?

Akgün: Ganz klar, ja! Das befürchte ich sehr. Die Anhänger von Erdoğan sind gerade so im Aufwind, dass sie zeigen wollen: Wir sind jetzt die Herren der Türkei. Und in Deutschland wollen sie zeigen: Wir haben hier die Definitionsmacht. Gleichzeitig wird den Türken in Deutschland über die türkischen Medien permanent gesagt, dass Fetullah Gülen und seine Anhänger ihre Feinde sind. Das heißt, wir werden den Konflikt auch hier in Deutschland erleben. Und die Gülen-Anhänger sind momentan wirklich gefährdet. Außerdem haben wir in Deutschland viele Aleviten, Kurden, Linksliberale oder Kemalisten, die nicht auf Linie der Erdoğan-Anhänger sind. Hier könnte sich der Konflikt noch ausweiten.

WDR: Wer könnte denn mäßigend auf Erdogan-Anhänger in Deutschland einwirken? Was ist mit Organisationen wie Ditib?

Akgün: Meiner Ansicht nach wird die Politik in der Türkei seit Samstagmorgen aus den Moscheen heraus gemacht. Das war auch ein Kernsatz von Erdoğan. Und Ditib ist der verlängerte Arm der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Das heißt, Ditib wird auch Politik machen und diese Politik wird sich nicht gegen Erdoğan richten. Zu erwarten, dass Ditib mäßigend auf die Leute einwirkt, ist ein eher idealistisches Unterfangen.

WDR: Was raten Sie Politikern in Deutschland in dieser Situation?

Akgün: Den Menschen, die diesen Konflikt nach Deutschland tragen, muss man mit deutlichen Worten begegnen. Ich erwarte von den deutschen Politikern, dass sie den Leuten ganz klar machen, dass wir in Deutschland keine Übergriffe auf andere Gruppen dulden und konsequent gegen Gewalt vorgehen. Solange die Fetullah-Gülen-Anhänger nichts machen, was die freiheitliche Grundordnung gefährdet, müssen sie geschützt werden.

Lale Akgün wurde 1953 in Istanbul geboren und kam mit neun Jahren nach Deutschland. Von 2002 bis 2009 war sie Mitglied des Bundestages und dort Islambeauftagte sowie stellvertretende Europa- und Migratonspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. Von 1997 bis 2002 leitete sie das Landeszentrum für Zuwanderung in NRW.

Das Interview führte Conny Crumbach.

Stand: 19.07.2016, 19:52