Wahlkampf im Ruhrgebiet

AfD-Wahlplakat mit dem Text "Im Herzen Sozi. Deshalb bei der AfD. Glückauf, mein NRW"

Wahlkampf im Ruhrgebiet

Von Martin Teigeler

SPD-Hochburg, Krisenregion, Sorgenkind von NRW: Im Ruhrgebiet kämpfen die Parteien um Millionen Wählerstimmen. Entscheidet das Revier die Landtagswahl?

Das Hallenfreibad ist in Gefahr. Die Stimmung im Wattenscheider Kolpinghaus ist emotional. Verunsicherte Bürger fragen nach der Zukunft des Bades. Auf dem Podium streiten Politiker über das Bad in Wattenscheid-Höntrop. Der Moderator ermahnt alle: "Wir wollten heute doch eigentlich über Landespolitik diskutieren." Die Gemüter beruhigen sich. Grummeln im Saal.

Ein "Restwahlkreis"

Im Kolpinghaus haben sich rund 150 Menschen versammelt. Etliche Plätze sind frei geblieben. Ältere Ehepaare sitzen da und trinken Bier. Ein paar junge Leute bestellen Cola. An der Wand hängen alte Schwarz-Weiß-Bilder.

Podiumsdiskussion

Podiumsdiskussion der Direktkandidaten in Wattenscheid: SPD-Mann Serdar Yüksel (Zweiter von links), AfD-Kandidat Markus Schröder (Zweiter von rechts)

Auf Einladung des Kolping-Vereins sind die Direktkandidaten im Wahlkreis Bochum III - Herne II erschienen - sie sollen über Landespolitik debattieren. Ein "Restwahlkreis" ist das. Teile von Bochum, vor allem Wattenscheid und ein bisschen Herne. Gut 100.000 Menschen sind hier wahlberechtigt. Eine Region mit alten und neuen ökonomischen Problemen. Was wird aus dem Stahlwerk von Thyssen-Krupp? Wo kommen neue Jobs her?

Verteidigt die SPD ihre Hochburg?

Serdar Yüksel muss diesen Wahlkreis für die SPD verteidigen. Der 44-jährige Deutsch-Türke siegte hier bei der Wahl 2012 mit 51,2 Prozent der Erststimmen. Bei den Zweitstimmen waren es 48,8 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag damals nur bei 55,6 Prozent.

Der Wahlkreis ist typisch für das Ruhrgebiet. Kommt die SPD in ihrer alten Hochburg wieder an die 50 Prozent heran - trotz Ende des Martin-Schulz-Hypes? Anders als die CDU - die eher auf die ländlichen Regionen in NRW setzt - muss die SPD zwischen Duisburg und Dortmund ein starkes Ergebnis einfahren, wenn sie Landtagswahlen gewinnen will.

Wahlkampf im Ruhrgebiet

SPD-Kandidat Serdar Yüksel im Straßenwahlkampf

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ist in der Vorwahlwoche im Ruhrgebiet unterwegs, um nach der für die SPD enttäuschenden Schleswig-Holstein-Wahl um Stimmen zu werben. Eine wichtige Frage im Revier: Wie viele werden bei der AfD ihr Kreuz machen, die zum Sturm auf die roten Bastionen geblasen hatte?

AfD gegen SPD

Bei der Podiumsdiskussion greift AfD-Kandidat Markus Schröder vor allem die regierende SPD an. Der 52-jährige Selbstständige spricht gleich zu Beginn nicht über Innere Sicherheit oder Flüchtlingspolitik, sondern wirft den Sozialdemokraten Fehler beim Strukturwandel vor. Man habe sich zu sehr auf bestimmte Branchen wie die Gesundheitswirtschaft konzentriert. Wenn er durchs Ruhrgebiet fahre, sehe er "Ruinen" und kaum noch industrielle Produktion. Das Revier sei "etwas zurückgeblieben".

AfD: Mitten ins Sozi-Herz

WDR 5 Morgenecho - Reportage | 09.05.2017 | 03:12 Min.

Download

Protestierende Bergarbeiter

1. Mai in Recklinghausen - unter dem Eindruck des Wahlkampfs

SPD-Kandidat Yüksel antwortet sofort. Man müsse schon mit geschlossenen Augen durch die Region fahren, um Erfolge beim Strukturwandel nicht zu sehen. Früher habe es allein in Wattenscheid acht Zechen mit 37.000 Beschäftigten gegeben. Im gesamten Ruhrgebiet seien es 860.000 Kumpel gewesen. Dieser Wandel habe die Region massiv getroffen, aber es seien viele neue Arbeitsplätze entstanden. "Wir können aber nicht von Düsseldorf aus sagen, wir bauen da jetzt eine neue Autofabrik oder ein neues Stahlwerk", sagt Yüksel.

