Werbung für Lernsoftware an Schulen - trotz Verbots

Ein Junge sitzt an einem Tisch und macht Hausaufgaben

Werbung für Lernsoftware an Schulen - trotz Verbots

Von Nina Magoley

Ist Werbung an Schulen erlaubt? Ein Verein zieht zurzeit sehr erfolgreich durchs Land und macht Eltern Lernprogramme schmackhaft - dank Lücken im Landesschulgesetz.

Beate P. war ratlos. Eigentlich hatte ihr der Vortrag, den sie in der Schule ihres Sohnes besucht hatte, gut gefallen: Es ging um "Das Lernen lernen". Zwei Stunden lang erklärte eine engagierte Referentin durchaus unterhaltsam den anwesenden Eltern, wie sie ihre Kinder dazu bringen können, stressfrei und erfolgreich für die Schule zu lernen.

Viele gute Tipps habe die Referentin auf Lager gehabt, dazu auch kleine Lernvideos gezeigt - und am Ende konnten sich alle Rabattscheine mitnehmen, mit denen sie ein Probeabo für das Online-Lernprogramm "Sofatutor" 30 Tage kostenlos testen könnten. Zufällig, so sagte die Referentin, habe sie gerade für dieses Lernprogramm Rabatt bekommen. Zwei andere Programme wurden zwar auch noch vorgestellt, aber die seien aus verschiedenen Gründen nicht empfehlenswert. Das war der Moment, in dem Beate P. misstrauisch wurde.

Werbung an Schulen nimmt rasant zu

Screenshot der Internetseite des Lernprogramms Sofatutor

Screenshot der Homepage von Sofatutor

"Mich ärgert", sagt Beate P., "dass immer mehr kommerzielle Firmen mehr oder weniger offen Werbung für ihre Produkte an den Schulen machen." So verteile die Firma Abus, bekannt unter anderem für Fahrradschlösser, an der Schule ihres Sohns Lernhefte für die Fahrradprüfung. Im Schultornister des Kindes fand sie neulich Werbung für Milchprodukte von "Landliebe". Beim Vortrag über das Lernen aber sei sie besonders stutzig geworden, sagt die Mutter aus Mülheim an der Ruhr, weil hier die Werbung so "durch die Hintertür" geschoben wurde.

Was steckt hinter dem Vortrag "Lernen lernen"?

Was hat es damit auf sich? Der Vortrag "Das Lernen lernen" wird von dem Berliner Verein LVB Lernen e.V. , der sich als gemeinnützig bezeichnet, organsiert. Insgesamt 24 Referenten touren nach Angaben des Vereins durch ganz Deutschland, Schulen oder Elternvereine können sie zu sich einladen. Und die Nachfrage ist offenbar groß.

WDR.de hat sich einen Vortrag an einem Düsseldorfer Gymnasium angesehen. Eingeladen hatte die Elternschaft Düsseldorf. Angekündigt waren "richtige Techniken und Lernmethoden für Ihr Kind", praktische Tipps "zur Überwindung von 'Null-Bock-Phasen', gemeinsames Lernen ohne Streit". Sätze, die wohl viele Eltern neugierig machen.

Ein Vater hilft seiner Tochter bei den Hauaaufgaben

Krisensituation Hausaufgaben

Vor einer voll besetzen Aula beginnt "Lerncoachin" Ursula Schürmann ihren Vortrag. Schnell hat sie die Eltern mit witzigen und offenbar sehr zutreffenden Beschreibungen der typischen Krisensituationen beim Hausaufgabenmachen in ihren Bann gezogen. Sie beschreibt unterschiedliche Lerntypen bei Kindern, gibt - auch für die anwesenden Erwachsenen - hilfreiche Einblicke in die Funktionen des menschlichen Erinnerungsvermögens. Ein rasch eingespieltes Video veranschaulicht die Funktionsweise des Gedächtnisses - und mit welchen Eselsbrücken man sie sich zunutze macht.

"Zufällig Rabatt bekommen"

Kurz vor der Pause dann der Hinweis: Ja, es gebe auch käufliche Online-Lernprogramme, von denen sie jetzt mal drei zeigen würde. Auf der Projektionswand erscheinen die Logos dreier Programme: "Lerncoachies", "Sofatutor.com" und "Scoyo". Wobei "Sofatutor.com" eigentlich aber das beste sei, sagt Schürmann dann - die anderen beiden taugten nur bedingt. Und übrigens, fügt sie hinzu: Der lustige Videoclip von vorhin sei auch aus "Sofatutor". Dann: Zufällig habe sie gerade für dieses Lernprogramm Rabatt bekommen. Der gleiche Satz also wie beim Vortrag in Mülheim. Im Foyer liegen ebenfalls die gleichen Rabattscheine für ein kostenloses Probeabo des von der Referentin so gelobten Lernprogramms. Wer das Programm dann fest abonnieren will, zahlt zwischen 19,95 und knapp 100 Euro im Monat. Aber das sagt die Referentin erstmal nicht.

Verschleierungstaktik?

"Offenbar ist das ein geschickter Zug, das Lernprogramm zu vermarkten", sagt Felix Kamella vom Verband "Lobbycontrol" in Köln. Mit Erfolg offenbar: Rund 1.000 solcher Vorträge hat der Verein nach eigenen Angaben schon gehalten. Kamella hat einen Blick ins Vereinsregister geworfen: Sämtliche Vorstandsmitglieder bei der Gründung von LVB Lernen im Jahr 2015 sind führende Mitarbeiter bei Sofatutor. "Das ist eindeutig eine Verschleierungstaktik" wertet Kamella, die den Verdacht nahelege, "dass hier nicht ein gemeinnützige Verein einen Sponsor gesucht hat, sondern schlicht sein eigenes Produkt vermarkten will". Andere Unternehmen gehen aber offenbar wesentlich offensiver und direkt an ihre Zielgruppe, die Schüler, heran. Dabei ist Werbung an Schulen durch das Landesschulgesetz verboten - Sponsoring dagegen nicht.

Stand: 15.06.2017, 06:00