Kölner Türken in Sorge um Verwandte

Blick in die Keupstraße in Köln

Kölner Türken in Sorge um Verwandte

Von Andreas Poulakos

  • Kölner Erdogan-Anhänger feiern ihren Präsidenten
  • Oppositionelle wittern eine Verschwörung
  • Sorge um die Familie eint beide Gruppen

Nach einer langen Nacht ist am Samstagmorgen (16.07.2016) wieder Ruhe in der Keupstraße im türkisch geprägten Kölner Stadtteil Mülheim eingekehrt. Nur vor den Teestuben herrscht noch etwas Betrieb. Nachtschwärmer und Frühaufsteher stehen in kleinen Gruppen beisammen, diskutieren über die Ereignisse der Nacht, checken die neuesten Entwicklungen auf ihren Smartphones. In einem türkischen Supermarkt bedient Siphan Temel die ersten Kunden des Tages. "Das waren schreckliche Stunden", sagt die Geschäftsfrau mit dem buntem Kopftuch. "Aber die Türken haben gezeigt, dass sie bereit sind, für Erdogan und die Demokratie zu kämpfen." Temel wirkt müde, den größten Teil der Nacht habe sie vor dem Fernseher verbracht, erzählt sie. Erst als sich der Sieg der Regierung abzeichnete, habe sie etwas Ruhe gefunden.

Verschwörungstheorien kursieren

Kioskverkäuferin

Nursen Cali: "Alles selbst organisiert"

Mit ihrem klaren Bekenntnis zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan steht die Supermarktbetreiberin an diesem Morgen in der Keupstraße recht allein da. "Erdogan hat das doch alles selbst organisiert", sagt Nursen Cali in ihrem Kiosk auf der anderen Straßenseite. Es sei einfach unglaubwürdig, dass ein echter Putsch innerhalb weniger Stunden niedergeschlagen werden könne, sagt die Kurdin. "Jetzt hat er freie Hand, einfach jeden zu verhaften, der gegen ihn ist." Diese Verschwörungstheorie hat im Lauf der Nacht offenbar weite Kreise in der kurdischen Gemeinschaft gezogen, die auf der Keupstraße traditionell stark vertreten ist. Wen man auch fragt - alle finden das Geschehen höchst verdächtig. "Jeder Militär würde in einer solchen Situation als allererstes versuchen, die Regierung festzusetzen. Das wurde ja noch nicht einmal versucht", sagt Ferhat, der vor einer Bäckerei auf seine Mitfahrgelegenheit wartet. "Das war ein Riesentheater. Mir tun nur die vielen Soldaten leid, die heute Nacht sterben mussten."

Sorge um den Bruder

Teilnehmer einer demonstration mit türkischen Fahnen in Köln

In Köln gab es in der Nacht Demonstrationen von Erdogan-Anhängern

Doch egal ob Erdogan-Gegner oder -Anhänger: In der Sorge um ihre Angehörigen in der Türkei sind sie alle vereint. "Politik interessiert mich einen Dreck", sagt eine junge Frau, die gerade ihre Haustür aufschließt. "Mein Bruder ist bei der Armee. Und ich kann ihn nicht erreichen." Die Bedienung einer nahen Baklava-Bäckerei hatte mehr Glück. "Ich habe die ganze Nacht telefoniert. Mittlerweile habe ich alle Verwandten erreicht. Ihnen geht es gut." Eigentlich wollte sie in wenigen Tagen in die Türkei fliegen. "Absagen werde ich das wohl nicht mehr. Aber ein mulmiges Gefühl bleibt. Nicht nur wegen dem Putsch, auch wegen der ganzen Bomben."

Unsicherheit über die Konsequenzen

Junger Mann vor Geschäft

Deniz freut sich über den Triumph seines Präsidenten

Nur einige Kilometer entfernt, in der Weidengasse, haben in der Nacht zahlreiche Menschen ihre Solidarität mit Erdogan demonstriert. Vor dem Ankara-Haarstudio warten jetzt Männer auf einen Schnitt oder eine Rasur. "Das war heute Nacht ein Riesen-Chaos. Aber unser Präsident hat sie alle endgültig in ihre Schranken gewiesen", freut sich ein Mann mittleren Alters, der sich Deniz nennt. Dagegen wirkt der 21-jährige Burah, der gerade seinen Dienst in einem Döner-Imbiss angetreten hat, eher nachdenklich. "So viele Tote, und das für nichts." Er selbst habe als Türke der zweiten Generation mit deutschem Pass nicht den vollen Überblick über die politischen Verwicklungen in der Heimat. "Aber für alle, die nicht mit der Regierungspolitik konform gehen, brechen jetzt wohl schwere Zeiten an."

Stand: 16.07.2016, 11:07