Wenn der Lkw selbst die Notbremse zieht

Schwerer Unfall auf der A1 bei Hamm

Wenn der Lkw selbst die Notbremse zieht

  • Gewerkschaft der Polizei diskutiert am Mittwoch (27.09.2017) über den Schwerlastverkehr in NRW.
  • Interview über die Vor- und Nachteile von Notbremssystemen.
  • Andre Seeck forscht an der Bundesanstalt für Straßenwesen in Bergisch Gladbach.

WDR.de: Ein Notbremssystem warnt einen Lkw-Fahrer erst einmal nur. Warum bremst es nicht gleich?

Andre Seeck: Es gibt da ein sogenanntes Warndilemma. Sie brauchen nämlich für das Ausweichen viel weniger Zeit als für das Bremsen, um eine Kollision zu vermeiden. Und je höher die Geschwindigkeit, desto größer ist das Dilemma.

Deshalb muss man dem Fahrer erst einmal die Chance geben, zu überlegen, ob er lieber ausweicht.

Andre Seeck ist Leiter der Abteilung Fahrzeugtechnik bei der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) in Bergisch Gladbach. Er untersucht derzeit in einem Forschungsprojekt, wie man Notbremssysteme noch effektiver machen könnte.

Ein Beispiel: Wenn Ihnen auf dem Supermarktparkplatz bei Schrittgeschwindigkeit plötzlich ein Einkaufswagen vor das Auto rollt, dann versuchen Sie nicht, um den Einkaufswagen herum zu lenken. Sie bremsen und bleiben stehen.

Wenn Sie mit 130 Stundenkilometer über die Autobahn fahren und vor Ihnen fällt etwas vom Lastwagen, dann machen Sie keine Vollbremsung - dann weichen Sie aus. Wir können also mit der automatischen Bremse nicht alles lösen, wir müssen den Fahrer mit einbeziehen.

Seit November 2015 sind eingebaute Notbremssysteme für alle Neufahrzeuge von Lastwagen Pflicht. Das System besitzt einen Radar-Sensor, der die Geschwindigkeit und den Abstand zum vorderen Fahrzeug messen kann.

Der Notbremsassistent warnt den Lastwagenfahrer, wenn der Abstand zu gering wird. Reagiert der Fahrer nicht, wird automatisch eine Notbremsung eingeleitet.

WDR.de: Vor dem Aufprall auf ein stehendes Hindernis sieht der Gesetzgeber bislang eine automatische Drosselung der Geschwindigkeit um zehn Stundenkilometer vor. Reicht das, um einen Unfall zu vermeiden?

Seeck: Wir unterscheiden zwischen stehenden und beweglichen Hindernissen. Das liegt an der Radartechnologie. Der Radar sieht eigentlich gar nicht viel, nur Reflektionen. Ob das ein Pkw-Heck ist oder eine Coladose auf der Straße, das kann er nicht unterscheiden. Er weiß aber, wie lange man braucht, um dagegen zu fahren.

Um Fehlauslösungen zu vermeiden, war der Gesetzgeber am Anfang mit dieser Technologie sehr vorsichtig. Sie wollen ja keine Lastwagenvollbremsung auf der Autobahn wegen einer Coladose haben.

Eine Warnung wird es auf jeden Fall geben, aber der Fahrer, der darauf nicht reagiert, wird deshalb noch mit einer relativ hohen Restgeschwindigkeit in ein Stauende fahren.

WDR.de: Wie will man dieses Dilemma künftig lösen?

Seeck: Wir überlegen jetzt, wie man auf stehende Hindernisse viel besser reagieren kann. Da kommt dann eine neue Technologie ins Spiel - die Sensorfusion.

Man lässt den Radar mit einer Videokamera zusammenarbeiten, die viel besser klassifizieren kann, ob vor dem Lastwagen ein Stauende oder nur ein kleines Metallteil liegt. Mit dieser Sensorfusion kann man dann auch viel aggressiver auf die Bremse steigen.

Bei der heutigen Technologie brauche ich noch den Fahrer, der das Hindernis verifiziert.

WDR.de: Häufig wird das Notbremssystem von den Fahrern ausgeschaltet. Wieso?

Seeck: Diese Abschaltfunktion hat man eingebaut, damit das Fahrzeug nicht ungerechtfertigt bremst. Die letzte Verantwortung soll immer noch beim Menschen liegen und nicht bei der Maschine.

Ein Argument der Lkw-Fahrer ist, dass sie bei eingeschaltetem System nicht mehr so gut überholen können. Dabei ist der Überholvorgang oft gekoppelt mit einem unzulässigen Sicherheitsabstand.

Fahrer saugen sich gerne an den vorausfahrenden Lastwagen, um dann aus dem Windschatten aus zu scheren. Das Notbremssystem würde natürlich vorher bremsen.

Eine Idee wäre hier, dass sich künftig ein abgeschaltetes System nach einer gewissen Zeit wieder automatisch wieder einschaltet.

Diskussion um Sicherheit von Reisebussen: Notbremssysteme sollen Auffahrunfälle verhindern

WDR 2 | 04.07.2017 | 03:27 Min.

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WDR.de: Klingt kurios: Ein Notbremssystem ist in neueren Fahrzeugen Pflicht, nicht aber das Einschalten?

Seeck: Wenn man sich sicher sein könnte, dass die Systeme immer richtig funktionieren, würde man sie gar nicht abschaltbar machen. Der Mensch ist aber immer noch das Intelligenteste im Lkw.

WDR.de: Häufen sich die Auffahrunfälle mit Lastwagen?

Seeck: Wenn man in die Unfallstatistik schaut, wie viele Lkw in ein Stauende auffahren, haben sich die Zahlen in den letzten 15 Jahren gar nicht verändert. Wir hatten 2005 gut 10.000 Unfälle, 2010 waren es 9.500 und 2015 waren es 9.700.

WDR.de: Kann man sagen, dass es weniger Lkw-Unfälle gab, weil Lastwagen mit einem Notbremssystem unterwegs waren?

Seeck: Wir sehen den Effekt noch nicht, weil noch nicht so viele Lastwagen mit dem System ausgestattet sind. Erst in zwei, drei Jahren werden wir da verlässliche, statistisch abgesicherte Auskünfte machen können. Aber ich erwarte, dass wir dann etwas sehen.

Die Fragen stellte Katja Goebel.

Stand: 27.09.2017, 06:00