Die Lohntricks der Fleischindustrie

Die Lohntricks der Fleischindustrie

  • Discounter verkaufte 600 Gramm Fleisch für 1,99 Euro.
  • Mitarbeiter der Fleischindustrie äußern sich zu Lohntricks.
  • Nach neuem Gesetz sollen Firmen für Subunternehmen haften.

Um dieses Aldi-Angebot gab es kürzlich große Aufregung: Barbecue Nackensteak mariniert, 600 Gramm Fleisch für nur 1,99 Euro. Solche Schnäppchen gibt es regelmäßig beim Discounter. Produziert werden sie zum Beispiel von "Tillmanns", einer Unternehmensmarke von Tönnies - einem der größten Fleischproduzenten in Europa mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück in Ostwestfalen-Lippe.

Doch wer zahlt den wahren Preis für diese Angebote? Das WDR-Magazin Westpol hat sich mit mehreren Mitarbeiterinnen aus der Fleischindustrie getroffen. Tatiana* arbeitete seit 2010 im Werk der Firma Tönnies und verpackte Fleisch. Tatiana sagt: "Der Druck ist wahnsinnig groß. Man hat keine Zeit, Luft zu holen."

Lohntrick 1: Umkleide- und Vorbereitungszeit wird nicht bezahlt

Tatiana ist über Jahre nicht bei Tönnies angestellt, sondern bei einem Subunternehmen, der Firma Besselmann. Für den Job bekommt sie den Mindestlohn. Doch Ihre Arbeitszeit wird erst angerechnet, wenn sie am Fließband steht. Ihre Vorbereitung nicht.

"Ich muss spezielle Kleidung tragen", sagt Tatiana. Und sie brauchte einige Zeit um diese anzuziehen. "Ich bin meistens eine halbe Stunde früher da. Aber das habe ich nicht bezahlt bekommen."

Tatiana hat geklagt. Und nun mit Hilfe ihrer Rechtsanwältin einen Vergleich ausgehandelt. Ihre Rechtsanwältin Silke Clasvorbeck sagt zu den Umkleide- und Wegzeiten: "Wir sind der Meinung, dass es 30 Minuten täglich ausmachen. Das Gericht hat aber gesagt, 20 Minuten sind es auf jeden Fall." Die Firma Besselmann will sich gegenüber Westpol nicht äußern.

Lohntrick 2: Extra-Gebühren bei Krankheit

Auch Teresa* wurde im Werk von Tönnies eingesetzt, offiziell angestellt war sie bei einem anderen Subunternehmen, der Firma DSI. Auch Teresa beklagt sich über unbezahlte Überstunden. "Am Ende blieb mir oft weniger als der Mindestlohn."

Die Firma weist diesen Vorwurf zurück. Doch es gibt weitere Unstimmigkeiten: Teresa durfte laut Vertrag kostenlos eine Werkswohnung nutzen. Zusätzlich heißt es in einem anderen Dokument: "Dies gilt auch im Falle einer durch ärztlichen Attest nachgewiesenen Arbeitsunfähigkeit, deren Dauer zwei Tage nicht überschreitet." Muss sie etwa ab dem dritten Krankheitstag Extra-Gebühren für ihre Wohnung zahlen?

Gewerkschaft: Klarer Rechtsverstoß

Für die Gewerkschaft NGG (Nahrung, Genuss, Gaststätten) ein klarer Verstoß gegen Gesetze. Thomas Bernhard hält die Formulierung für rechtswidrig: "Das ist ein Verstoß gegen das Lohnfortzahlungsgesetz." Das Gesetz verlange schließlich, für den Zeitraum von sechs Wochen den Arbeitnehmer so zu behandeln, als würde er arbeiten. "Und wenn man die Wohnung umsonst zur Verfügung stellt, dann darf man keine Miete verlangen."

Die Firma DSI teilt Westpol mit, dass es den Arbeitnehmern frei stehe, die Wohnungen überhaupt zu nutzen. Und die Regelung zu den Kosten entspreche "dem deutschen Recht."

Lohntrick 3: Berufskleidung wird vom Lohn abgezogen

Die Gewerkschaften beklagen noch weitere Lohntricks. Thomas Bernhard sagt: "Wir können belegen, dass Gelder abgezogen wurden für die Reinigung von Hygiene-Kleidung." Dabei sei seit langem durch das Bundesarbeitsgericht geregelt, dass die Reinigung von Hygiene-Kleidung durch den Arbeitgeber durchgeführt werden müsse.

Westpol liegt außerdem der Lohnzettel einer Firma vor, auf dem Kosten für Kleidung verrechnet werden. Auf der Gehaltsabrechnung wird mit dem Posten "Berufskleidung" einfach der Lohn gekürzt.

Wer haftet für solche Arbeitsbedingungen?

Tatiana und Teresa arbeiteten beide bei Subunternehmen, wurden aber im Werk von Tönnies eingesetzt. Auf Westpol-Anfrage teilt Tönnies mit: "Wir bitten um Verständnis, dass wir Fragen zu Arbeitsverhältnissen zwischen von uns unabhängigen, eigenständigen Unternehmen sowie deren Arbeitnehmer nicht beantworten können."

In Zukunft könnte sich dies aber ändern: Vor wenigen Tagen wurde im Bundestag ein neues Gesetz verabschiedet. Künftig sollen Fleischkonzerne für Ihre Subunternehmen haften.

Neues Gesetz sorgt für Diskussionen

Der Verband der Ernährungswirtschaft kritisiert die neuen Reglungen und verteidigt die Branche. Verbandsmitarbeiter Michael Andritzky gibt allerdings zu, dass es noch schwarze Schafe bei den Subunternehmen geben würde. "Wir arbeiten daran. Und gehen diesen Vorwürfen nach. Sehr häufig stellen wir aber fest, dass an diesen Vorwürfen längst nicht so viel dran ist, wie behauptet wird. Aber ich will nicht negieren: Ja, es gibt Missbrauch, den versuchen wir abzustellen. Aber dafür braucht es dieses Gesetz nicht."

Tatiana will übrigens aufhören in der Fleischbranche. "Wenn man über Deutschland spricht, sagt man nur Gutes." Was sie erlebt habe, sei aber alles andere als gut gewesen. "Ich werde jetzt meinen Deutschkurs beenden und dann eine Ausbildung machen - sicher nicht in der Fleischindustrie."

*Namen von der Redaktion geändert

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Stand: 11.06.2017, 12:58