Nach Gülle-Gau: Bauern kämpfen um Vertrauen

Gülle-Anhänger auf einem Bauernhof

Nach Gülle-Gau: Bauern kämpfen um Vertrauen

Von Helge Rosenkranz

Seit dem Gülleunfall an der Neye-Talsperre in Wipperfürth im März 2015 kämpfen bergische Bauern um ihren Ruf. Damals töteten fast zwei Millionen Liter unverdünnte Gülle Fische und Kleinstlebewesen. Plötzlich galten Landwirte als Umweltsünder.

Zu Besuch auf dem Hof der Familie Kern in Wipperfürth, ganz in der Nähe der Großen Dhünntalsperre. Hier gab es bislang keine Probleme mit Gülle. Und Kerns investieren gerade viel, damit das auch so bleibt: Eine dicke Kette mit Schloss schützt den Abfüllstutzen des neuen Güllebehälters. Wer den Hahn aufdrehen will, muss erst ein Gestänge montieren, denn hinter der meterhohen Betonwand sitzt noch ein weiteres Ventil. Selbst wenn ein Traktor beim Rangieren den ganzen Stutzen abreißen würde, flösse kein Tropfen Gülle. Dafür sorgt eine Sollbruchstelle. Das Ventil bliebe bei einem solchen Unfall unbeschädigt.

Alles tun gegen Sabotage

Der neue Behälter, der 2,5 Millionen Liter Gülle fassen soll, ist fast fertig. "Uns ist wichtig, dass das Gewässer geschützt ist, dass andere Leute da nicht drangehen und die Gülle unkontrolliert frei setzen können“, sagt Landwirtin Angela Kern. "Wir haben einen Edelstahlschieber eingebaut, der doppelt so teuer war wie herkömmliche Schieber." Er könne sich aber nicht zusetzen. Das alles soll Vertrauen schaffen in die Landwirtschaft – Vertrauen, das im März 2015 verloren gegangen war.

Der Gülle-Unfall vom März 2015

Ein toter Frosch liegt auf dem Rücken

Frösche, Fische und Kleinstlebewesen starben

Am 18. März 2015 ging bei den Remscheider Stadtwerken der Umwelt-Alarm ein: In der Neye bei Wipperfürth waren absurd hohe Nitratwerte gemessen worden. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass fast zwei Millionen Liter Gülle den Bach verseucht hatten. Die schwarze Brühe floß in die Neye-Talsperre und bildete dort innerhalb weniger Wochen eine riesige Blase. Das Gemisch wurde über einen unterirdischen Stollen in ein Hückeswagener Klärwerk gepumpt. Mittlerweile hat sich die Wasserqualität wieder leicht verbessert.

Männer neben einem Betonbecken

Aus diesem Behälter soll die Gülle stammen

Als mutmaßlichen Verursacher des Gülle-Unfalls vermuten die Behörden einen Landwirt aus Halver. Aus dessen Tank soll die Gülle stammen (Foto). Die Staatsanwaltschaft Hagen ermittelt und will nach WDR-Informationen im März 2016 Anklage erheben.

Gelb-grüne Kataster-Karte

Das Gülle-Kataster ist in Arbeit

Jetzt ist Kontrolle angesagt. Der Oberbergische Kreis hat ein so genanntes "Gülle-Kataster“ erstellt. Jeder Hof hat Daten zu seinen Anlagen geliefert, sagt Umweltdezernent Dr. Christian Dickschen: "Wo ist zum Beispiel der nächste Bach, in den Gülle einlaufen könnte? Wir sehen uns an, wie die Fläche um den Gülle-Lagerbehälter gestaltet ist. Muss sie befestigt werden? Gibt es Vorrichtungen, um austretende Gülle aufzufangen? All diese Dinge sehen wir uns an und beraten den Landwirt, wo er die Dinge verbessern muss.“

"Wasserkooperation" erkannte die Problematik früh

Schon lange vor dem Unfall hatten sich Bauern und die Landwirtschaftskammer NRW mit Sitz in Lindlar um einen nachhaltigen Umgang mit Düngemitteln gekümmert, in der so genannten "Wasserkooperation“: Die Experten der Kammer berieten die Landwirte im Umgang mit der Gülle. Das Ergebnis: Der Anteil am giftigen Nitrat in den Böden sank seit 1993 um mehr als die Hälfte.

Frau auf einem Bauernhof

Ursula Jandel

Die Böden im Bergischen Land gelten als wenig belastet. Die Geschäftsführerin der Lindlarer Kammer, Ursula Jandel, beschreibt die Situation heute so: "Das Problem ist, dass wir viele Landwirte haben, die sehr verantwortungsbewusst mit diesen Wirtschaftsdünger umgehen und die jetzt alle unter ein schlechtes Licht fallen. Das ist immer das Risiko, wenn es schwarze Schafe gibt.“

Etwa 100.000 Euro kostet der neue Güllebehälter auf dem Hof der Kerns in Wipperfürth. Sie sind überzeugt, dass sie alles ihnen Mögliche tun, um ein Unglück wie an der Neye-Talsperre zu verhindern. Angela Kern: "Wir haben ein gutes Gefühl. Wir machen auch noch weiter." Kerns wollen die Abfüllan lage noch umbauen. Ihre Hoffnung: "Dann fühlt sich auch die Bevölkerung sicher."

Stand: 22.02.2016, 06:30