Lindner on Tour: Der Durchreisende

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner in Monheim.

Lindner on Tour: Der Durchreisende

Von Martin Teigeler

Die Landtagswahl ist für die Liberalen nur eine Zwischenstation. Das große Ziel ist ein Comeback im Bund. FDP-Chef Lindner wirkt auf Wahlkampftour in Eile.

Christian Lindner steht im Nieselregen am Rhein in Düsseldorf. Der FDP-Chef hat Journalisten eingeladen, ihn bei seinem Wahlkampf durch Nordrhein-Westfalen einen Tag lang zu begleiten. Lindner, der Reiseleiter im marineblauen Anzug, hat die Ledertasche schon in der Hand und kann die Abfahrt kaum erwarten. Los geht's.

Auftritt der älteren Dame

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner unterhält sich auf dem Weg nach Monheim mit Journalisten im Wahlkampfbus.

Unterwegs im Wahlkampf-Bus: Christian Lindner

Kaum ein Bürger nimmt Notiz davon, wie Lindner auf der Rheinuferpromenade ein neues Plakat enthüllt. Da kommt eine ältere Dame mit getönter Brille auf den Politiker zu. "Die SPD wähle ich nicht mehr", sagt sie. Die Frau berichtet im Gespräch mit dem Liberalen, dass sie den Altliberalen Gerhart Baum kenne. Und Burkhard Hirsch auch. "Den sehe ich ja manchmal im Konzert."

Die ältere Dame mag die Begegnung als kleine Zeitreise empfunden haben: Baum war in der letzten sozialliberalen Bundesregierung in den Siebzigerjahren Innenminister. Hirsch hatte dieses Amt damals in der sozialliberalen Landesregierung in NRW inne.

Lindner versichert den Reportern lachend, dass die Dame nicht von der FDP bestellt worden sei. Weiter geht's in den Wahlkampf-Bus. Schnell. Lindner gibt ein Interview. Kurzes Augenzwinkern zur Reporterin. Und noch ein Interview. Zwischendurch checkt der 38-Jährige sein Smartphone und twittert.

FDP-Vorsitzender Christian Lindner steht in Monheim vor dem Gehege der Kindergarten-Ziegen.

Besuch einer Kita (mit Ziegen im Garten)

Erste Station bei einem Pharmaunternehmen in Monheim. Lindner besucht die Betriebs-Kita. Dann ein kurzes Gespräch mit Angestellten. Pharma sei eine "Schlüsselbranche", lobt Lindner. Er ermuntert dazu, ihm noch eine E-Mail mit konkreten Forderungen an die Politik zu schicken. Kurzer Mittagssnack: Chicken-Häppchen und Käse-Melonen-Würfel. Gruppenfoto. Die Ziege im grünen Kita-Garten soll er wegen Lausbefalls nicht streicheln. Lindner hält sich daran.

Kritik an Kraft

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner (l) und der Landtagsabgeordnete Joachim Stamp stehen  in Düsseldorf vor einem Wahlkampfplakat.

FDP-Chef Lindner mit dem möglichen Nachfolger in NRW, Fraktionsvize Joachim Stamp

Nächste Station. Interview bei einem Radiosender in Köln. Zwischendurch im Bus immer wieder Interviews. Wahlkampf-Rhetorik. Hannelore Kraft? Ja, die SPD-Politikerin könne NRW repräsentieren, sei aber eine "schlechte Managerin", sagt Lindner. Die Ministerpräsidentin steht im Zentrum seiner Kritik, wobei er ein sozialliberales Regierungsmodell, das Gerhart Baum und Burkhard Hirsch in guter Erinnerung haben, nicht ausschließt. Auch die CDU rügt er, weil die nur den "Status Quo" verwalten wolle. Der AfD wirft Lindner ein gestriges Gesellschaftsbild vor.

Was sagt der FDP-Chef zur Kritik, dass er zur Landtagswahl antritt, obwohl er doch im Herbst in den Bundestag wechseln will? "Das ist ein großer Nutzen. Unser Wahlergebnis zahlt auch schon ein auf die Bundestagswahl", sagt Lindner. Man kann das als politische Dreistigkeit bewerten oder für einen genialen Schachzug halten. Die Wähler müssen entscheiden, ob sie eine Partei mit Spitzenkandidat wollen, der seine Fahrkarte für die nächste Reise schon in der Ledertasche hat.

Ist das eine neue FDP?

Die FDP - 2013 politisch noch für mausetot erklärt - wird im Wahlkampf verkauft wie ein Start-Up. Seine jungen Mitarbeiter sagen "Christian", wenn sie über Lindner sprechen. Der Landesverband gibt den örtlichen Kandidaten "Support" beim Wahlkampf. Journalisten werden "gebrieft".

Ist das noch die alte FDP - oder eine neue Lindner-Partei? Der öffentliche Auftritt ist vielleicht der modernste unter allen NRW-Parteien. Aber die Inhalte sind ziemlich gleich geblieben im Vergleich zur alten, unpopulären FDP. Gegen zu viel "Wohlfahrtsstaat" ist die Partei. Wirtschaftsliberal sind die Freidemokraten - so wie immer. Bildung steht im Programm weiter vorn als früher.

Der Tag endet in Aachen. 500 Anhänger sind gekommen. Sie trotzen dem starken Regen und feiern Lindner mit viel Applaus. Der Spitzenkandidat posiert für Selfies mit Fans - und sogleich auch für die Reporter-Entourage. Am nächsten Tag geht die Tour weiter.

Schon lange aufstrebend

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner gibt in Düsseldorf Interviews.

Lindner beantwortet Reporter-Fragen zum Auftakt der Tour

Vor 17 Jahren zog Lindner erstmals als ganz junger Abgeordneter in den Landtag ein. Damals war Wolfgang Clement Ministerpräsident. Jürgen Möllemann war Landeschef der FDP. Lindner galt damals als jung, dynamisch, aufstrebend. 17 Jahre lang aufstrebend. Allein das ist ja schon mal eine Leistung - wobei Lindner auch Rückschläge hinnehmen musste, etwa als glückloser Generalsekretär der Bundespartei.

Auf Plakaten, in den FDP-Wahlkampfvideos, auch an diesem langen Kampagnentag wirkt Lindner immer wie auf Reisen. Er läuft zügig, fast ein wenig gehetzt. NRW ist eine Zwischenstation. Am 14. Mai werden die Wähler entscheiden, ob sie dem durchreisenden Lindner einen Schub geben wollen. Womöglich ist der Schub so stark, dass Lindners FDP in der Regierung landet - in Düsseldorf, später vielleicht auch in Berlin.

Stand: 03.05.2017, 06:00