Aus Belgrad zum Praktikum nach Bonn

Pfeile mit verschiedenen Zukunftsmöglichkeiten.

Aus Belgrad zum Praktikum nach Bonn

Von Jörg Sauerwein

Praktikanten gibt es in Bonn viele, aber die wenigsten dürften eine so weite Fahrt zur Arbeit haben, wie die 23-jährige Jelena: Rund 1.500 Kilometer ist ihr heimisches Belgrad von der Bonner Telekomzentrale entfernt. Für drei Monate hat sie ihr Zuhause an der Donau für ein Praktikum am Rhein getauscht.

Möglich macht das ein von der Bundesregierung bezahltes Stipendium, mit dem die Jura-Studentin nicht nur ihre Reise bezahlen konnte.

Länderanalysen statt Kaffeekochen

Kaffee kochen und den Kopierer bedienen, das ist wohl der Alptraum vieler junger Menschen, die ein Praktikum absolvieren. Jelena lacht, denn solche Dinge habe sie glücklicherweise noch nicht machen müssen. Stattdessen analysiert die 23-jährige zum Beispiel Gesetze, ordnet verschiedene Berichte der serbischen Medien inhaltlich ein und gibt ihre Einschätzungen dazu und zu vielen anderen Bereichen ab. Jelena Branisavljevic ist alles andere als eine gewöhnliche Praktikantin.

Praktikantin Jelena aus Belgrad

Jelena ist glücklich über das Praktikum

Wie sie sich in ihrem Business-Outfit durch die Hallen der Telekom-Zentrale bewegt, könnte man auch glauben, dass sie schon seit einigen Jahren hier arbeitet. Die Aufregung der ersten Praktikumstage habe sich auch dank der freundlichen Kollegen schnell gelegt, erzählt die dunkelhaarige Frau, während sie an einem Glas Wasser nippt: "Ich studiere Jura in der rechtswissenschaftlichen Fakultät in Belgrad und mache im Herbst meinen Bachelor. Vor dem Abschluss habe ich jetzt das Glück, noch dieses dreimonatige Praktikum im Rahmen des Stipendienprogramms der Deutschen Wirtschaft für den Westbalkan zu machen."

Viel Aufwand für ein Praktikum

Die Hürden für einen der Plätze des Zoran Djindjic-Stipendiums sind hoch. Schon ein Jahr nach der Ermordung des damaligen serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic, der zu Lebzeiten einen sehr guten Draht nach Deutschland hatte, kamen 2004 die ersten Stipendiaten vom Westbalkan nach Deutschland. Finanziert wird das Programm vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), erklärt Antje Müller, die verantwortliche Projektleiterin beim Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft. Dort wird das Programm in Zusammenarbeit mit der Zoran Djindjic-Foundation organisiert.

Nach den Online-Bewerbungen werden die besten Bewerber zu Auswahlgesprächen in den sieben teilnehmenden Ländern eingeladen: Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Serbien und Kosovo. "Nach diesen Auswahlgesprächen reichen wir die Profile an die Unternehmen weiter", erläutert Müller das Verfahren: "Die schauen sich das Ganze an und führen dann gegebenenfalls auch noch mal Gespräche, um vor allem die fachlichen Qualitäten, beziehungsweise Kompetenzen noch mal zu prüfen."

Unternehmen profitieren von qualifizierten Praktikanten

Telekomzentrale in Bonn

Die Telekom-Zentrale in Bonn

Ein solches Gespräch hat auch Jelena mit Björn Mornhinweg geführt, bevor sie schließlich ihr Praktikum bekam. Der Jurist für International Regulatory Affairs bei der Telekom hat nicht zum ersten Mal mit dem Stipendienprogramm für den Westbalkan zu tun: "Wir haben im vergangenen Jahr schon sehr gute Erfahrungen mit einem Praktikanten aus Kroatien gemacht. Die Teilnehmer aus diesem Programm sind wirklich hochqualifiziert und wir müssen uns vom Prinzip her noch aussuchen, wer am besten zu uns passt."

Und der Jurist freut sich, dass er mit Jelena wieder eine Praktikantin gefunden habe, die er gut einsetzen kann. Denn der Konzern hat es in vielen Balkan-Ländern mit Tochtergesellschaften zu tun: "Jelenas Sprachkenntnisse, aber auch ihre juristische Ausbildung ermöglichen es ihr, dass sie Länderspezifische Gesetze und Verordnungen analysieren und uns dann erste Bewertungen geben kann. Dafür müssten wir normalerweise die Kollegen in den einzelnen Ländern ansprechen. So bekommen wir viel schneller erste Einblicke und insofern ist das sehr hilfreich."

