Porträt: Akhanlı ein erklärter Gegner Erdoğans

Schriftsteller Doğan Akhanlı

Porträt: Akhanlı ein erklärter Gegner Erdoğans

  • Frühe Erfahrungen mit politischer Verfolgung in der Türkei.
  • 1991 flieht DoğanAkhanlı nach Deutschland.
  • Einsatz für Aufarbeitung des Völkermordes an den Armeniern.

Doğan Akhanlı wurde 1957 in einem kleinen Dorf in der osttürkischen Provinz Artvin am Schwarzen Meer als Sohn eines Lehrers geboren. Ab seinem zwölften Lebensjahr wuchs er in Istanbul auf. Später studierte er Geschichte und Pädagogik in Trabzon.

Seine Mutter habe ihn mit Klassikern von Thomas Mann bis Fjodor Dostojewski vertraut gemacht; dies habe seinen späteren Weg zur Schriftstellerei mit beeinflusst, erklärte Akhanlı einmal.

2001 erhält Akhanlı die deutsche Staatsbürgerschaft

Er hat bereits früh Erfahrungen mit politischer Verfolgung gemacht. Weil er 1975 an einem Kiosk eine linke Zeitung gekauft hatte, saß Akhanlı in Istanbul erstmals fünf Monate in Untersuchungshaft. Trotz Freispruchs war seitdem sein "Vertrauen in den türkischen Staat vollkommen erschüttert".

Nach dem türkischen Militärputsch 1980 tauchte er in den Untergrund ab, organisierte von dort aus Demonstrationen und druckte Flugblätter und Zeitungen. Im Mai 1985 wurde Akhanlı zusammen mit seiner Frau Ayse und dem 16 Monate alten Sohn verhaftet. Bis 1987 saß die Familie in einem Militärgefängnis in Istanbul zweieinhalb Jahre getrennt in Haft. In dieser Zeit sei er auch gefoltert worden, berichtete Akhanlı später.

1991 flüchtete er nach Deutschland, wo er als politischer Flüchtling anerkannt wurde und 2001 die deutsche Staatsbürgerschaft annahm. Die Türkei hatte ihn 1998 ausgebürgert, weil er eine Rückkehr zum Militärdienst verweigerte.

Aufklärung über Völkermord an Armeniern

Mutter mit Kindern während des Genozid in Armenien

Mutter mit Kindern während des Genozid in Armenien

Der 60-jährige Akhanlı ist Mitglied der Schriftstellervereinigung PEN und ein erklärter Gegner des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Er fing zunächst aus therapeutischen Gründen an zu schreiben, um sich mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen. Er bekennt sich offen zu seiner Traumatisierung, zu Depressionen und Alpträumen.

Sein literarisches Werk handelt vielfach von Heimatsuche, Verbrechen gegen die Menschenwürde und den Völkermorden des 20. Jahrhunderts. In seinem Roman "Die Richter des Jüngsten Gerichts" schrieb er als erster türkischer Schriftsteller vom Völkermord an den Armeniern im Jahr 1915, den die Türkei nicht als solchen bezeichnen will. Das machte ihn in der Türkei schlagartig berühmt und berüchtigt - Massenmedien titulierten ihn wegen seines Geburtsortes an der georgischen Grenze als "armenischen Bastard".

Geschichte der Vernichtungspolitik

Das EL-DE-Haus in Köln

Das NS-Dokumentationszentrum im EL-DE-Haus in Köln

Viele Jahre machte Akhanlı auch deutsch-türkische Führungen im Kölner NS-Dokumentationszentrum, um mit türkischen Jugendlichen über die Verfolgung der Juden während der Zeit des Nationalsozialismus zu sprechen. Regelmäßig hält er Vorträge über "Antisemitismus in der Einwanderergesellschaft" - und spricht dabei über die historischen Verbindungen zwischen der deutschen und der türkischen Vernichtungspolitik.

Freispruch aufgehoben

Nachdem er die Türkei 19 Jahre lang gemieden hatte, wagte Akhanlı im August 2010 eine Reise in sein Geburtsland, weil sein Vater im Sterben lag. Bei seiner Einreise wurde er wegen der angeblichen Teilnahme an einem 1989 erfolgten Raubüberfall verhaftet und in ein Hochsicherheitsgefängnis verbracht.

Doğan Akhanlı wird von Polizeibeamten in Handschellen zum Gericht in Istanbul gebracht

Dogan Akhanli wird 2010 von Polizeibeamten in Handschellen zum Gericht in Istanbul gebracht.

Ein Gericht in Istanbul spricht den Schriftsteller 2011 vom Vorwurf frei - ein Kassationsgericht hebt den Freispruch 2013 auf. Doch zum zweiten Prozess erscheint Akhanlı nicht. Deshalb erlassen die Richter einen internationalen Strafbefehl, der nun in Spanien vollstreckt wurde.

2014 wurde Akhanli mit dem Menschenrechtspreis des evangelischen Kirchenkreises Köln, der Pfarrer-Georg-Fritze-Gedächtnisgabe, ausgezeichnet. Der NRW-Landtag würdigte ihn 2015 anlässlich des "Europäischen Tages der Gerechten". Im März 2017 war er Gast bei der Litcologne in Köln und lieh türkischen Autoren seine Stimme.

Stand: 20.08.2017, 12:13