Der Kirchturm von Borschemich - ein Wahrzeichen verschwindet

Ein Kran reißt von oben den Kirchturm von Borschemich ab

Der Kirchturm von Borschemich - ein Wahrzeichen verschwindet

Von Katja Stephan

Es war ein schmerzhafter Moment: Rund 40 Menschen waren Montag Morgen (22.02.2016) nach Borschemich gekommen, um sich von ihrer Kirche St. Martinus zu verabschieden.

Pünktlich um acht Uhr begann der Bagger, den Kirchturm abzureißen. Und nur wenige Minuten später stürzte die Spitze mit einem lauten Krachen herab. Für einige war dies zu viel: Sie mussten den Blick abwenden. Einer der Bewohner ließ über seinen Lautsprecher eine alte Aufnahme des Glockengeläutes von St. Martinus erklingen – so entstand eine fast andächtige Stille, begleitet vom Knarren und Brummen des Baggers.

Abschied mit Tränen

Viele Zuschauer standen am Bauzaun, um den Abriss mit eigenen Augen zu verfolgen. „Ich wollte meine Kirche nicht allein lassen.“, erklärte die ehemalige Ortsbewohnerin Gertrude Hurtz anschließend unter Tränen. „Es war schlimm. Aber ich hoffe, dass wir jetzt alle ein bisschen zur Ruhe kommen.“, so beschrieb es Marlene Stockfisch, die in direkter Nachbarschaft der Kirche aufgewachsen war.

Vor einer Woche hatten die Abrissarbeiten an der Kirche begonnen. Innerhalb von drei Tagen hatten Bagger die Sakristei, den Altarraum und schließlich das komplette Kirchenschiff dem Erdboden gleich gemacht. Bereits im November 2014 war die Kirche in einem letzten Gottesdienst feierlich entweiht worden. Teile des Gotteshauses, darunter die Glocken und der Altar, waren in die neue Kapelle im Umsiedlungsort Borschemich-Neu integriert worden.

Gotteshaus mit langer Historie

Mehrere Menschen schauen zu wie ein gelber Bagger vor blauem Himmel den Kirchturm von Borschmich einreißt

Zuschauer beobachten den Abriss der Kirche

Die Kirche St. Martinus ist über 100 Jahre alt. Im Jahre 1907 wurde sie eingeweiht, seitdem fanden dort regelmäßig Gottesdienste statt.

Mit dem Abriss der Kirche ist nun auch das letzte große Bauwerk des Dorfes verschwunden. Bereits im Dezember vergangenen Jahres war das alte Rittergut Haus Paland abgerissen worden. Dort untersuchen seitdem Archäologen des Landschaftsverbandes Rheinland den Boden, um die Baugeschichte des denkmalgeschützten Gebäudes zu erforschen.

Die Bagger des Braunkohletagebaus rücken immer näher an den Ort heran. Viele Häuser wurden bereits abgerissen; nur noch zwei Familien wohnen in Borschemich, und auch hier ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie ihren Heimatort endgültig verlassen.

Abschied von der alten Dorflinde

Am nächsten Samstag, den 27. Februar, gilt es, noch einmal Abschied zu nehmen. Dann fällen die Borschemicher das letzte Wahrzeichen des Ortes: die alte Linde, die seit über 400 Jahren auf dem Dorfplatz stand. Im Laufe des kommenden Jahres werden laut Braunkohlebetreiber RWE die Bagger weiter vorrücken; 2017 soll Borschemich im Loch des Tagebaus verschwunden sein.

Stand: 22.02.2016, 16:33