Familie fordert Aufklärung nach mutmaßlichem Mord in Tunesien

Familie fordert Aufklärung nach mutmaßlichem Mord in Tunesien

Von Ann-Kathrin Stracke

Vor eineinhalb Jahren ist die Bonnerin Ahlem Dalhoumi zuasmmen mit ihrer Cousine von der tunesischen Polizei erschossen worden. Nachts – auf dem Nachhauseweg von einer Hochzeit. "Es war Mord", sagt Mongi Dalhoumi, der Vater von Ahlem. Die mutmaßlichen Täter aber sind wieder frei.

"Wir kämpfen weiter"

Mongi Dalhoumi, Vater von Ahlem und Onkel von Ons, kämpft in Bonn und in Kasserine mit den Behörden. Er will nur eins: Gerechtigkeit.

Ein Foto einer jungen Frau auf einem Blatt Papier.

Ein Flugblatt der Familie Dalhoumi - vor eineinhalb Jahren sind Ahlem (Bild) und ihre Cousine Ons von der tunesischen Polizei erschossen worden.

Ein Flugblatt der Familie Dalhoumi - vor eineinhalb Jahren sind Ahlem (Bild) und ihre Cousine Ons von der tunesischen Polizei erschossen worden.

Aus dieser Richtung sollen die Polizisten auf das Auto geschossen haben.

Auf den Flugblättern der Familie Dalhoumi sind Ahlem Dalhoumi und ihre Cousine Ons zu sehen. Die Familie kämpft für Gerechtigkeit und hat in Deutschland zwei Anwälte eingeschaltet.

Der Friedhof in Kassine - hier liegt Ahlem Dalhoumi begraben.

Das Grab von Ahlem Dalhoumi.

Mongi Dalhoumi am Grab seiner Tochter Ahlem.

Mongi Dalhoumi kehrt solange nach Tunesien zurück bis die Verantwortlichen verurteilt werden und im Gefängnis sitzen.

Auch ein Olivenbaum steht am Grab von Ahlem Dalhoumi.

Mongi Dalhoumi an der Stelle wo seine Tochter und deren Cousine erschossen wurden.

"Die, die getötet haben, müssen ins Gefängnis. Sie dürfen nicht entlassen werden, um noch andere Menschen zu töten und uns so zur Rache zu zwingen. So artet das doch alles aus", sagt Fatma Bartouli, die Tante der beiden erschossenen Frauen.

Auch auf dem Auto sind Fotos der beiden jungen Frauen zu sehen.

Stand: 25.02.2016, 10:46 Uhr

Mongi Dalhoumi steht am Rand einer Landstraße am Ortsrand von Kasserine, Tunesien. Die Straße säumen grünes Gestrüpp und weite Felder. Der 52-Jährige trägt einen schwarzen Mantel und schaut auf die geteerte Straße. Die Sonne lässt ihn lange Schatten auf den Asphalt werfen. Das alles sieht er nicht: Wenn er an diesem Ort steht, sieht er nur das Blut seiner Tochter Ahlem. Denn hier sind Ahlem und seine Nichte Ons erschossen worden.

Tod auf der Landstrasse

Von der tunesischen Polizei. In der Nacht zum 24. August 2014. Die jungen Frauen waren auf einer staubigen Landstraße unterwegs, als plötzlich vom Straßenrand her mehrere Männer auftauchten, Beamte der tunesischen Polizei. Die sagten später, sie hätten eine Straßensperre errichtet, der Wagen habe nicht angehalten. Dann hätten sie geschossen. Ahlem und Ons wurden getroffen, erlagen ihren schweren Verletzungen.

"Sie haben einfach auf uns geschossen"

Ein Mann steht auf einer Straße und zeigt auf eine bestimmte Stelle.

