Die Pannen der Wehrhahn-Ermittlungen

Die Pannen der Wehrhahn-Ermittlungen

Von Tobias Al Shomer

  • Razzien mit Hindernissen im Wehrhahn-Fall
  • Indizien waren schwer einzuordnen
  • Verhafteter als "untypischer Rechtsterrorist"

So voll wie am Dienstag (07.02.2017) war es nur selten in der gut zweijährigen Geschichte des NSU-Untersuchungsausschusses. Was gibt es Neues zum Sprengstoff-Anschlag am S-Bahnhof Wehrhahn vom 27. Juli 2000? Als erster Zeuge nimmt Dietmar Wixfort Platz. Er war seinerzeit Ermittlungsleiter und berichtet Erstaunliches. Früh seien die Ermittler durch Hinweise aus der Bevölkerung auf den jetzt festgenommenen Ralf S. gestoßen.

Stubendurchgang statt Razzia

Ralf S. machte damals keinen Hehl aus seiner rechtsextremen Weltanschauung. In seinem Viertel ist er als "Sheriff von Flingern" bekannt, patrouilliert mit seinem Rottweiler durch die Straßen.

Überraschend ist, dass es schon zwei Tage nach dem Anschlag die erste Durchsuchung bei Ralf S. gab, obwohl bis auf Mutmaßungen aus der Bevölkerung zu dem Zeitpunkt nichts gegen ihn vorlag. Die Razzia verläuft zudem äußerst merkwürdig. "Durchsuchung würde ich das nicht nennen", erklärt Wixfort. Das sei eher ein Stubendurchgang gewesen. Nur 45 Minuten seien Staatsschutzbeamte in seiner Wohnung gewesen.

Ein später Durchsuchungsbeschluss

Bereits vier Tage später folgt die nächste Durchsuchung. Auch sie startet schlecht. Ab morgens ist die Polizei einsatzfähig, aber der Durchsuchungsbeschluss sei erst gegen 16.30 Uhr gekommen, trägt Wixfort vor.

NSU-Untersuchungsausschuss: Sven Wolf, Jan Jäger

Der NSU-Untersuchungsausschuss tagt

Man kann das als Ermittlungspanne sehen. Es kann aber auch ganz einfach ein Beleg dafür sein, wie wenig gegen Ralf S. vorlag, sodass sich die Richter schwer taten, erneut einen Durchsuchungsbeschluss zu erlassen.

Eine Zeitung, die später wichtig wird

Verdächtiger nach Wehrhahn-Anschlag festgenommen

Anschlag an der S-Bahn

Mit dem Abstand von fast 17 Jahren ergibt sich ein anderes Bild. Nach WDR-Informationen kamen beide Razzien viel zu früh. Der Ermittlungsstand am 29.07.2000 und vier Tage später war noch sehr übersichtlich, denn die Kriminaltechniker hatten mit der Spurensicherung am Tatort keinen einfachen Job. Kurz nach dem Anschlag gab es starken Regen. Die Rekonstruktion der Tat dauerte bzw. war teilweise nicht mehr möglich.

Dass die Bombe in eine Anzeigenzeitung eingewickelt war, haben die Ermittler in aufwändigster Kleinstarbeit erst Monate später herausgefunden. Objekte wie dieses Anzeigenblatt auch in der Wohnung des Beschuldigten zu finden, ist Gold wert. Doch bei der Durchsuchung ist eben noch nicht bekannt, dass die Zeitung tatrelevant ist. Sie wird nicht beachtet.

Ermittler gehen von Mitwissern aus

Dass die Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Wehrhahn-Bomber Ralf S. doch noch zur Festnahme führen, liegt am extrovertierten Charakter des "Sheriffs von Flingern". In der JVA Castrop-Rauxel prahlt er gegenüber einem Mithäftling mit der Tat. Mehr als zwei Jahre später klicken die Handschellen.

Die Ermittler sind sich sicher, seine Schuld beweisen zu können. Sie gehen von einem Einzeltäter aus. Vor dem NSU-Untersuchungsausschuss betonte der aktuelle Ermittlungsleiter Udo Moll aber, dass sie davon ausgehen, dass Ralf S. Mitwisser habe. Die Ermittlungen dazu, auch in der rechten Szene, dauern an.

Keine Verbindung zum NSU

Nach Bekanntwerden der Mordserie des rechtsextremen NSU war intensiv geprüft worden, ob auch der sogenannte Wehrhahn-Anschlag auf das Konto des Neonazi-Trios gehen könnte. Hinweise auf den NSU wurden laut Moll aber nicht gefunden.

Stand: 07.02.2017, 19:05