Ministerin entschuldigt sich bei Contergan-Opfern

Ministerin entschuldigt sich bei Contergan-Opfern

Von Peter Hild

NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens hat mit Contergan-Geschädigten am Mittwoch (22.06.2016) in Düsseldorf erstmals über die Rolle des Landes während des Skandals in den 1960er Jahren diskutiert. Eine unabhängige Studie der Universität Münster hatte kürzlich große Versäumnisse der Behörden bei der Kontrolle des Mittels sowie der Hilfe und Aufklärung für Betroffene festgestellt.

Rund 150 Contergan-Betroffene aus ganz Deutschland waren nach Düsseldorf gekommen, um die Forschungsergebnisse mit der Landesregierung zu diskutieren. In mehreren Blöcken ging es um das historische Umfeld des damaligen Skandals, die Reaktion des Landes nach der Rücknahme von Contergan sowie die anschließende Strafverfolgung durch die Justiz. In allen Bereichen kommt die Studie zu dem Schluss, dass die Behörden völlig überfordert gewesen waren. Darüber hinaus existierte damals noch kein rechtlicher Rahmen für die Arzneimittelzulassung.

Geschädigte über Verhalten der Behörden enttäuscht

Viele Contergan-Geschädigte diskutierten über die neue Studie

Rund 150 Betroffene diskutierten über die neue Studie

Meist sachlich, aber auch immer wieder emotional äußerten sich viele der Geschädigten. Der Autor der Studie hatte sich vielen kritischen Nachfragen, mitunter auch Vorwürfen zu stellen, unter anderem zur Verquickung von Behörden und Industrie oder der unzureichenden juristischen Aufarbeitung. Bei vielen war dabei die Wut und Enttäuschung über das bisherige Verhalten der Behörden zu spüren. Am Ende der Diskussionsrunde entschuldigte sich Gesundheitsministerin Steffens für die Versäumnisse des Landes: "Das Land hätte mutiger, hartnäckiger und schneller handeln müssen. Dass das Land das nicht getan hat, dafür möchte ich mich bei den Opfern, Eltern und den Betroffenen entschuldigen."

NRW will Spezial-Behandlungszentrum einrichten

Für die meisten Contergan-geschädigten sind die neuen Erkenntnisse aber nur ein erster Schritt auf dem Weg zu einem stärkeren Bewusstsein für ihre Anliegen. NRW-Gesundheitsministerin Steffens kündigte an, sich stärker um die pflegerische Versorgung von Betroffenen im Alter kümmern zu wollen. Sie will sich unter anderem für ein spezielles Behandlungszentrum für Contergan-Betroffene in NRW einsetzen. Etwa 2.400 Geschädigte leben noch, rund 800 von ihnen in Nordrhein-Westfalen.

Chemie Grünenthal

Verursacher des Contergan-Skandals: Grünenthal um 1965

Das von werdenden Müttern eingenommene Schlafmittel Contergan hatte in den 1960er Jahren bei Tausenden Kindern zu schweren Missbildungen an Armen und Beinen geführt. Das Präparat war vom dem Pharmaunternehmen Grünenthal mit Unternehmenssitz in Stolberg bei Aachen auf den Markt gebracht worden.

Stand: 22.06.2016, 17:14