Abgehängt oder nicht?

Die beiden Kontrahenten schauen sich bei dem Disput kaum an. Die Zuhörer im Saal applaudieren selten. Hier und da nickt ein Bürger oder schüttelt mit dem Kopf. Große Emotionen weckt der Strukturwandel-Zoff nicht - anders als vorher das Hallenfreibad.

Der Schlagabtausch zwischen SPD und AfD zeigt, wie weit die Meinungen zum Ruhrgebiet auseinander gehen. "Das Leid im Pott", kommentierte die "Süddeutsche Zeitung" unlängst. "Abgehängt" - so wird die Region mit der vor allem im nördlichen Teil immer noch überdurchschnittlich hohen Arbeitslosigkeit oft beschrieben.

Ministerpräsidentin Kraft, geboren in Mülheim an der Ruhr, sagt dagegen: "Das Ruhrgebiet hat mit 2,3 Millionen genauso viele Beschäftigte wie zu den besten Zeiten von Kohle und Stahl." Die Landesregierung sieht das Revier auf einem guten Weg. Rot-Grün hatte Schrottimmobilien, Langzeitarbeitslosigkeit, Kriminalität in Problemstadtteilen und Kinderarmut schon vor Jahren den Kampf angesagt - mit durchwachsenem Erfolg.

Wahlplakat der Grünen

Wahlkampf in der Wattenscheider Innenstadt

Zurück nach Bochum III - Herne II. Ein paar Tage nach der Podiumsdiskussion sehen sich die neuen Gegner SPD und AfD wieder. Es ist ein Samstag. In der Wattenscheider Fußgängerzone haben beide Parteien einen Infostand aufgebaut. Wenige Meter trennen die beiden Parteien. Man ignoriert sich. Beim Wochenend-Shopping lassen sich die Wattenscheider Kugelschreiber zustecken. Die meisten eilen bei dem kühlen Frühlingswetter an den Wahlkämpfern vorbei. Am SPD-Stand umarmt Kandidat Yüksel alte Bekannte. Bei der AfD holt sich eine Frau mit Kopftuch einen Luftballon für ihr kleines Kind ab.

Morddrohungen und Beleidigungen

Der Wahlkampf sei bestimmt "durch Polarisierung und Politisierung", sagt der Abgeordnete Yüksel. Man merke, dass sich wieder mehr Menschen für Politik interessieren. Aber es gebe auch eine hässliche Seite dieser Politisierung. Wie zahlreiche andere Politiker erhält Yüksel anonyme Hassbriefe und Morddrohungen. Neonazis, Salafisten und Erdogan-Trolle hetzen gegen Yüksel. Fast alle Parteien im Ruhrgebiet klagen über Drohungen und Vandalismus.

Vorbild "Front National"?

AfD-Experte Sebastian Friedrich

AfD-Experte Sebastian Friedrich

Wohin führt dieser polarisierte Wahlkampf? Kann die AfD in den SPD-Hochburgen des Ruhrgebiets Erfolge erzielen? Nach Meinung des Sozialwissenschaftlers Sebastian Friedrich wird die AfD es schwer haben, nach dem Vorbild des "Front National" in Frankreich "den ärmeren, abgehängten, prekarisierten Teil der Arbeiterschaft im Ruhrgebiet zu gewinnen". Die AfD bewertet er inhaltlich als neoliberale Partei. Dass die AfD-Botschaften arme Wähler in großer Zahl mobilisieren, sei "doch stark anzuzweifeln", sagt der Kenner der Partei. Einen richtigen Arbeitnehmer-Flügel mit einer relevanten Zahl von Mitgliedern gebe es derzeit in der AfD nicht. Per E-Mail eingereichte Fragen des WDR etwa zur Zahl der Arbeitnehmer in der Partei oder zur ihrer Wahlkampf-Planung im Ruhrgebiet beantwortet der AfD-Landesverband nicht.

Von Schuldenbremse bis Verkehrspolitik

In Wattenscheid läuft die Podiumsdiskussion jetzt schon über eineinhalb Stunden. Die Themen reichen von der Schuldenbremse bis zur Verkehrspolitik. Ein junger Mann aus dem Publikum meldet sich zu Wort. Er stellt eine längere Frage zum Steuerrecht. Nach und nach stehen die ersten Zuhörer auf und verlassen den Saal. Nebenan in der Kneipe läuft ein Fußballspiel im Fernseher - fast so wichtig wie die Zukunft des Hallenbades.

Stand: 09.05.2017, 06:00