Mongi Dalhoumi an der Stelle, an der seine Tochter und seine Nichte erschossen wurden

"Eine Straßensperre habe es nicht gegeben", sagt Sondes Dalhoumi. Sie ist in der Nacht gefahren. Jetzt sitzt sie auf der Couch in der Wohnung ihrer Eltern in Bonn. Schon lange wohnt sie nicht mehr hier, sie studiert Wirtschaftsingenieurwesen in Gummersbach. Gerade ist sie in Bonn, weil sie an ihrer Abschlussarbeit schreibt. Seit den Ereignissen im August 2014 ist für Sondes nichts mehr, wie es war. Sie hat Schwierigkeiten ins normale Leben zurückzukehren.

Und sie erzählt eine ganz andere Geschichte der tragischen Nacht: Als sie die Männer gesehen hat, bekam sie Angst und hat Gas gegeben. Daraufhin hat die tunesische Polizei auf das Auto geschossen. Erst auf die Reifen, dann auf Personen im Auto. Sondes Dalhoumi kann diese Bilder nicht mehr vergessen.

Unter Tränen erzählt sie heute noch: "Meine Schwester saß neben mir und hat sich dann zu mir umgedreht und dann gesagt: Sondes ich bin getroffen worden. Und diese Worte kann ich einfach nicht mehr vergessen. Das war so eine große Wunde und trotzdem konnte sie sich zu mir drehen und diese Worte sagen. Ich bin natürlich direkt ausgestiegen. Ich wollte direkt auf ihre Seite. Und die haben einfach weiter geschossen." Auch ihre Cousine Ons ist von einer Kugel getroffen worden und bei dem Unfall gestorben.

Tunesische Polizisten sollen an Terroreinsatz geglaubt haben

Ein junge Frau schaut traurig

Sondes Dalhoumi fuhr das Auto in der Unglücksnacht

Die Gewerkschaft der Polizei bestreitet, dass weiter geschossen wurde. Die 12 Polizisten hätten Terroristen in dem Auto der jungen Frauen vermutet und deswegen das Auto anhalten wollen. Mehdi Bechaouech, Vize-Chef der größten tunesischen Polizeigewerkschaft betont: Hätten die Polizisten töten wollen, hätten sie die Kugeln von vorne - und nicht von hinten - ins Auto gefeuert. Für ihn ist die Sache klar: "Das Auto hat die Anweisungen der Polizei nicht befolgt. Es ist einfach weitergefahren. Deswegen haben sie von hinten auf die Reifen geschossen, um das Auto zum Anhalten zu bringen, so wie es nach tunesischem Recht vorgesehen ist. Aber einige Kugeln sind direkt auf dem Auto gelandet und haben Personen, die im Auto saßen getötet."

Auch in Bonn wird ermittelt

Zwei der Polizisten haben ein knappes Jahr in Kasserine in U-Haft gesessen. Mittlerweile sind sie wieder frei. Aus Mangel an Beweisen. Familie Dalhoumi ist darüber fassungslos. "Die, die getötet haben, müssen ins Gefängnis. Sie dürfen nicht entlassen werden, um noch andere Menschen zu töten und uns so zur Rache zu zwingen. So artet das doch alles aus", sagt Fatma Bartouli, die Tante der beiden erschossenen jungen Frauen.

Ein mit Steinen umrahmte Stelle auf der Erde

An dieser Stelle sind Ahlem und ihre Cousine Ons am 24. August 2014 gestorben

Mongi Dalhoumi und seine Familie haben in Deutschland zwei Anwälte eingeschaltet. Die Staatsanwaltschaft Bonn hat ein Rechtshilfeersuchen bei den tunesischen Behörden gestellt. Eine Antwort hat sie bisher nicht bekommen. Der Fall liegt zurzeit bei der Staatsanwaltschaft in Sfax. Hier soll er neu verhandelt werden. Das zieht sich in die Länge, weil angeblich Teile der Akten fehlen. Für den 52-jährigen Bonner zählt nur eins: "Ich will nur sehen, dass die Leute, die meine Tochter getötet haben, ins Gefängnis kommen. Und ich will nur die Wahrheit wissen. Mehr nicht." So lange wird er immer wieder nach Tunesien zurückkehren.

Stand: 25.02.2016, 10:44