So lebt die abgeschobene Bivsi in Nepal

So lebt die abgeschobene Bivsi in Nepal

Von Ines Rothmeier und Kai Toss

Vor zwei Wochen wurde die 15-jährige Bivsi aus einer Duisburger Schule geholt und zusammen mit ihren Eltern nach Nepal abgeschoben. Wir haben sie dort getroffen.

Es ist eine kleine Kette mit einem Herzanhänger, der Bivsi sofort zum Weinen bringt. Das Team der Lokalzeit trifft sie und ihre Eltern in Nepal und überbringt drei Briefe von Freundinnen aus der 9 d am Steinbart-Gymnasium in Duisburg. "Ich vermisse sie so sehr", schluchzt Bivsi immer wieder und hängt sich die mitgeschickte Kette um den Hals. In einem Brief sind Fotos einer Klassenfahrt nach Berlin. Immer wieder sieht sie sich die Bilder aus der Vergangenheit an.

Ihre Zukunft in Nepal sieht sie düster. In den vergangenen Tagen hat sich Bivsi mit ihren Eltern einige Schulen angesehen. Die Lehrer wissen mit dem Mädchen aus Deutschland aber nichts anzufangen. Das Problem: Bivsi und ihre Eltern sprechen Magar, in der Schule wird aber Nepali gesprochen. "Das verstehe ich zwar ein bisschen, aber es reicht nicht für die Schule." Außerdem fehlen Zeugnisse aus Deutschland. Die wollen die Lehrer hier unbedingt sehen. Die Dokumente sind in der Hektik der Abschiebung vor zwei Wochen in Duisburg liegen geblieben.

Bivsi in Nepal

Bivsi mit ihrer Familie in Pokhara

Bivsi mit ihren Eltern und ihrer Tante (rechts), bei der die Familie untergekommen ist.

Bivsi mit ihren Eltern und ihrer Tante (rechts), bei der die Familie untergekommen ist.

Bivsi vor dem Haus ihrer Tante. Hier lebt die Familie zur Zeit.

Familie Rana in Nepal.

Lokalzeit-Reporter Ines Rothmeier und Kai Toss mit Bivsi in Pokhara.

Dreharbeiten in einem Café.

Straße in Pokhara.

Phewa-See am Fuß des Annapurna-Massivs.

Menschen waschen im See ihre Kleidung.

Bolzplatz und Treffpunkt in Pokhara.

Pokhara: 7 Autostunden von Kathmandu entfernt.

Straßenszene in Nepals Hauptstadt Kathmandu.

An die Hitze in Nepal gewöhnt – an die Mücken nicht

Bivsi und ihre Eltern leben derzeit in einem Vorort von Pokhara. Trekkingtouristen aus aller Welt kommen in die gut 250.000 Einwohner große Stadt, um ihre Touren von hier aus in den Himalaya zu starten. Im Moment ist Regenzeit, die Temperaturen steigen jeden Tag auf über 30 Grad Celsius, es ist drückend schwül. Weniger für die Menschen, die hier leben, wohl aber für eine Familie, die zuvor fast 20 Jahre in Deutschland gelebt hatte. Erst recht für Bivsi. Sie ist in Deutschland geboren. Sie war noch nie in der Heimat ihrer Eltern.

Die Aussicht vom Phewa-See auf die atemberaubende Bergkulisse des Annapurna-Massivs sieht sie zum ersten Mal. "Schön hier", sagt sie. "Aber ich will zurück nach Hause." Dabei greift sie an die Kette ihrer Freundin. Vor der Hitze flieht die Familie in ein kleines Café. Ventilatoren wirbeln kurz die stickige Luft auf. Dann fällt der Strom aus. Das passiert hier regelmäßig. Nepal ist ein armes Land, das das verheerende Erdbeben vor zwei Jahren längst nicht überwunden hat. 9.000 Menschen waren dabei ums Leben gekommen. Der Wiederaufbau ist längst nicht abgeschlossen. Bivsi wundert sich über die Arbeiter, die in Flipflops Gerüste aus Bambusrohren und Seilen an Häuserfronten montieren.

Kontakt nach Duisburg über das Internet

Im Haus der Tante gibt es keinen Internetzugang. Bivsi muss dafür in ein Internetcafé gehen. Hier sucht sie nach Neuigkeiten aus ihrer Heimat, aus Duisburg. Sie ist überwältigt von den vielen Zeitungsartikeln und Fernsehberichten des WDR. Dass hunderte Menschen in einem Demonstrationszug von ihrer Schule zum Rathaus gegangen sind, kann sie kaum glauben. "Bring Bivsi back" steht auf vielen Plakaten. Wieder fließen Tränen. Sie merkt, es sind längst nicht nur ihre Mitschüler, die sich für sie einsetzen.