Hoher Andrang auf Stipendien

 Geldscheine in der Summe von 80 Euro stecken in der Bibliothek der Universität Osnabrück zwischen Büchern in einem Regal

Durch das Stipendium werden beispielsweise Seminare bezahlt

Über das Stipendien-Programm bekommen die Unternehmen wie die Telekom Kontakte zu hochqualifizierten jungen Menschen in den Balkanländern, an die sie sonst nur schwer herankämen. Und der Andrang für die Stipendien ist groß. In diesem Jahr haben sich rund 1.500 junge Frauen und Männer beworben – auf knapp 60 Plätze. Die Bewerber sind dabei bunt gemischt: Von Juristen über Ingenieure und Journalisten bis hin zu Wirtschaftsstudenten oder Agrarwirtschaftern. Durch das Stipendium bekommen sie zum Beispiel die Kosten für Reisen und verschiedene Seminare bezahlt. Außerdem zahlen die Unternehmen eine Praktikumsvergütung.

Beide Seiten lernen voneinander

Alle Bewerber hoffen, dieselben guten Erfahrungen zu machen wie Jelena, die bisher alles andere als Langeweile hatte: "Ich muss sagen, dass ich einen typischen Tag gar nicht beschreiben kann, weil jeder Tag anders ist. Und das gefällt mir besonders gut hier. Die Tage sind total unterschiedlich." Die junge Serbin war vor ihrem Praktikum durchaus etwas nervös. Denn wer in ein anderes Land geht, fragt sich auch mit einer gewissen Angst, wie die Menschen dort wohl sind und ob man mit ihnen klarkommt. Aber ihre Angst verflog schnell. Vor allem ist sie von der Offenheit ihrer Kollegen begeistert und deren Bereitschaft, ihr immer zu helfen: "Ich kann zum Beispiel wirklich immer Fragen stellen. Das ist sehr, sehr wichtig, weil es die einzige Möglichkeit ist, wirklich etwas zu lernen."

Björn Mornhinweg ist begeistert vom Stipendienprogramm des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft

Björn Mornhinweg ist begeistert vom Stipendienprogramm

Das Lernen beruhe auf Gegenseitigkeit, erzählt Jelenas Betreuer. Kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten erlebe man beispielsweise in drei Monaten gemeinsamer Praktikumszeit ganz anders als bei einem kurzen Besuch einer der Tochtergesellschaften in einem der Balkanländer. Und so habe sich auch sein Bild der Menschen dieser Region durchaus gewandelt, gibt Björn Mornhinweg zu: "Die Leute aus dem Westbalkan hätte ich anfangs eher ernster eingeschätzt. Das kann ich gar nicht bestätigen. Von der Mentalität her sind sie sehr offen. Und wenn man sich ein bisschen Mühe gibt, diese Mentalität zu verstehen, führt man wirklich tolle Gespräche."

Programm auch zur regionalen Aussöhnung

Sowohl die Unternehmen als auch die Praktikanten profitieren von den Erfahrungen, die sie miteinander machen und können häufig die Kontakte später weiter nutzen, berichtet Antje Müller vom Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft. Dazu kommt aber noch ein ganz anderer Punkt. Denn die Praktikanten der sieben Teilnehmerländer haben auch untereinander viel miteinander zu tun. Sowohl während des Praktikums bei verschiedenen Veranstaltungen als auch hinterher durch eine intensive Alumni-Arbeit.

Es entstehe dort ein wertvolles Netz von Ehemaligen, die sich über die Ländergrenzen hinweg besser kennenlernen würden, sagt Antje Müller. Dadurch würden Vorteile abgebaut und häufig würden diese Ehemaligen später auch gemeinsame Projekte auf die Beine stellen: "Wir haben das ganz häufig, dass dann ehemalige Stipendiaten gemeinsame Geschäftsideen entwickeln und umsetzen."

Wirtschaftliche Kontakte zwischen Deutschland und den Balkanländern auf der einen und regionale Aussöhnung auf der anderen Seite. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller zumindest war nach einem Treffen mit ehemaligen Stipendiaten in Belgrad so sehr begeistert, dass das Programm jetzt aufgestockt wird. Ab dem kommenden Jahr können nicht mehr 60 sondern bis zu 75 Praktikanten durch das Stipendium nach Deutschland kommen.

Stand: 06.09.2016, 14:00