Welche Hilfe gibt es für Wohnungslose aus Osteuropa?

Bettlerin auf der Domplatte in Köln

Welche Hilfe gibt es für Wohnungslose aus Osteuropa?

Von Nina Magoley

  • Obdachlose aus Osteuropa haben kein Anrecht auf Sozialleistungen
  • Was können Städte tun, um den Menschen zu helfen?

In Köln eskalierten im vergangenen Sommer die Beschwerden über angeblich aggressive Obdachlose aus Osteuropa. Im August bildete die Stadt daraufhin eine Expertenrunde mit Vertretern verschiedener städtischer Dienststellen.

Ziel sei es, Elendsquartiere zu verhindern und Betreuungsangebote für Obdachlose in Köln zu verbessern. Oberbürgermeisterin Henriette Reker appellierte aber auch an Bund, Länder und EU, bei der Lösung dieses Problems zu helfen.

Auch die Stadt Dortmund setzt sich seit geraumer Zeit mit der Problematik auseinander. In einem ausführlichen, 89 Seiten langen "Sachstandsbericht" vom April 2017 hieß es, dass die Zuwanderer kaum Schulbildung vorweisen können, außerdem hätten viele "nur rudimentäre Lese- und Schreibkenntnisse". Für diese Gruppe bestehe nur die "Aussicht auf Aufnahme einer ungelernten Hilfstätigkeit".

Die ökumenische Organisation "Willkommen Europa" versucht, Einwanderern aus Osteuropa Perspektiven zu eröffnen. Am wichtigsten sei es, dass die Betroffenen schnellstmöglich Deutsch lernen, sagt Ute Lohde.

Man versuche, Sprachkurse einzurichten, die der besonderen Situation der Wohnungslosen entsprechen: Nicht jeder könne jeden Tag zum Unterricht kommen, da häufig Gelegenheitsjobs dazwischen kämen, die die Betroffenen nicht ausschlagen können.

Daneben sei die Stadt dabei, Problemimmobilien instand zu setzen, sodass diese einigermaßen bewohnbar seien. Und man versuche, die Zuwanderer in niedrigschwellige Arbeit zu vermitteln. "Das gelingt auch schon", sagt Ute Lohde: im Reinigungsgewerbe, auf dem Bau, in der Lagerlogistik.

In Köln dagegen verweigern mittlerweile die meisten Notunterkünfte der Wohnungslosenhilfe den Osteuropäern den Zutritt. Zu den wenigen, die sie noch einlassen, gehört Bernd Mombauer, Geschäftsführer der Obdachlosenbetreuung "Gulliver" am Kölner Hauptbahnhof.

"Es fehlt der politische Wille"

Etwa 60 Prozent seiner Klientel seien Migranten, sagt Mombauer, hauptsächlich Rumänen, aber auch Männer aus Tschechien, Serbien oder der Slowakei. Nur, wer aggressiv auftritt oder sehr betrunken ist, bekommt im Gulliver Hausverbot.

Viel könne er den Menschen nicht anbieten - außer Duschen, Essen, Kleidung und tagsüber ein Dach über dem Kopf, sagt Mombauer. Für alles weitere fehle das Geld - und der politische Wille. Zu der von der Stadt Köln gebildeten "Expertenrunde" seien er und seine Kollegen nicht eingeladen worden.

Ein großes Problem aus Sicht von Mombauer: Wer als Osteuropäer legale Arbeit suche, müsse durch den Dschungel der Bürokratie: Steueridentifikationsnummer, Sozialversicherungsnummer, Krankenkassenbescheide - "das kriegen viele einfach nicht hin", allein schon wegen fehlender Sprachkenntnisse, aber auch aus Unkenntnis des Systems. Die Folge: "Sie kommen aus dem Elend und enden hier im Elend."

Obdachlose in ganz Deutschland: Neue Schätzungen

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) hat am 14. November 2017 ihre aktuellen Schätzungen über die Zahl der wohungslosen Menschen in Deutschland bekannt gegeben. Die zentralen Aussagen:

2016 waren 860.000 Menschen ohne Wohnung - seit 2014 ein Anstieg um 150 Prozent.

Bis 2018 werden 1,2 Millionen Wohnungslose in Deutschland leben - eine weitere Steigerung um etwa 40 Prozent.

Seit 2016 schließt die BAG W in ihre Schätzung die Zahl der wohnungslosen anerkannten Flüchtlinge ein.

Ohne Einbezug wohungsloser Flüchtlinge lag die Zahl der wohnungslosen Menschen 2016 bei gut 420.000.

Wohnungslose Flüchtlinge werden im Regelfall weiterhin in den Gemeinschaftsunterkünften geduldet.

Von den Wohnungslosen (ohne Flüchtlinge) leben etwas 52.000 ohne jede Unterkunft auf der Straße - seit 2014 ein Anstieg um 33 Prozent. Viele von diesen Menschen sind EU-Bürger.

Die BAG W schätzt die Zahl der Kinder und minderjährigen Jugendlichen auf 32.000, die Zahl der erwachsenen Männer auf 290.000, die der Frauen auf 100.000 (jeweils ohne Flüchtlinge) .

Stand: 14.11.2017, 06:00