Die Abschiebung beschäftigt auch das Bundesaußenministerium. Hier wird die SPD-Bundestagsabgeordnete Bärbel Bas den Fall um Bivsi vortragen. Die Frage lautet: Darf die Familie zurück oder nicht? Die 15-Jährige merkt, dass es bei den Lösungsmöglichkeiten der Politiker und bei Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link nur um sie geht, um ihre mögliche Rückkehr nach Duisburg. Von der Rückkehr ihrer ebenfalls abgeschobenen Eltern reden die Politiker nicht. "Ich habe Angst, dass wir auseinandergerissen werden", sagt sie leise. Ihr Vater nickt und weint auch.

Bivsis Vater: "Der falsche Name war der Fehler meines Lebens"

Bivsi in Pokhara

Bivsi mit ihren Eltern

Nepal ist seit Jahrzehnten ein politisch instabiles Land. Als Bivsis Eltern nach Deutschland flohen, kämpften unter anderem Königstreue und Maoisten um die Vorherrschaft im Land. 17.000 Menschen verloren im Laufe des Bürgerkriegs ihr Leben. Mittlerweile ist Nepal eine Demokratie – eine brüchige Demokratie. Bivsis Eltern waren vor fast 20 Jahren vor diesem Krieg geflohen. Aus Angst vor späterer politischer Verfolgung in Nepal hatten die Eltern beim Asylantrag in Deutschland einen falschen Namen angegeben. Bivsis Vater sagt heute in Nepal: "Das war der Fehler meines Lebens!"

Bivsi hat von der folgenschweren Lüge nichts mitbekommen, nicht von den Klagen und dem Kampf gegen die Abschiebung. Das Mädchen ist als Duisburgerin in Deutschland aufgewachsen. Obwohl die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen ihren Vater gegen Zahlung von 500 Euro eingestellt hatte, ist die Familie nach Nepal abgeschoben worden. Ohne die Lüge wäre eine humanitäre Lösung für die ganze Familie wahrscheinlicher gewesen. Das vermuten alle in der Familie. Der Vater hatte fast die gesamte Zeit in Deutschland als Sushi-Koch in Essen gearbeitet, ganz offiziell. Wir sind niemandem zur Last gefallen, sagt der Vater – und wiederholt: "Ich habe nur einmal einen Fehler gemacht."

Auch Menschen in Pokhara haben von dem Fall gehört

Restaurantbesitzer Parkash Gurung

Restaurantbesitzer Parkash Gurung

Der Fall um das abgeschobene Mädchen aus Deutschland ist im Ort bekannt. Hier hat es in der Lokalzeitung einen Artikel gegeben. Die Menschen aus Pokhara können den Umgang mit der Familie nicht nachvollziehen. Restaurantbesitzer Parkash Gurung formuliert es drastisch: "Das, was die Familie erlebt, das ist die Hölle auf Erden." Er sieht schwarz für die Ranas. Seiner Ansicht nach wird der Vater große Probleme haben, überhaupt einen Job zu finden. Und wenn, werde das Geld kaum für die Familie reichen. Wer in Nepal arm ist, ist auf sich gestellt. Hier müssen Ärzte zum Beispiel direkt bezahlt werden. Und wer das nicht kann, wird nicht behandelt – egal wie schwer die Erkrankung ist.

Hoffnung auf gemeinsame Rückkehr

Bivsi und ihre Eltern waren in den ersten Tagen nach der Abschiebung bei Verwandten in der Landeshauptstadt Kathmandu untergekommen. Jetzt leben sie bei der Tante am Rande der Touristenhochburg Pokhara. Wieder fließen Tränen, als es um eine mögliche Rückkehr nur für Bivsi geht. Die Eltern hoffen, dass auch sie wieder nach Deutschland zurückkehren können und dass Bivsi dann weiter zur Schule gehen kann, aufs Steinbart Gymnasium in Duisburg. Und wenn nur Bivsi zurückdarf? "Wenn es gar nicht anders geht, würde ich das machen", sagt sie und schaut zum Boden. Ihre Mutter hört mit, dreht sich um und weint. Der Vater starrt in die Luft. Das Gespräch ist hier zu Ende.

Stand: 19.06.2017, 06:00