Die geheime Gefahr beim Neubau der Leverkusener Brücke

Die geheime Gefahr beim Neubau der Leverkusener Brücke

Von Daniela Becker

Die Leverkusener Autobahnbrücke ist schon lange marode und muss ersetzt werden. Doch für den Neubau soll eine alte Giftmülldeponie geöffnet werden. Interne Dokumente zeigen: Es gibt ungeprüfte Risiken und dubiose Vorgänge bei der Bauplanung.

Betroffener Anwohner Bernward Prinz

Vom Giftskandal betroffen: Bernward Prinz

Das Sprechen fällt Bernward Prinz schwer – eine Krebserkrankung hat die Stimme des ehemaligen Lehrers in Mitleidenschaft gezogen. Es sei "ein Hohn", sagt er empört, was der Bund da plane: Die neue Autobahnbrücke bei Leverkusen soll mitten durch die Giftmülldeponie hindurch gebaut werden, die ihn krank gemacht hat. Davon ist er jedenfalls überzeugt - auch wenn Gerichte das nie anerkannt haben.

Eigentlich sollte dieser unheilvolle Ort bis in alle Ewigkeiten nicht mehr angerührt werden, dachte Prinz. Nur knapp unter der Erde lagern dort krebserregende Stoffe wie PCB, Dioxine und Schwermetalle. Allein an seiner Schule erkrankten damals innerhalb weniger Jahre 21 Menschen an Krebs: Schüler, Lehrer, der Hausmeister, die Putzfrau.

Wohnsiedlung musste wegen Giftkontamination abgerissen werden

Jahrzehntelang hatten die benachbarten Chemiewerke der Bayer AG und die Stadt Leverkusen das Gelände der "Dhünnaue" als Giftmülldeponie genutzt. Später entstanden auf Teilen des Geländes Wohnungen und ebenjene Schule. Erst, als in den 1980er Jahren auffällig viele Kinder in der Siedlung an Bronchitis erkrankten, kam heraus, auf welcher tickenden Zeitbombe die Menschen hier lebten. Bodengutachten ergaben eine extrem hohe Giftstoffbelastung, auch im Trinkwasser. Die Stadt sperrte den Spielplatz, Anwohner durften ihre Gärten und andere Freiflächen nicht mehr betreten. 1988 wurde die Siedlung abgerissen.

Straßen NRW will Deponie wieder öffnen: "Kalkulierbares Risiko"

Doch nun will der Landesbetrieb "Straßenbau NRW" genau hier für 740 Millionen Euro eine neue Autobahnbrücke bauen. Dafür muss die ehemalige Giftmülldeponie wieder aufgerissen werden. Was für Umweltschützer eine Hiobsbotschaft ist, nennt "Straßen.NRW" ein "kalkulierbares Risiko": Probebohrungen auf dem Gelände der Dhünnaue hätten ergeben, dass keine Substanzen zu finden waren, "die nicht bereits aus älteren Untersuchungen bekannt waren". Auch die Schadstoffkonzentration bewege sich "in bekannten Größenordnungen".

Warnschild in der ehemaligen Siedlung auf der Dhünnaue

"Extremer Fall von Kontamination"

Größenordnungen, die Helmut Meuser, Professor für Bodensanierung an der Uni Osnabrück, nur schaudern lassen: "Ich würde sagen, das ist schon ein extremer Fall von Kontamination. Wenn es eben geht, würde ich die Deponie, die ja gesichert ist, nicht öffnen." Die meisten der festgestellten Schadstoffe seien nachgewiesenermaßen krebserregend. So wurden bei Probebohrungen etwa hohe Mengen an Chrom VI gefunden. Wenn an diesen Stellen gebaggert würde, könnte das nicht nur für die beteiligten Bauarbeiter gefährlich werden. Durch ein Öffnen der Deponie könnten giftige Gase in großen Wolken austreten, die der Wind dann auch weit forttragen würde, sagt der Wissenschaftler.

Man habe sämtliche möglichen Bauvarianten für die Brücke vorab untersucht, sagt dagegen Projektleiter Thomas Raithel von "Straßen.NRW". Dabei habe man festgestellt, dass bei der jetzt gewählten Lösung "die geringsten Eingriffe in die Altablagerung" vorgenommen würden.

Interne Dokumente: Risiken "nicht mit letzter Akribie geprüft"

Doch die Risiken des Brückenneubaus durch die alte Giftmülldeponie sind offenbar gar nicht voll umfassend geprüft worden. Das geht aus einer internen Stellungnahme der Stadt Leverkusen vom Januar 2016 hervor, die WESTPOL vorliegt. Darin kritisiert das städtische Planungsamt, dass "aufgrund der immensen Dringlichkeit des Vorhabens" verschiedene Untersuchungen und Planüberlegungen "nicht mit letzter Akribie konzeptioniert und geprüft" worden seien.

Bayer und Straßen NRW: Bund haftet für Schäden

Thomas Raithel, Projektleiter für neue Autobahnbrücke bei Straßen.NRW

Brücken-Projektleiter Thomas Raithel von Straßen.NRW

Besonders zufrieden mit dieser Variante dürfte aber die Bayer AG selbst sein: Um die Brücke auf der Giftmülldeponie bauen zu können, wird schon jetzt in großem Umfang der Steuerzahler haften: "Die Haftung für Schäden, die durch die Baumaßnahmen verursacht werden, trägt die Bundesrepublik Deutschland", erklärt Bayer schriftlich auf WESTPOL-Anfrage. Und auch Projektleiter Raithel von "Straßen.NRW" bestätigt: Im Auftrag des Bundes werde "Straßen.NRW" die Flächen, auf denen der Brückenbau stehen soll, kaufen oder gegen andere tauschen. Noch habe man allerdings keine Grundstücke erworben – schließlich läuft derzeit ohnehin erst noch die Genehmigung der neuen Brücke.

Dubiose Vorgänge bei der Bauplanung: Verkäufe im Vorfeld?

Gelände der Mülldeponie

Haben Grundstücksverkäufe schon stattgefunden?

Bisher keine Grundstücksverkäufe – stimmt das wirklich? Eine Stellungnahme der Abteilung Liegenschaften sagt etwas anderes. Darin heißt es, es habe innerhalb der letzten zwei Jahre "Verkäufe/Tauschverträge durch die Stadt an die Bayer Real Estate GmbH als auch Straßen NRW gegeben, die augenscheinlich so nicht in dem Grunderwerbsverzeichnis aufgenommen wurden." Weiter führt die Stadt Leverkusen auf, dass "eigentumsrechtlich" bei dem Bauprojekt "diverse Unschärfen" vorliegen würden.

Ein unabhängiger Experte kritisiert im WESTPOL-Interview diese Vorgänge als Täuschung und Vorfestlegung. "Damit wäre eine Variantenuntersuchung, so wie es das Bundesverkehrsministerium in seinen Vorschriften zum Planen von Autobahnen sieht, nicht mehr möglich", sagt Rolf Kraneis, Gutachter und Ingenieur. "Straßen.NRW" bestreitet auf Nachfrage, im Auftrag des Bundes schon Grundstücke im Bereich Dhünnaue erworben zu haben. Auch Bayer sagt, einen Verkauf im Vorfeld des Brückenneubaus habe es nicht gegeben.

Der Verdacht bleibt: Der geplante Bau durch die alte Giftmülldeponie könnte abgesprochen worden sein. Schon jetzt steht fest, wer die enormen Risiken des Neubaus inklusive Umweltgefahren trägt: der Steuerzahler.

Stand: 16.10.2016, 16:11