Sexuelle Gewalt: Projekt gegen das Schweigen

Plakat zur Initiative

Sexuelle Gewalt: Projekt gegen das Schweigen

Von Nina Magoley

  • Mindestens zwei Kinder in jeder Schulklasse erleben sexuelle Gewalt
  • Nach Dunkelziffer-Schätzungen des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung jedes zehnte Kind betroffen
  • NRW startete als erstes Bundesland eine Initiative zu Aufklärung an Schulen
Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig (CDU), am 13.12.2011 in Berlin

Missbrauchsbeauftragter Johannes-Wilhelm Rörig

Es sei ein Problem von "riesiger Dimension", sagte der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, am Montag (19.09.2016). Ein bis zwei Kinder in jeder Schulklasse wurden oder werden von Erwachsenen sexuell missbraucht. Das sind die Fälle, die zur Anzeige kommen. Die Dunkelziffer sei erheblich höher, schätzte Rörig: Wahrscheinlich habe bundesweit jedes zehnte Kind zwischen sechs und zehn Jahren bereits sexuelle Gewalt oder Übergriffigkeit erlebt. Statistiken zeigen, dass die meisten Fälle zuhause, in der Familie oder im nahen Umfeld passieren. Aber auch die Schule könne "ein besonders gefährlicher Ort" sein, so Rörig.

Lehrer tun sich schwer, auf Verdachtsmomente zu reagieren

Gemeinsam mit NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) stellte der Missbrauchsbeauftragte in Düsseldorf eine neue Initiative vor, die zumindest Lehrer und Eltern für den Umgang mit diesem Tabuthema sensibilisieren soll. Denn zum einen, so Löhrmann, sei von außen oft nicht erkennbar, dass ein Mädchen oder Junge sexuell missbraucht wird. Wird es dann aber im Einzelfall offenbar, täten sich Schulen und Lehrer oft schwer, auf diese Erkenntnis zu reagieren.

Zweifel an den Tatsachen, aber auch die Angst, jemanden zu Unrecht zu verdächtigen, hielten Lehrer oft davon ab, in einem konkreten Fall einzugreifen. Es gebe an Schulen nach wie vor eine große Unsicherheit im Umgang mit dem Thema, erklärte Löhrmann. Unter dem Titel "Schule gegen sexuelle Gewalt“ sollen nun alle Schulen in NRW eine Infomappe erhalten, in der konkrete Tipps, Hinweise und Handlungskonzepte für Schulleiter, Lehrer und Eltern nachzuschlagen sind.

Vorbehalte und Widerstände überwinden

Plakat zur Initiative

"Wie nah ist zu nah?": Plakat zur Initiative

Beschrieben werden typische Symptome und Anhaltspunkte, die darauf hindeuten können, dass ein Kind Opfer sexueller Gewalt ist. Die Mappe enthält außerdem Vorschläge, wie eine Schule ihr individuelles Schutzkonzept entwickeln kann, wo es Expertenrat gibt und wie Vorbehalte und Widerstände überwunden werden können. Ziel sei, so der Missbrauchsbeauftragte, "dass an Schulen in Deutschland zum Thema sexuelle Gewalt nicht mehr geschwiegen wird".

Aufgabe der Initiative sei es auch, sagte Rörig, dass den Schulen die Hemmungen genommen werden, sich offen mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ein großes Problem sei nämlich, dass Schulen, die offen ein Programm gegen sexuelle Gewalt entwickeln, schnell unter Generalverdacht geraten, selber ein Ort zu sein, an dem solche Verbrechen geschehen.

Onlineportal gibt weitere Infos

Parallel zu der Mappe, die zunächst in NRW und bis Ende 2018 auch in allen anderen Bundesländern flächendeckend an 30.000 Schulen verteilt werden soll, bietet ein Internetportal sämtliche Infos, Links und Adressen dazu an. Das Projekt "Schule gegen sexuelle Gewalt" wird unterstützt von den Freien Schulträgern, dem Bundeselternrat, Gewerkschaften, Lehrerverbänden und dem Betroffenenrat. Nach der Kriminalstatistik 2015 zu sexuellem Missbrauch von Kindern kamen die meisten Fälle pro 100.000 Einwohner in östlichen Bundesländern wie Sachsen-Anhalt und Berlin (je 20), Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern (je 19) oder Brandenburg (18) zur Anzeige. NRW lag dabei mit 13 Fällen vergleichsweise im unteren Bereich.

Stand: 19.09.2016, 16:15